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Queer the hell up, Popkultur!

Lara Keilbart 23.06.2017 Lesezeit 5 Min

Queerness kommt derzeit nicht über ein Nischendasein in der Mainstream-Popkultur hinaus. Das ist unzeitgemäß und auch nicht ganz logisch, denn es wäre so einfach, die Randfigur ins Zentrum zu rücken. Wie wäre es etwa, wenn Lara Croft im nächsten Tomb Raider Teil eine bisexuelle Dreiecksbeziehung führt?!

Am 30. April 1997 strahlte der Sender ABC The Puppy Episode der Serie Ellen aus. Dreh- und Angelpunkt war das lang erwartete Coming-out der Protagonistin als lesbisch. Ein historischer Moment für die Repräsentation von LGBTI (die Abkürzung steht für lesbian, gay, bisexual, trans und inter) und queeren Menschen. Doch wirklich viel hat sich in der Popkultur in den 20 Jahren seitdem nicht geändert.

Wirft man einen Blick auf die aktuelle us-amerikanische Fernsehlandschaft, zeigt sich zunächst ein positives Bild. Die Zahl der wiederkehrenden oder regulären LGBTI-Figuren steigt in den letzten Jahren kontinuierlich und liegt derzeit bei 4,8 Prozent. Gerade Streamingdienste wie Netflix tragen mit ihren Eigenproduktionen wie Orange Is The New Black und Sense8 einen großen Teil dazu bei, dass schwule, lesbische, bisexuelle und trans Personen mehr und besser repräsentiert werden.

Sense8 zeigt sehr gut, wie queere Repräsentation abseits von Stereotypen funktioniert. Das liegt zunächst schon ganz einfach daran, dass es mehr als nur eine queere Person im Hauptcast gibt. Die trans Frau und Hacktivistin Nomi Marks lebt zusammen mit ihrer lesbischen Freundin Amanita in San Francisco. Außerdem zeigt uns die Serie das mexikanische Schwulenpärchen Lito und Hernando, die in einer polyamoren Beziehung mit Daniela leben.

Sense8 schafft es wie keine andere Serie, das für immer mehr Menschen alltägliche Leben und die Probleme glaubhaft darzustellen und gleichzeitig eine mitreißende Mystery-Thriller Geschichte zu erzählen. Wir sehen die Ablehnung, die Nomi von ihren Eltern erfährt und die daraus folgenden lebensbedrohlichen Situationen. Der daraus resultierende Schmerz wird ebenso gezeigt wie die Stärke der Liebe zwischen ihr und Amanita. Wir sehen aber auch ihre Fähigkeiten als Hackerin, ihr Einfühlungsvermögen gegenüber den anderen Hauptfiguren und die positive Beziehung zu ihrer Schwester. Bei Lito erleben wir sein Coming-out und die Auswirkungen auf seine Schauspielkarriere genauso wie sein Einstehen für Daniela, die von einem gewalttätigen Ex-Partner belästigt wird.

Get them in the room!
Diese vielschichtige und angemessene Darstellung von queeren Menschen verdankt die Serie ihren Machern. Die Wachowski-Schwestern sind beide selbst queer. Durch ihre großen Erfolge wie Matrix oder Cloud Atlas haben sie sich einen Status erarbeitet, mit dem sie verstärkt queere Inhalte veröffentlichen können. Damit stehen sie in Hollywood leider nahezu alleine da.

Im Jahr 2016 gab es in lediglich 18,5 Prozent aller Hollywood Filme den Auftritt einer LGBTI-Figur

Vor allem im Mainstream-Kino tut sich sehr wenig in diese Richtung – und das trotz des Erfolgs von Filmen wie Moonlight. Die Geschichte um einen schwarzen, schwulen Jungen beziehungsweise Mann aus der amerikanischen Unterschicht gewann den Oscar für den besten Film. Im Jahr 2016 gab es in lediglich 18,5 Prozent aller Hollywood Filme den Auftritt einer LGBTI-Figur. Vor allem trans, inter und nicht-binäre Menschen finden so gut wie gar keine Repräsentation in großen Hollywoodproduktionen. Passiert es doch, dann werden sie fast jedes Mal von Heteros gespielt. Sei es Jared Leto in Dallas Buyers Club, Eddie Redmayne in The Danish Girl oder Matt Bomer in Anything.

Aber das verwundert kaum, hält man sich vor Augen, wie rückständig Hollywood noch bei der Gleichstellung von Frauen ist. Sowohl bei der Bezahlung als auch bei der Beschäftigung sind weiße, heterosexuelle cisgender (also innerlich wie äußerlich mit dem ihnen zugewiesenen Geschlecht im Einklang) Männer weiterhin massiv im Vorteil.

In anderen popkulturellen Medien sieht es im Mainstream wenig besser aus. Ein Blick auf die Comicszene macht das schnell deutlich. Nach einigen kurzen Intermezzos hat Marvel den Großteil seiner queeren Comicserien wieder eingestellt. Auch DC hält sich eher zurück. Zwar wurde mit Wonder Woman vor kurzem eine der großen Superheldinnen als queer bestätigt. Und die offen bisexuelle Batwoman bekam eine eigene Heftserie. Aber das war es dann auch schon. Aktuell liegt das daran, dass viele der großen Hauptserien eher von bewährten, etablierten Autoren geschrieben werden. Die jüngeren und oft auch queeren Autorinnen und Autoren sind derzeit eher bei anderen Verlagen wie Image, Aftershock oder Boom! tätig. Deren Marktanteil ist jedoch im Vergleich zu Marvel und DC gering.

Queere Figuren werden entweder nur im Subtext angedeutet oder tauchen als Randfiguren auf

Auch im Medium Games – in vielen Kreisen zum Leitmedium des 21. Jahrhunderts ausgerufen – spielt Queerness im Mainstream noch kaum eine Rolle. Während zahlreiche Indie-Games wie Read Only Memories 2046, Gone Home, Night in the Woods oder Fragments of Him queere Themen und Figuren in allen möglichen Varianten verhandeln, halten sich große Entwicklerstudios und Publisher sehr zurück. Oft bleibt es dem Spielenden überlassen, ob die Figur queer oder nicht queer ist, wie etwa bei Mass Effect, Skyrim oder The Sims. Oder aber queere Figuren werden entweder nur im Subtext angedeutet oder tauchen als Randfiguren auf, ohne größere Bedeutung für den Plot oder den Fortschritt des Spiels.

Dabei wäre es gerade im Gamesbereich äußerst simpel, mehr Queerness in den Mainstream zu tragen. Wie wäre es, wenn Lara Croft im nächsten Tomb Raider Teil eine bisexuelle Dreiecksbeziehung führt?  Oder Nintendo zeigt im nächsten Metroid Prime Samus Arans Backstory als intersexuelle Person? Im Sequel zu Horizon Zero Dawn könnte Protagonistin Aloy auf die Avancen einer anderen Hauptfigur antworten „Sorry, bin asexuell.“? Keine schwierigen Anpassungen – und würde es am Spaß der Spiele irgendetwas ändern? Nein. Games wie Overwatch zeigen dies deutlich.

Damit das aber auch authentisch wird, lautet die Devise, mehr queere Menschen an Big-Budget-Produktionen und dort auch in Entscheiderpositionen mitwirken zu lassen. Nur wenn queere Menschen in den Kreativteams zur Normalität werden, werden sie es auch im fertigen Produkt. Die Scheu vor Queerness ist dabei unbegründet. Bestenfalls erschließen sich Produktionsfirmen, Studios und Verlage eine große neue Käuferschicht.

Ansonsten bekommen wir auch weiterhin Geschichten von weißen cis hetero Männern und das ist nach über 30 Jahren einfach langweilig. Es gibt keine Verbote mehr, keine Zensur und damit keinen Grund queere Charaktere und Themen nicht im Mainstream zu verhandeln. Also queer the hell up, Popkultur!