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Die Polizei auf Social Media: Zwischen Memes und Großeinsätzen

Marlene Ronstedt 08.05.2017

Online-Streife oder Spaßvögel in Uniform? Die Grenzen sind manchmal fließend beim Auftritt der Polizei in sozialen Medien. Eine Herausforderung für die Nutzer, aber auch für die Polizei selbst. „Manche vergessen, mit wem sie es dort zu tun haben“, sagt der Frankfurter Polizei-Twitterer André Karsten. Er tritt bei der re:publica auf.

Bewaffnet mit dem Smartphone geht der Frankfurter Polizist André Karsten zum Einsatz. „Social Media“ steht in Großbuchstaben auf seiner blauen Jacke. So wissen die, mit denen er zu tun hat: Karsten twittert und postet das, was er erlebt. Ob es dabei um eine Großdemonstration, ein Fußballspiel, oder um niedliche Entenküken geht, die gerettet werden müssen – bei vielem, was die Frankfurter Polizei tut, ist der Twitterer vom Dienst mit dem Handy dabei, stellvertretend für die, die mehr über Polizeiarbeit wissen möchten und ihm auf Social Media folgen.

Waren Polizeiberichte in analogen Zeiten Journalisten und dann den Lesern der „Meldungen“-Rubrik in Tageszeitungen vorbehalten, zeigt sich die Polizei zunehmend offensiv im Netz. Nicht nur die Frankfurter Polizei hat Social Media für sich entdeckt, allen voran die Berliner und die Münchner machten bereits vor allem auf Twitter von sich Reden: die Hauptstadtpolizei durch 24-Stunden-jeder-Einsatz-wird-getwittert-Aktionen, die Münchner durch ihr besonnenes Auftreten beim Amoklauf, der die gesamte Stadt lahmlegte. So variantenreich wie die Polizeiarbeit selbst ist denn auch der Auftritt der Beamten auf den Social-Media-Plattformen: Tweets und Postings sind oft eine Mischung aus Infotainment und herkömmlichen Polizeiberichten.

Ein ganzer Berufsstand habe „durch seine Kommunikation in den sozialen Medien eine Art Imageaufschwung erfahren“, heißt es in der Kurzbeschreibung eines Panels auf der re:publica, das sich mit dieser neuen Art der Polizeiarbeit beschäftigt. Auch André Karsten sitzt dort auf dem Podium. Welche Rolle und Funktion soll die Polizei im digitalen Raum überhaupt einnehmen, ist eine der Fragen, um die es dort geht.

Auch die nach dem richtigen Fingerspitzengefühl soll auf der re:publica zur Sprache kommen. Denn die richtige Balance zwischen Zeugenaufrufen, Warnungen vor vergifteten Hundeleckerli und #WhatsAppDown-Memes zu finden, ist bei Polizeipräsenz auf den Social-Media-Kanälen die Herausforderung. Das bestätigt auch Karsten, der in Frankfurt ganz offiziell den neu geschaffenen Posten Polizeisprecher für den Bereich Soziale Medien innehat. Bevor er zum Social-Media-Beauftragten wurde, hat Karsten als Straßenpolizist gearbeitet. Seit 2014 twittert er für die Polizei Frankfurt. Ein Einsatz, der im Unterschied zu dem als Streifenpolizist eine potenziell riesengroße Öffentlichkeit erreicht, was auch die Zahl der Kritiker potenziert. 

2015 etwa handelten sich die @Polizei_ffm-Twitterer harsche Kritik ein, als sie vermummte Demonstranten nicht verpixelt zeigten und diese und andere Bilder von Demonstrierenden ironisch kommentierten. Da hieß es zum Beispiel unter einem Bild vom Schwarzen Block: „Bei solchen Bildern braucht man keine Verpixelungssoftware.“ Das Verhalten der Polizei auf Twitter sei etwas, „für das sie keine Ermächtigungsgrundlage“ habe, monierte Felix Hanschmann von der Universität Frankfurt damals. Der Rechtswissenschaftler hatte sogar verfassungsrechtliche Bedenken.  

Eine Grauzone ist das sicherlich: Informationen von Behörden stehen unter dem Gebot der Richtigkeit und Sachlichkeit, was bei einem Medium, das die Unmittelbarkeit braucht, nicht immer zu leisten ist. Auch begeben sich Polizisten auf schwieriges Terrain, wenn sie in Tweets und Postings Meinung durchscheinen lassen. Sie unterliegen der Neutralitätspflicht.

Im Gespräch mit WIRED betont Polizist Karsten, die Social-Media-Kanäle der Frankfurter Beamten würden 24 Stunden am Tag betreut, so sei zumindest sichergestellt, dass Kritik sofort ankomme und man ihr begegnen könne. Faustregel: „Ernsthaft sein, wenn es geboten ist und lustig, wenn es möglich ist.“ 

Kurios findet er, dass soziale Medien Menschen offensichtlich dazu verleiteten zu vergessen, dass hinter den Polizei-Tweets und -Postings reale Staatsbeamte stehen. „Kommt gut nach Hause“, lese er dann manchmal nach einem Einsatz, so als ob eine persönliche Verbindung bestehe. „Manche Nutzer vergessen, dass sie es mit der Polizei zu tun haben“, sagt Karsten. Eine Tatsache, die auch negative Folgen für die Nutzer haben kann: Beamtenbeleidigungen, ob nun online oder offline, können zu Anzeigen führen. 

Wiederum andere Nutzer hätten Schwierigkeiten zu unterscheiden, dass der Twitteraccount einer Polizei nicht deren Internet-Wache sei, erzählt der Frankfurter Twitterer. Immer wieder würden Vorfälle gemeldet, die dort nichts zu suchen hätten. 110 zu wählen, sei der deutlich effektivere und sinnvollere Weg. Allerdings: Wenn es um Zeugenaufrufe geht, sind die Netz-Kanäle die erste Wahl. Hier hätten die „Leute weniger Berührungsängste“, sagt Karsten. 

Auf dem Panel „Wir hab’n Polizei!“ diskutiert Karsten über die Herausforderungen des offenen Polizei-Dialogs mit der Kommunikationsforscherin Katharina Kleinen-Von Königslow und dem Kriminologen Thomas-Gabriel Rüdiger.

WIRED ist Medienpartner der re:publica 2017 und berichtet hier vom 8. bis 10. Mai live von der Konferenz in Berlin.

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