Philosoph und Google-Berater Luciano Floridi über Authentizität im Netz

Joachim Hentschel 21.10.2014 Lesezeit 3 Min

Luciano Floridi, Philosoph und Google-Berater, spricht mit WIRED über die Ich-Findung in Zeiten des Undo-Buttons.

LUCIANO FLORIDI ist Philosophieprofessor in Oxford, Spezialgebiet Informationsethik. Im Sommer berief Google ihn in eine Kommission, die das „Recht auf Vergessenwerden“ regeln soll. 

WIRED: Steckt unsere Identität heute im Instagram-Profil?
Floridi: In vielerlei Hinsicht: ja. Das hat aber nichts damit zu tun, dass die Technologie eine so zentrale Rolle in unseren Leben spielen würde – es geht vielmehr um die Rolle von Informationen. Und das Internet ist nun mal die beste Erfindung, um Informationen zu managen. Darum dreht sich ja die Frage nach der Privatsphäre: nicht um Information, die wir besitzen – sondern um Information, die wir sind.

Zu glauben, das Nicht-Digitale wäre echter als das Digitale, ist philosophisch Blödsinn.

WIRED: Für viele ist das Online-Ich minderwertig. Hindern uns solche Vorbehalte daran, die entscheidenden Fragen zu stellen?
Floridi: Ich sage es mal so: Im Unterschied zwischen analog und digital liegt keine ontologisch signifikante Differenz. Zu glauben, das Nicht-Digitale wäre aus irgendeinem Grund echter als das Digitale, ist philosophisch Blödsinn. Es spricht mehr dafür, dass wir im Internet authentischer sind. Wer im Büro vom Syrien-Krieg spricht, obwohl er sich in Wahrheit nur für Katzen interessiert, ist auf Facebook näher bei sich. Das Konzept der Authentizität wandelt sich derzeit.

WIRED: Überfordert uns der Fortschritt?
Floridi: Er ist auf jeden Fall schneller geworden. Früher lief es so, dass die ältere Generation die jüngere lehrte, wie man Technologie benutzt: Eltern brachten ihren Kindern Autofahren bei. Heute zeigen die Jungen den Alten, wie Twitter geht. Neue Gewohnheiten, eine neue Ethik können sich nicht mehr so gut setzen.

Wir müssen lernen, dass es im Leben keine Undo-Taste gibt.

WIRED: Sie beraten Google über ethische Aspekte des „Rechts auf Vergessenwerden“.
Floridi: Zum Glück haben sie erkannt, was ich schon lange predige: Wenn es um Technologie und Gesellschaft geht, stecken wir in einer Art Matroschka-Puppen-System. Die User sind die kleinste Puppe, Firmen wie Google und Microsoft sind die zweite, der rechtliche Rahmen ist die dritte. Aber es gibt eben noch eine vierte, größere Puppe: den ethischen Kontext.

WIRED: Wer ein Suchergebnis aus der Liste schmeißt, korrigiert seine Identität. Ist das ethisch korrekt?
Floridi: Die Kultur erzieht uns gewissermaßen dazu, mit der Undo-Möglichkeit zu rechnen: Man löscht Bilder und Nachrichten, annulliert Verpflichtungen. Das ist schon ein irreführendes Signal, das wir hier von der Technologie bekommen. Wir müssen lernen, dass es ein Undo im Narrativ des Lebens nicht gibt.