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Ökonom kartografiert Drogen-Routen anhand von Kokainpreisen

Liat Clark 14.06.2014

Ein Wirtschaftswissenschaftler hat eine Landkarte der Drogenpreise in den USA entwickelt. Sie soll der Polizei helfen,  herauszufinden, auf welchen Wegen die Drogen von Stadt zu Stadt gelangen.

Die Erkenntnisse von Siddharth Chandra von der Michigan State University bestätigen größtenteils die bisherigen Theorien über die Ausbreitung von Drogen in den USA. Allerdings hat Chandra auch wichtige, bisher unbekannte Routen entdeckt, die bei der Strafverfolgung in Zukunft sehr hilfreich sein könnten.

Chandras Studie, die ausschließlich den Kokainhandel untersucht, basiert auf Statistiken des National Drug Intelligence Centre (NDIC), das zum US-Justizministerium gehört. Die Daten beziehen sich auf die Großhandelspreise von Kokain in Pulverform. Sie wurden von Polizeibeamten bei Festnahmen und Verhören ermittelt. Chandra analysierte Daten von 2002 bis 2011 aus 112 Städten und suchte nach Verbindungen zwischen insgesamt 6.126 Städtepaaren.

Seine Grundannahme lautet: In den Städten, in denen die Drogen ins Land gelangen, ist der Großhandelspreis am geringsten. Auf dem Weg zum Zielort steigt der Preis dann immer weiter an. Gibt es eine unerwartete Preissteigerung an der Quelle, beispielsweise aufgrund von Lieferengpässen, beeinflusst dies auch den Endpreis, der dann wesentlich höher ist. Außerdem werde auf diese Weise deutlich, welche Städte am stärksten von welchen Ursprungsorten oder Routen abhängig sind. Anhand dieser Struktur analysierte Chandra sowohl den üblichen Weg des Kokains durch die USA als auch das Preisgefüge. So konnte er einzelne Orte als „Ursprung“, „Ziel“, „Transit“ oder „isolierte Stadt“ definieren.

N = isolierte Stadt, D = Ziel, S = Ursprung, T = Transit

Die Analyse zeigte, dass die Preise in Städten im Süden und im Westen am niedrigsten sind, und dass sie steigen, je weiter man in den Norden oder Osten wandert.

Die Quell-Städte befinden sich demnach an der Grenze zu Mexiko und entlang der Westküste bis hoch in den Bundesstaat Washington. Einzige Ausnahme: Chicago. Die Daten hätten ergeben, dass die Stadt ein Hauptumschlagplatz geworden sei, woraus man schließen könne, „dass es der Drogenschmuggel bis hinauf ins Herz des Mittleren Westens geschafft hat“, schreibt Chandra in „Journal of Drug Issues“.

Gründe seien „die lange Geschichte Chicagos als Zentrum des organisierten Verbrechens“ und die große Anzahl von Spanisch sprechenden Einwohnern mit Verbindungen nach Mexiko, was auch „im Zusammenhang mit dem Kokaintransport über den Atlantik“ eine Rolle spiele. Eine sehr breite Interpretation, aber Chandra ist eben Wirtschaftswissenschaftler und stellt nur die Fakten dar. Alles Weitere ist Theorie und Spekulation.

Eine weitere wichtige Stadt für den Norden neben Chicago ist New Haven, die zweitgrößte Metropole im Bundesstaat Connecticut. Beide Städte ähneln laut Chandra stärker einer Quellstadt als ihre Nachbarmetropolen. „Das lässt darauf schließen, dass Kokainladungen hier eintreffen, bevor sie in den entsprechenden Regionen vertrieben werden. Daher können diese Städte als regionale Umschlagplätze für den Kokainhandel angesehen werden.“ Das gleiche gelte für Atlanta im südöstlichen Bundesstaat Georgia.

Eine wichtige Erkenntnis, die aus bisherigen Drogenkarten noch nicht hervorging: Auch Kansas City verfügt über „ähnliche Charakteristika wie eine Ursprungsstadt“. Die Stadt sei ein wichtiges Glied in der Drogenkette. Außerdem hätten Jacksonville in Florida und Baltimore in Maryland Eigenschaften von „Transit-Städten“. Newark nahe Philadelphia und Washington D.C. galten bisher immer als „isoliert“, Chandra fand jedoch heraus, dass sie eher als „Ziele“ zu klassifizieren sind – mit vermutlich jeweils mehr als 20 Lieferverbindungen. „Die Neuklassifizierung dieser Städte vergrößert die Anzahl der Zielorte im Nordosten der USA und rückt sie näher an die angrenzende Region im Süden“, so Chandra.

Wäre es möglich, Landkarten wie die von Chandra in Echtzeit zu erstellen, indem man die Preise einspeist, sobald sie der Polizei zur Verfügung stehen, könnten neue Routen und Veränderungen in der Städte-Struktur sofort aufgedeckt werden. Und dementsprechend schnell könnte man Personal eingesetzen, um den Kampf gegen den Drogenhandel aufzunehmen.

Für mich als Ökonom ist die wichtigste Erkenntnis, dass Preise immer auch wertvolle Informationen über die Transportwege von illegalen Gütern beinhalten.

Siddharth Chandra

„Diese Daten ermöglichen es uns, Verbindungen zwischen Städten aufzudecken, die den Drogenfahndern vielleicht entgangen sind. Indem man Muster und Orte identifiziert, kann man Gerichte und Behörden auf nationaler, staatlicher und kommunaler Ebene bei der Entscheidung unterstützen, wo und wann sie ihre begrenzten Polizeikräfte einsetzen wollen, um das Kokainproblem zu bekämpfen“, sagt Chandra.

Allerdings berücksichtigten die Daten keine Drogen, die auf dem Luft- oder Wasserweg in die USA gelangen, räumt Chandra ein. Und sie beruhen völlig auf den Aussagen von Festgenommenen gegenüber der Polizei, deren Wahrheitsgehalt nur schwer geprüft werden kann. Diejenigen Dealer, die nicht festgenommen werden, aber natürlich trotzdem die Preise beeinflussen, werden hingen nicht erfasst.

Trotzdem schlägt Chandra vor, sein Modell auch auf den Handel mit anderen Drogen in den USA anzuwenden. Zum Beispiel für Heroin, MDMA oder Methamphetamine, zu denen dem National Drug Intelligence Centre ebenfalls Daten vorliegen. 

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