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Kunst-Hacking-Team: Skandal um 250 Tonnen Dino-Knochen

07.09.2017 Lesezeit 7 Min

Sie leaken die Daten der Nofretete oder befreien Dinosaurier-Fossilien aus dem Museum: Das Künstlerduo Nora Al-Badri und Nikolai Nelles wehrt sich gegen „kulturelles Fracking“ – und bricht das Monopol von Museen auf.

In dieser Geschichte geht es um Dinosaurier-Knochen: Riesendinger, einer davon ist knapp zwei Meter groß, aus dem Oberschenkel eines Brachiosaurus, der seinen letzten Atemzug im heutigen Tansania tat. Im Berliner Naturkundemuseum zählt der Knochen zur Hauptattraktion, als Teil des weltweit größten Dino-Skeletts.

Für Nora Al-Badri und Nikolai Nelles ist der Knochen ein Skandal – und Symbol für eine westliche Praxis, die sie als „Cultural Fracking“ anprangern wollen: „Dinosaurier sind eine Metapher für ein sehr westliches, eurozentrisches Konzept – Dinge aus der Erde herauszunehmen und nichts als Zerstörung zu hinterlassen“, sagt Nora Al-Badri. „Und wenn man über Dinosaurier redet, redet man auch über Knochenfunde und die Territorien, aus denen die Knochen kommen.“

Zwischen 1909 und 1913, Tansania war damals noch Teil der deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika, grub ein Forscherteam am Tendaguru-Hügel Fossilien aus – seitdem gilt das Gebiet als eine der wichtigsten Ausgrabungsstätten. „Die gigantische Menge Knochen dieser gigantischen Wesen ist ein Beispiel für das Ausmaß des Frackings, das stattgefunden hat: 250 Tonnen Knochen wurden aus Tansania nach Berlin gebracht“, so Al-Badri.

Nikolai Nelles

Die deutschen Wissenschaftler wurden als Entdecker gefeiert, der koloniale Kontext, in dem die Bergung der Fossilien stattfand, wird bis heute kaum öffentlich thematisiert. „Das Naturkundemuseum hat eine kleine Karte des afrikanischen Kontinents, ein Mini-Piktogramm, wo ein roter Punkt irgendwo im Osten auf dem Kontinent ist“, sagt Nikolai Nelles. „Das war uns dann doch zu wenig – vor allem, weil es von diesen Grabungen viele detaillierte Berichte gibt. Ein Museum zu dekolonisieren ist eine konstruktive Kritik und soll zu neuer Relevanz und zu einem wahrhaftigen Museum verhelfen.“

In der Berliner NOME Gallery zeigen Al-Badri und Nelles deshalb ab dem 8. September 2017 eine andere Version der Geschichte, in ihrer ersten Einzelausstellung in Deutschland: „Not A Single Bone“. Der Titel ist eine Anspielung auf einen Mitarbeiter des Naturkundemuseums, der jegliche Zusammenarbeit verweigerte – er werde „keinen einzigen Knochen nach Afrika“ zurückgeben.

Nora Al-Badri

„Wenn es nach dem Museum ginge, hätten wir den Knochen bis heute nicht“, so Al-Badri. Die 3D-Daten, mit dem die Künstler eine originalgetreue Kopie des Oberschenkelknochens aus Gips, Glasfaser und Acrylfarbe anfertigen lassen konnten, haben sie auf anderem Weg „gefunden“, wie sie es nennen. Vielleicht hatte sogar ein Whistleblower aus dem Naturkundemuseum selbst Sympathien mit der Befreiungsaktion? Jetzt jedenfalls thront die Nachbildung in der Ausstellung in der NOME Gallery, die eine Debatte über die Herkunft des Exponats auslösen will.

Mit ihrer politischen Kunst schütteln Nora Al-Badri und Nikolai Nelles die Museumswelt wie Enfants Terribles durch. Ihre Waffen: Daten und öffentlichkeitswirksame Aktionen, mit denen die beiden die Deutungshoheit aufbrechen, die Museen durch den Besitz von Objekten und Daten haben. „Wir wollen den Finger in die Wunde legen“, so Nikolai Nelles. Bei der Ausstellung lassen sie auch KI-Software ihre Vorstellung eines Dinosauriers erstellen – und sie dokumentieren ihr letztes Projekt: „The Other Nefertiti“.

Wir wollen den Finger in die Wunde legen

Nikolai Nelles

2015 wurde das Duo mit dem „Nofretete-Hack“ bekannt. Die weltberühmte Büste der ägyptischen Königin Nofretete wurde 1913 nach Deutschland gebracht, sie ist eines der wertvollsten Kunstschätze des Neuen Museums in Berlin – Ägypten hat sie immer wieder erfolglos zurückgefordert. Al-Badri und Nelles reisten deshalb nach Ägypten und gruben einen 3D-Druck der Nofretete-Büste im Wüstensand der Sahara ein.

Eine zweite Gips-Replik gruben sie aus – das wackelige Handyvideo vom angeblichen Fund der zweiten Nofretete spielten sie ägyptischen Medien zu. Der Hoax flog schnell auf, doch er befeuerte die Debatte darum, wem Kulturgut, das über Grenzen wandert, gehört.

Zum Remix freigegeben: Die aus Daten erstandene Nofretete

Die beiden Künstler lösten den Konflikt digital: Sie boten die 3D-Daten der Büste – die ihnen damals jemand zugespielt haben muss, obwohl es erst hieß, sie hätten die Büste im Museum mit einer Kinect gescannt – auf einer Webseite zum Download an. Tausende folgten dem Aufruf zum Remix, schufen ihre eigenen Versionen der Ikone: Nofretete als quietschgelbe Mini-Figur aus dem 3D-Drucker, als Model mit Regenbogenfrisur, in Videoanimationen. „Uns ist es wichtig, dass wir auch in der Realität etwas verändern, dass es nicht nur im symbolischen verhaftet bleibt – auf einmal hatten alle Zugang zur Nofretete, das Monopol des Museums, auch das ökonomische, ist weggefallen“, so Nora Al-Badri.

Aus naturwissenschaftlicher Perspektive ist dieser Ort gut beforscht, aber es hat bis heute niemand mit den Menschen darüber gesprochen, was sie über die Knochen wissen.

Nora Al-Badri

Den Dinoknochen wollen sie aber nicht leaken, obwohl er sicher eine steile Remix-Vorlage wäre. Sie wollen, dass die Community, aus der der Knochen stammt, entscheidet, was damit passiert – und mit den Daten. Die Ausstellung in Berlin ist der Startschuss für ein viel größeres Projekt: Al-Badri und Nelles wollen die Knochen und ihre Geschichten – zumindest digital – zum Tendaguru-Hügel in Tansania zurückbringen und dort eine neue Form von Museum erschaffen – gemeinsam mit den Bewohnern des Gebietes.

In Tansania haben sie Anfang des Jahres nach Spuren gesucht, Enkel von Tansaniern aufgetrieben, die den deutschen Entdeckern Hinweise gaben, wo Fossilien zu finden sind, und die die Knochen durch den Busch schleppen mussten, bis an die Küste, ein Viertagesmarsch. „Es war ein wahnsinniges Unterfangen – und bis heute ist es das Narrativ des Museums, dass deutsche Forscher das gefunden haben“, kritisiert Nikolai Nelles. ,,Es wird völlig außer Acht gelassen, dass die Menschen, die dort gelebt haben, über Jahrhunderte mit diesen Knochen kulturelle Riten hatten und eine Kultur und Wissen um diese Fundstätte gebildet hatten – aber sie haben sie eben nicht ausgegraben und beforscht, sondern hatten andere Zugangsweisen.“

Vor Ort kennt heute kaum jemand die Bedeutung von Tendaguru – weil an der Fundstätte nichts mehr übriggeblieben ist, außer bewaldete Hügel und Geschichten. „Aus naturwissenschaftlicher Perspektive ist dieser Ort gut beforscht, aber es hat bis heute niemand mit den Menschen darüber gesprochen, was das für sie bedeutet, was sie mit den Knochen gemacht haben und was sie darüber wissen“, so Nora Al-Badri. „Das möchten wir verändern – wobei es nicht darum geht, dass wir Videos mit den Einheimischen machen und das dann neben den Knochen veröffentlichen, also eine Romantisierung oder Indigenisierung betreiben, sondern es geht um ein Neuverhandeln der Objekte und ihrer Geschichten.“

In Tendaguru soll zusammen mit der Community eine neue Form von Museum entstehen, mitten in der Natur, eine Mixed Reality, die die Bewohner der umliegenden Dörfer und Besucher mit ihren Mobiltelefonen begehen können. „Wir würden einen virtuellen, non-invasiven, multisensorischen Ort mitten in der Natur vorschlagen, von dem die Community profitiert, was sie bis heute nicht tut – aber der trotzdem von vielen Orten besucht werden kann und keinen Massentourismus auslöst“, so Nelles.

Mit einer virtuellen Installation, die international durch Museen reist, oder einem digitalen Raum könnten die Stätte und die Geschichten weltweit zugänglich werden – ohne dass Tendaguru selbst von einer Horde Hardcore-Dino-Touristen überschwemmt wird. So soll Nora Al-Badri zufolge ein Raum der Erinnerung entstehen, der sich von den traditionellen Vorstellungen von einem westlichen Museum löst: „ein Museum, das sich in die Hyperrealität ausweitet und das über eine Indigenisierung von Technologie, Immersiveness und Natur hinausgeht“.

Während die Künstler an ihrem Tansania-Projekt feilen, übernimmt ein Konsortium aus internationalen Konzernen wie Bayer/Monsanto, Nestlé oder Unilever ein Stück Land im Süden Tansanias, das so groß ist wie Italien. Mit dem milliardenschweren, von der Weltbank geförderten Mega-Projekt „Southern Agricultural Growth Corridor of Tanzania“ (SAGCOT) soll Tansanias Landwirtschaft modernisiert werden – erneut, ohne die Bevölkerung wie lokale Kleinbauern miteinzubeziehen. Tausende von Hirten wurden gewaltsam vertrieben, die Weltbank hebelte ihre eigenen Standards zum Umgang mit Ureinwohnern in Tansania aus, auch Deutschland unterstützt das Projekt.

Nora Al-Badri und Nikolai Nelles sehen das als „koloniale Kontinuität“: Erst die Dinosaurierknochen, jetzt andere Bodenschätze. Das Gebiet um Tendaguru wollen sie stattdessen in ein lokal verwaltetes Naturschutzgebiet umwandeln. Ein Fünf-Punkte-Plan, den sie zusammen mit der Lokalregierung entwickelt haben, steht schon. „Counter-Landgrabbing“, nennt Nelles ihren Versuch, den Fundort der Dino-Knochen vor zukünftiger Ausbeutung zu schützen.