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Nintendos Miitomo-App ist ein verstörendes Poesiealbum

Dominik Schönleben 04.04.2016

Miitomo, die Social-Media-App von Nintendo, ist in Deutschland gestartet. Anstatt durch eine Timeline oder mittels eines Nachrichten-Streams interagiert man dort mit niedlichen Avataren. Sie stellen dem User Fragen und gleichen die Antworten dann automatisch mit den Avataren der Freunde ab. Das Soziale Netzwerk degradiert den User so zum Zuschauer, der sein kleines digitales Ich dabei beobachtet, wie es über Themen redet, die Nintendo vorgibt.

Nintendo ist dafür bekannt, seinen eigenen Weg zu gehen. Motion-Control-Spiele auf der Wii oder der unhandliche Controller mit  Monitor bei der Wii U sind Beispiele dafür. Die neue und erste Smartphone-App des Unternehmens könnte sich hier bestens einreihen. Anstatt „Super Mario“ oder „Zelda“ mit Microtransaktionen aufs Smartphone zu bringen, wie es sich viele Spieler — und vor allem Investoren — gewünscht hätten, präsentiert Nintendo mit Miitomo (für iOS und Android) sein eigenes soziales Netzwerk.


Wer sich bei Miitomo registriert, muss sich einen Mii erstellen. Ein digitales Alter-Ego, wie man es bereits aus dem Online-Dienst der Nintendo Wii und Wii U kennt. Man gibt dem eigenen Mii eine Gesichtsform, eine Frisur und zieht ihm Kleidung an. Dazu kommt — und hier wird bereits klar, wie sich die Plattform von anderen unterschiedet — eine Persönlichkeit und eine Stimme.

WIRED-Autor Daniel Ziegener (Sofa) denkt auf Miitomo in seiner tristen Einzimmer-Wohnung über sich selbst nach.  

Denn in Nintendos Social-Media-Welt kommunizieren User nicht mehr selbst, sondern nur noch ihre Avatare. Die Nintendo-Charaktere teilen einem etwa mit: Ich habe dieses Foto geschossen, ist es okay, wenn ich es deinen Freunden zeige? Oder sie stellen den Freunden vorgefertigte Fragen und erzählen dem eigenen Avatar dann von deren Antworten.

Ihr Verhalten orientiert sich immer an einer vorher eingestellten Persönlichkeit. Der eigene Mii wird so zum idealisierten Selbstbild. Der Charakter eines Nintendo-Avatars könnte zum Beispiel so aussehen: Ich arbeite aus Überzeugung hart, bin aber manchmal sehr verplant. Förmlich, ungeduldig, direkt und selbstbewusst reagiert er dann auf die Postings der Miis der Freunde.

Doch worüber sprechen die autonomen Mini-Mes auf der Datenbank von Nintendo? Über unsere Wünsche, Träume, oder was uns gefällt. Während Besuchen bei anderen Miis quatschen sie dann den lieben langen Tag auf Grundlage ihrer Profile und der von ihnen gesammelten Antworten — alles mit Sprachausgabe.

Das Persönlichkeitsprofil des Miis von WIRED-Redakteur Dominik Schönleben auf Miitomo.

Wer dem eigenen Mii oder Besuchern Fragen beantwortet, darf sich Punkte gut schreiben und steigt Levels auf: „Was ist dein Lieblingsessen“, „Welcher Film hat dir gefallen?“, „Wie viele Beziehungen hat man im Leben, bis man den oder die richtigen findet?“ und „Was ist die wichtigste Eigenschaft des perfekten Lebenspartners“.

Die kleinen Miis laufen also Tag ein Tag aus manisch in ihrer digitalen Einzimmer-Wohnung herum. Sie teilen weder Fotos aus dem realen Leben ihrer Herrchen, noch Links derer Interessen. Stattdessen sind sie gefangen in der Interaktionswelt, die Nintendo ihnen eingesteht. So eng wie der Mii-Avatar-Generator nur zwischen Mann oder Frau unterscheiden kann, liegt auch der soziale Spielraum, der von Nintendo abgesegnet wird. Es gibt einfach begrenzte Möglichkeiten auf die Frage „Was hast du gestern zu Abend gegessen“ zu antworten und danach das Thema zu kommentieren.

Laut Nintendo soll die App dazu dienen, dass „Nintendo-Fans sich in einer unbeschwerten, verspielten und einladenden Umgebung mit ihren Freunden austauschen.“ Doch durch die vorgefertigten Fragen wird die eigene Meinungen vergleichbar. Man kann sehen, wie viele Partner die Freunde für angemessen halten oder welche Videospiele gerade beliebt sind. Vielleicht beeinflusst das dann sogar die eigene Antwort.

In einem Mini-Spiel kann man versuchen neue Outfits frei zu schalten.

Während andere soziale Medien uns zusammenführen, uns Interessensgruppen bilden lassen, in denen wir uns austauschen oder interagieren können, ist Miimoto also äußerst eingeschränkt. Das ist vor allem bedenklich, wenn diese App zentraler Teil des Nintendo-Ökosystems werden sollte. Für viele Kinder ist es dann vielleicht der erste Kontakt mit sozialen Netzwerken — vor allem weil Eltern aus Erfahrung der kinderfreundlichkeit Nintendos vertrauen.

Miitomo ist ein Netzwerk, bei dem man dazu aufgefordert wird, sich klar mit der eigenen Meinung zwischen den Antworten der Freunde einzuordnen. Es wird eine gewisse Norm geschaffen und man kann gar nicht anders, als sich mit der eigenen Antwort innerhalb des von den Freunden vorgegebenen Spektrums zu bewegen.

Klar, der Like-Button von Facebook kann ähnlich interpretiert werden, aber er gibt zumindest nicht vor, welche Themen überhaupt besprochen oder gelikt werden sollen. Miitomo erinnert mit seinen Fragen mehr an ein Poesieablum als an ein echtes soziales Netzwerk.

Neben den Fragen ist das zweite zentrale Element der App das Ankleiden des eigenen Miis. An Spielautomaten kann man neue Outfits gewinnen, mit denen der eigene Mii dann Freunde besuchen oder Fotos schießen kann. Die Ingame-Währung kann man zwar auch mit Echtgeld kaufen. Mit Werbung hält sich Nintendo in der App glücklicherweise ziemlich zurück.

Jedes mal, wenn man sich ein neues Kleidungsstück kauft, fordert einen die App auf, ein Foto des Miis mit den Freunden zu teilen.

Der Plattform Miitomo fehlt der Witz von Twitter, die Unmittelbarkeit von Snapchat und das Selbstdarstellungspotential von Facebook. Aber sie steht erst am Anfang ihrer Laufbahn. Sie scheint entweder Nintendos vorsichtiger Test zu sein, sich mit der Plattform Smartphone anzufreunden, es wird dann schwierig, wenn sie zum zentralen Kontenpunkt aller Nintendo-Apps wird. Der Ort, an dem Nintendo vorgibt, welche Fragen zu den eigenen Spiele oder Apps diskutiert werden dürfen.