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Neue Studie: Männer werden auf Wikipedia häufiger verlinkt als Frauen

Max Biederbeck 03.02.2015

Sprachforscher glauben, dass die Ungleichheit der Geschlechter tiefer in der Wikipedia verwurzelt ist als bisher angenommen. Wissenschaftler der ETH Zürich, der Universität Koblenz-Landau und des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften (GESIS) haben sechs Sprachversionen der Enzyklopädie mit drei wissenschaftlichen Datenbanken bekannter Personen aus der Zeitgeschichte verglichen. 

Die Forscher verglichen Wikipedia zum Beispiel mit „Freebase“, einer Datenbank mit 120.000 bekannten Persönlichkeiten, und „Pantheon“, einer Liste, in der Mitarbeiter des MIT historische und kulturelle Prominenz zusammengestellt haben. Das Forschungspaper liefert dabei erst einmal positive Resultate.

Wir stellen fest, dass die Art und Weise, wie Frauen porträtiert werden, völlig von der Darstellung von Männern abweicht.

Autoren der Studie

In allen sechs Sprachversionen von Wikipedia werden die prominenten Frauen aus den Datenbanken aufgeführt und ausführlich in eigenen Artikeln behandelt. Auch stellen die Sprachwissenschaftler fest, dass Frauen auf der englischen Startseite von Wikipedia im gleichen Maße gefeatured werden wie Männer. Hier scheinen die Gleichstellungsbemühungen der Seitenorganisatoren „Wikimedia“ zu guten Resultaten zu führen. „Das sind ermutigende Ergebnisse, die darauf hindeuten, dass die Wikipedia-Autoren-Community sensibel für Gender-Ungleichheiten ist und auch darauf reagiert“, heißt es im Paper. Das Problem, so die Forscher weiter, sei aber nicht die Zahl der Nennungen — sondern das „Wie“.

„Wir stellen fest, dass die Art und Weise, wie Frauen porträtiert werden, völlig von der Darstellung von Männern abweicht“, schreiben die Wissenschaftler. Sie fanden bei Einträgen über Frauen in allen sechs Sprachen heraus, dass darin überdurchschnittlich viele Links zu Artikeln über Männer führen. Umgekehrt sei das nicht der Fall.

Die unterschiedlichen Linkzahlen führen zu unterschiedlichen Rankings in den Suchmaschinen.

„Man kann nur vermuten, dass die meisten Texte von Männern verfasst werden, und sie dabei andere Männer im Hinterkopf haben“, sagt die an der Studie beteiligte GESIS-Forscherin Claudia Wagner. Dass das der einzige Grund für die Ungleichverteilung ist, hätten sie und ihr Team bei der statistischen Auswertung aber bereits ausgeschlossen. Die Zusammenhänge müssen also komplizierter sein. Die unterschiedlichen Linkzahlen sind dennoch wichtig, weil sie zu unterschiedlichen Page Ranks bei Suchmaschinen führen. Kurz gesagt: Das Geschlecht mit den meisten Links wird auch öfter bei Google gefunden.

Anscheinend gelten persönliche Details wie der Familienstatus bei Frauen als erwähnenswerter.

Claudia Wagner, GESIS-Forscherin

Die Forscher untersuchten auch die Anzahl an geschlechtsbezogenen Wörtern in jedem der biographischen Einträge. Laut der Studie fallen Artikel über Frauen dadurch auf, dass sie dazu tendieren, „überauszudrücken“, dass es im Text um eine Frau geht. Es werden beispielsweise besonders häufig Wörter wie „Frau“, „weiblich“ oder „Lady“ benutzt. In Artikeln über Männer ist das nicht der Fall: „Mann“, „männlich“ oder „Gentleman“ fehlen hier meistens. Auch Wörter wie „verheiratet“, „geschieden“, „Kinder“, oder „Familie“ tauchen regelmäßiger in Artikeln über Frauen auf.

„Auch hier ist die Frage nach dem Warum noch nicht geklärt“, sagt Claudia Wagner. Am interessantesten wären dabei Wörter wie etwa „Scheidung“, die erst in neueren Einträgen auf der Wikipedia vorkommen, aber eindeutig mit Frauen in Verbindung gebracht würden. „Anscheinend werden persönliche Bereiche wie zum Beispiel der Familienstatus bei Frauen als erwähnenswerter erachtet als bei Männern“, so Wagner.

Erst vor kurzem kam es zu einer Debatte über die Darstellung von Frauen im Wikipedia-Artikel zur GamerGate. Mehr über Wikipedia auch in der großen WIRED-Germany-Reportage „Alles muss rein“. 

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