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Beim 33C3 Kongress des Chaos Computer Club geht es gegen das Düstere

Chris Köver 27.12.2016

Für Netzaktivisten und Hacker fast schon ein Ritual: kurz nach Weihnachten nach Hamburg zum Kongress des Chaos Computer Club (CCC) fahren. „Ein lichter Ort zum Durchatmen“, wie eine Teilnehmerin sagt – aber auch eine echte Herausforderung angesichts des Wiedererstarkens von Datensammlern, Überwachern, Angstmachern.

Es war ein hartes Jahr. Das gilt aus fast jeder Perspektive. Ganz besonders gilt es aber aus der Sicht von Menschen, die sich für Datenschutz und das Recht auf Privatsphäre engagieren. Viele von ihnen treffen sich gerade in den Hamburger Messehallen zum traditionellen Jahreskongress des Chaos Computer Club (CCC) – und man muss sich das vorstellen wie eine Art Ferienlager für die Szene. Vier Tage, an denen diskutiert und vorgetragen, gemeinsam gehackt und gefeiert wird. Viele werden das nach diesem Jahr besonders nötig haben.

Terrorismus und illegale Migration nach Europa haben fast alle anderen Themen von der Agenda verdrängt. Das war schon Ende 2015 der Fall, nach dem Anschlag von Berlin gilt es aber erst recht. Entsprechend der Tenor draußen: Bitte mehr und effektivere Überwachung, bitte abhören, Daten sammeln, Datenbanken vernetzen, bitte härterer Grenzschutz an den Außenmauern von Europa. Hauptsache wie hier drin sind sicher. Eine ideale Situation für all jene, die solche mehr Überwachung durchsetzen wollen; eine strategisch sehr schlechte hingegen für jene Experten, die vor den Gefahren dieser Maßnahmen warnen und deren Argumente derzeit nicht so recht in den Zeitgeist passen.

Bei früheren Besuchen hatte ich immer das Gefühl: Was hier verhandelt wird, ist viel dystopischer als die Welt drumherum. Dieses Jahr habe ich das Gefühl, die Welt ist düster geworden und für vier Tage ist der Congress ein lichter Ort zum Durchatmen und Kraft schöpfen

Tine Nowak, Podcasterin

In diesem Sinne ist auch das Motto des diesjährigen 33. Kongresses zu verstehen: „Works for me“, auf deutsch in etwa „Funktioniert für mich“. Programmierer sagen das gerne, wenn sie ein Problem als für sie irrelevant abtun wollen: Was juckt mich das, für mich funktioniert doch alles prima. Das Motto ist allerdings eher als Provokation gedacht, denn in ihrer Ankündigung stellen die Veranstalter klar, dass „Funktioniert für mich“ als Haltung – egal ob in der IT oder in der Gesellschaft – eben nicht ausreicht: „Wie kein anderes Jahr hat uns 2016 gezeigt, wie gut ‘Funktioniert für mich‘ für uns funktioniert. Nämlich gar nicht. Wechselseitiger Hass, Neid und Ausschluss haben uns gespalten. Wir fühlen uns isoliert und wenden uns gegeneinander.“ Exzessive Überwachung werde gerade zur neuen Normalität – wenn nicht für alle, so zumindest für jene, die als anders gelten. 

Und tatsächlich lief politisch wieder vieles gegen die Interessen der Aktivisten: Statt im vierten Jahr nach Snowdens Enthüllungen die Befugnisse der Geheimdienste einzudämmen, darf der Auslandsgeheimdienst BND seit dem Sommer zum Beispiel auch ganz legal im Inland abhören. Erst vor wenigen Tagen beschloss das Bundeskabinett noch schnell eine Änderung des Datenschutzes, die es erlaubt, die Videoüberwachung an öffentlichen Orten weiter auszubauen. Auf europäischer Ebene werden ab diesem Jahr die Daten jedes Menschen gespeichert, der in ein Flugzeug steigt – fünf Jahre lang und auch innerhalb von Europa. Und die verhasste Vorratsdatenspeicherung, 2015 entgegen dem Rat von Experten wiedereingeführt, soll nun auch noch auf Messenger ausgeweitet werden. (Eine ausführliche Zusammenfassung des Jahres aus netzpolitischer Sicht lest ist hier auf netzpolitik.org.)

„Mit den Chaospatinnen können wir hoffentlich auch dieses Jahr wieder viele Erstbesucherinnen gewinnen, deren Perspektiven und Beiträge für die kommenden Herausforderungen unerlässlich sind

Fiona Krakenbürger, Mitorganisatorin und Mitgründerin der Chaospatinnen, die neue BesucherInnen in ihrem ersten Jahr auf dem Kongress begleiten

Und wenn hier von Anderen die Rede ist: In besonderem Maß werden die Rechte derjenigen missachtet, die als als irreguläre Migranten nach Europa kommen: Mit der Datenbank EURODAC wollten Ausländerbehörden ursprünglich verhindern, dass in mehreren EU-Ländern Asyl beantragt wird. Inzwischen dürfen auch Polizeibehörden und Geheimdienste auf die Millionen von Datensätze zugreifen. Und nach dem Wunsch der EU-Kommission sollen bald nicht nur die Fingerabdrücke fünf Jahre lang gespeichert werden, sondern auch Fotos des Registrierten.

„Es war kein leichtes Jahr und die nächsten werden nicht unbedingt einfacher“, sagt Fiona Krakenbürger, die seit einigen Jahren im Organisationsteam des CCC dabei ist. Umso wichtiger seien die nächsten Tage: „Der Kongress bietet Raum zum Aufatmen und Krafttanken, und Raum, sich zu überlegen wie wir weitermachen wollen.“

Im Grunde geht es hier aber gar nicht so sehr um Politik. Der Kongress ist eine Art Ferienlager für Hacker, eine Zusammenkunft von Gleichgesinnten, auf der man sich vom Wahnsinn erholen kann, der außerhalb dieses Zirkels herrscht. Hier muss man vermutlich niemandem erklären, warum es ein Problem ist, wenn der BND nun einen Generalzugriff auf den Internetknoten DE-CIX bekommt, über den der gesamte deutsche Netzverkehr läuft.

Und vergesst nicht, euch die Hände zu waschen, ab und zu zu duschen, zu schlafen und zu essen

Anna Biselli, netzpolitik.org, zur Begrüßung

In den vergangenen Jahren ist dieses Ferienlager stark gewachsen: Die Zahl der Besucher hat sich verdreifacht, auf 12.000. Es ist inzwischen das größte Treffen in Europa und eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres in der Szene. Und womöglich findet der Spaß dieses Jahr das letzte Mal statt, zumindest an diesem Standort, denn das Congress Center Hamburg (CCH) wird ab 2017 rennoviert und wohin das Ferienlager dann weiterzieht, ist noch unklar.

Die 3000 Plätze im großen Saal bei der Begrüßung waren voll, viele konnten den Auftakt nur im Stream sehen. Anna Biselli von netzpolitik.org und Elisa Lindinger von den Open Knowledge Foundation sprachen darüber, wie wir von der Idee einer vernetzen Welt in einem Klima des Hasses gelandet sind, sie sprachen vom Erstarken der Populisten und dem Unwillen, aus den Enthüllungen Snowdens Konsequenzen zu ziehen. Aber es klingt nicht entmutigt, im Gegenteil: "Die gute Nachricht ist: Wir kämpfen nicht allein", sagten sie. "Schaut euch um, dieser Saal ist voll. Jetzt lasst uns den Kongress beginnen und gemeinsam daran arbeiten, dass das nächste Jahr besser wird als das verganene. Und vergesst nicht, euch die Hände zu waschen, ab und zu zu duschen, zu schlafen und zu essen."

Das komplette Programm des 33C3 findet ihr hier im Fahrplan, Veranstaltungen kann man hier im Livestream verfolgen. Wir berichten in den kommenden Tagen weiter vom Kongress.

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