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Nein, Apple will nicht, dass ihr das iPhone weglegt

Michael Förtsch 05.06.2018 Lesezeit 5 Min

Auf der Entwicklerkonferenz WWDC hat Apple mit Screen Time eine iOS-native App enthüllt, die zeigt, wie oft und intensiv ihr eure iPhones nutzt. Auch Google plant etwas ähnliches für die nächste Version von Android. Das soll helfen, unseren Umgang mit Smartphones zu überdenken. Aber Abschalten oder Aussperren ist nicht die Lösung. Ein Kommentar von Michael Förtsch.

Es ist ein Standardvorwurf, der immer wieder aufkommt: Diese junge Leute schauen ständig nur auf ihr Smartphone. Haben sie es mal weggelegt, dauert es nicht einmal fünf Minuten bis sie wieder danach greifen. Als Smombies – Smartphone-Zombies – wurden diese Menschen daher vor einigen Jahren beschimpft. Und 2015 wurde der Begriff sogar von Langenscheidt zum Jugendwort des Jahres gewählt. Smombie ist eine Wortschöpfung, die sich glücklicherweise nur selbst gerecht wird. Denn vielmehr als die Menschen, die es bezeichnet, ist es selbst ein modriger Wiedergänger, der dann und wann durch Lokalereignisse wie ein Smombie-Warnschild oder die verirrte Google-Suche eines Kolumnisten wiederbelebt wird.

Dennoch ist eines richtig: Wir schauen oft und gerne auf das Smartphone. Und nicht selten haben wir, sobald wir es umklammern, schon wieder vergessen, wieso wir es uns vor das Gesicht halten. Mediziner und Psychologen erklären das mit unserem Bedürfnis nach Neuigkeiten, Likes, Herzchen und all diesen Elementen der Pseudoaufmerksamkeit. Sobald es in der Tasche piept oder vibriert, sorgt das für kleine Dopamin-Ausstöße. Wir lassen uns ablenken und können uns anschließend in Social-Media-Apps, Nachrichten oder auch Spielen verlieren.

All das macht das Smartphone aber nicht zu einer fantastischen Ergänzung für unser Leben und unsere Gesellschaft. Denn: Vielleicht ist auch nicht die Zeit das Problem, die wir mit unserem Smartphone verbringen, sondern wie ineffizient und gedankenlos wir es nutzen. Wie leicht wir uns immer wieder von seiner Funktions- und Unterhaltungsvielfalt überwältigen lassen. Eventuell müssen wir einfach lernen, souverän und verantwortungsbewusst mit „diesen immer mächtigeren Instrumenten“ umzugehen, wie Dirk von Gehlen in einer aktuellen Kolumne schreibt.

So sieht das Interface von Screen Time aus.

Genau an diesen Punkten scheint auch Apple nun angelangt zu sein. Denn das mobile Betriebssystem iOS12 bringt bald Funktionen zur Digital Wellness mit. Mechanismen also, um den eigenen Umgang mit dem Smartphone, den sozialen Medien und den digitalen Unterhaltungsangeboten zu überwachen – und in den Griff zu bekommen.

Mit Screen Time lassen sich detaillierte Aktivitätsberichte anzeigen, die veranschaulichen, wie viel Zeit der Nutzer oder die Nutzerin in jeder Anwendung verbringt. Wie oft und intensiv wir Social-Media-, Unterhaltungs-, Produktivitäts-Apps oder Games nutzen – wie viele Benachrichtigungen pro Tag eintrudeln oder wie lange das Smartphone nach der Schlafenszeit noch an war. Aber vor allem: Mit welcher Frequenz durchschnittlich nach dem Smartphone gegriffen wird. Alle 8 Minuten, alle 15 Minuten, jede halbe oder nur alle drei Stunden? Das kann einen großen Unterschied machen.

Ebenso können sich die Nutzer aber auch selbst begrenzen. Sie dürfen die Laufzeit von Facebook, Instagram, Twitter, WhatsApp oder das Lieblingsgame auf Stunden oder auch nur wenige Minuten pro Tag limitieren. Natürlich samt Warnung, dass die begrenzte Ressource Zeit allmählich zur Neige geht. Und wem ständig neue Benachrichtigungen in den Abendstunden den schönen Schlaf rauben, der kann unwichtige Notifications einfach verstummen lassen.

Natürlich ist all das nicht so neu oder sonderlich revolutionär. Kontroll-Apps für Eltern erlauben Ähnliches schon seit Jahren. Ebenso hat auch Google bei Android P eine Übersicht in petto, die aufschlüsselt, welche Apps am häufigsten genutzt werden und wie oft das Smartphone pro Tag entsperrt wird. Auch Apps können mit der neusten Version von Android alsbald zeitlich limitiert werden.

Dass nun auch Apple hier vorprescht, ist sicherlich kein Altruismus. Nein, vielmehr dürfte der Konzern aus Cupertino erkannt haben, dass das Reden von der vermeintlichen Smartphone-Sucht, den Smombies und dem Mobile Phone Overuse nicht gerade dem hippen Lifestyle-Image des Telefons zuträglich ist. Da ist es nur folgerichtig und vernünftig den Nutzern die geeigneten Werkzeuge an die Hand zu geben, um selbstbestimmt wieder mehr Kontrolle über das eigene Nutzungsverhalten zu erlangen.

Es ist nicht so, dass das Smartphone uns zu versklaven oder zu verschlingen droht, wie eine Droge oder die iPods in den Simpsons. Stattdessen wissen wir unseren Umgang mit dem Telefon, den Social Networks, Games und anderen Diensten einfach nicht objektiv einzuschätzen. Denn das Smartphone hat sich als Werkzeug ganz beiläufig in unseren Alltag integriert. Die Folge: Wir treffen Fehlannahmen über unsere Nutzung, schätzen die Zeit, die wir mit Facebook, Instagram und anderen Diensten verbringen falsch ein. Die negativen Auswüchse dieses Verhaltens blenden wir schnell aus.

Apple will natürlich nicht, dass wir das Smartphone aus der Hand legen. Aber das Unternehmen hat erkannt: Selbst seine Fans sehen das Gerät nicht mehr so unkritisch, wie noch bei seiner Genese, als Steve Jobs es 2007 mit „one more thing“ angekündigt hat. Die Verantwortung liegt jedoch bei uns selbst: Erst wenn wir lernen, zu erkennen und zu interpretieren, wie das Gerät unser Verhalten prägt, unseren Rhythmus mitgestaltet, wird es uns möglich, es bewusst und angemessen zu nutzen. Das Smartphone wird dann zu dem Helfer und Begleiter, der es eigentlich sein soll.