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Digital ist besser / Jeder soll programmieren? Blödsinn

Johnny Haeusler 15.02.2016

Müssen wir alle zu Programmierern werden? Auf keinen Fall, warnt unser Kolumnist. Denn wenn alle nur noch in der Sprache des Codes denken, ist das gefährlich für die Gesellschaft — und den Beruf des Programmierers.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

„Programmieren ist die Sprache des 21. Jahrhunderts“, las ich neulich. Und: „Jeder kann programmieren!“. Oder auch: „Wer programmieren kann, geht bewusster mit modernen Technologien um.“ In Deutschland wird an allen Ecken und Enden dafür geworben, sich mit dem Programmieren zu beschäftigen. Klar, es kann nie schaden, Systeme und ihre Funktionsweisen zu verstehen. Die Werbekampagnen der letzten Jahre für den Beruf des Coders empfinde ich aber mittlerweile als gefährlich.

Dass nämlich jede und jeder programmieren kann oder gar sollte, das bezweifle ich generell. Code zu schreiben und sich die Denkweise von Computern anzueignen, ist in der Regel ein recht einsamer Job. Es ist außerdem eine Aufgabe, die extrem lange und anstrengende Konzentrationsphasen mit sich bringt und auch ein bestimmtes Mindset voraussetzt beziehungsweise einen zu diesem führt.

Computer verstehen nur Ja und Nein. Wer sich den ganzen Tag mit dieser Tatsache beschäftigt, kann an der nicht-digitalen Welt scheitern.

Vielen Menschen bereitet die Arbeit als Coder enormen Spaß, aber eben nicht allen. Und bei manchen Programmieren führt die Arbeit trotz aller Leidenschaft durch enormen Zeit- und Leistungsdruck in die Isolation und Depression. Computer verstehen bisher nur Ja und Nein. Wer sich den ganzen Tag mit dieser Tatsache beschäftigt, kann irgendwann an der nicht-digitalen Welt scheitern.

Über diese und andere Schattenseiten des Berufs des Programmierens sprechen jedoch allerhöchstens die Betroffenen, bei der Rekrutierung des Coding-Nachwuchses werden mögliche Herausforderungen nie erwähnt. Die Industrie braucht Heerscharen von neuen Codern, damit Deutschland nicht den technologischen Anschluss verliert — da spricht man ungern darüber, dass der beworbene Beruf auch erhebliche Nachteile haben kann.

Und auch, dass Code die Sprache des 21. Jahrhunderts sei, möchte ich in Frage stellen. Denn das würde bedeuten, dass wir uns nur noch mit Maschinen unterhalten wollen. Um Maschinen so programmieren zu können, dass sie sinnvoll, nützlich und hilfreich sind, braucht es neben der reinen Beherrschung von Programmiersprachen ganze besonders Sozialfähigkeiten und Konzepte, die die gesellschaftlichen Auswirkungen von Programmen bedenken. Es braucht soziale, psychologische und soziologische Kompetenzen, es braucht enormes Verantwortungsbewusstsein. Das sind die wahren Sprachen des 21. Jahrhunderts. Und mir ist nicht bekannt, dass sie während der Ausbildung zum Coder gelehrt würden.

Wir züchten uns Code-Beamte heran, denen die Konsequenzen ihres Handelns nicht bewusst sind.

Würde die Fähigkeit des Programmierens tatsächlich dazu führen, dass Coder bewusster mit Daten und Systemen umgehen, dann hätte Edward Snowden wohl nicht auf Systeme hinweisen müssen, die dazu programmiert wurden, die Computer von Privatpersonen auszuspionieren und die gesamte Menschheit zu überwachen.

Programmiererinnen und Programmierer sind weder bessere noch schlechtere Menschen als andere. Und wir könnten es einen Tages bereuen, ihren Job auf das reine Beherrschen einer bestimmten Sprache zu reduzieren. Wenn Coder nämlich nur zu Ausführenden ausgebildet werden, und wenn wir dem Nachwuchs weismachen, dass es sich beim Programmieren allein um ein zukunftssicheres Berufsbild handelt, das jede und jeder erlernen kann — dann züchten wir unter Umständen nichts anderes als Code-Beamte heran, denen die Konsequenzen ihres Handelns nicht bewusst sind. Und die am Ende nur Befehle ausführen. Wie Computer.

Vergangene Woche bei „Digital ist besser“: Vergesst Hardware, Software ist viel wichtiger

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