/Life

Wunderschönes Puzzle-Game: „Monument Valley“ bekommt ein Kind

Liz Stinson 06.06.2017

Das wohl schönste Mobile-Game der vergangenen Jahre wird fortgesetzt: Monument Valley 2 lockt mit der bewährten Puzzle-Mechanik – und belohnt mit einer rührenden Mutter-Kind-Geschichte. WIRED sprach mit dem Entwickler.

Es gab eine Zeit, da glaubte Dan Gray nicht, dass es jemals einen zweiten Teil von Monument Valley geben würde. Der Chef von Ustwo Games schwor es sogar, sagte öffentlich, dass er und sein Team genug hätten von jenem isometrischen Puzzle-Game, dass seit seiner Veröffentlichung im Jahr 2014 über 50 Millionen Mal heruntergeladen wurde.

Und für eine Weile sah es so aus, als würde er recht behalten. Einige Monate nach dem dem Release des Originals brachte Ustwo Forgotten Shores heraus, ein Erweiterungspaket mit neuen Leveln. Ein Jahr später veröffentlichte das Team seinen ersten VR-Titel: Land's End war eine großartige Auslotung der Möglichkeiten des Mediums. Doch dann wurde es ruhig um das Studio.

Obwohl unter der Oberfläche noch so einiges passierte: Grays Team spaltete sich von der Mutterfirma Ustwo ab und gründete das eigenständige Unternehmen Ustwo Games. Aus acht Mitarbeitern wurden 20 und man begann zu experimentieren, um herauszufinden, was als nächstes kommen könnte. Die Antwort, stellte sich heraus, war das genaue Gegenteil von dem, was Gray erwartet hatte: ein Nachfolger für Monument Valley.

Ein Zerrspiegel des Originals

Nun hat Ustwo Games Monument Valley 2 veröffentlicht, eine Fortsetzung des 2014er Blockbusters in 16 Leveln. Das neue Game ist ein Zerrspiegel des Originals: An der Oberfläche sieht es aus und fühlt sich so an wie das erste Monument Valley, doch der zweite Blick offenbart ein wesentlich tiefgründigeres und klügeres Spiel.

Das erste, was man an Monument Valley 2 bemerkt, ist die Vertrautheit. In der ersten Szene sitzt die Hauptfigur Ro auf einem geometrischen Bauwerk. Wer Teil 1 noch einmal spielt, findet ein beinahe identisches Eröffnungstableau vor – die gleichen staubigen Blautöne, die gleiche Architektur. Selbst Ro sieht Ida, der Heldin des Originals, zum Verwechseln ähnlich.

Doch schnell bemerkt man die Unterschiede. Ustwo Games hat Monument Valley 2 in einer anderen Ecke des gleichen Universums angesiedelt. Es geht immer noch um das Lösen architektonischer Rätsel, die leicht zu bewältigen sind und vertraut wirken, aber hier hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Monument Valley 2 ist auf subtile Weise raffinierter als sein Vorgänger. „Wenn man zurückgeht und das erste Monument Valley erneut spielt, fühlt es sich irgendwie retro an“, sagt Gray.

Es sind kleine Details – die geschmeidigere Schrift ohne Serifen oder der generative Sound, der sich verändert, wenn man gewisse Mechaniken aktiviert – die das Update modern wirken lassen. In manchen Leveln lotet das Team auch die künstlerischen Grenzen neu aus, etwa wenn die charakteristische isometrische Geometrie durch flache Zeichnungen ersetzt wird.

Die größte Neuerung ist jedoch die Story: In der zweiten Szene des Spiels trifft man einen neuen Charakter: Ros namenlose, kleine Tochter, die ihre Mutter auf der Reise durch das Valley begleitet.

Metapher für die Beziehung zwischen Kind und Elternteil

Der mütterliche Dreh der Geschichte ist kein Zufall. Die Entwicklung von Monument Valley 2 fiel in eine Zeit, in der viele Ustwo-Mitarbeiter Kinder bekamen. Das löste eine Diskussion über die Darstellung von Müttern in der Gaming-Welt aus. „Wir erkannten, dass es nicht genug Spiele über das Mutter-Sein gibt“, sagt Gray. „Und wenn Mütter vorkommen, dann oft als etwas verletzliches oder etwas, das man beschützen muss.“

Ustwo konterkariert diese gängige Erzählung, indem es die vielen Nuancen in der Beziehung von Eltern zu ihren Kindern ernst nimmt. Zusammen reisen Ro und ihre Tochter von Welt zu Welt, stets aufeinander angewiesen, um Bauwerke zu bewegen und Puzzles zu lösen. Anfangs folgt das Kind einfach nur der Mutter und ahmt alle ihre Bewegungen nach. Mit der Zeit ermutigt Ro ihre Tochter, die Führung zu übernehmen und ihren eigene Weg durch die Level zu finden. Das Spiel ist, in vieler Hinsicht, eine Metapher für die sich stetig weiterentwickelnde Beziehung zwischen Kind und Elternteil – von Abhängigkeit zu gegenseitigem Respekt zur Umkehrung des Sich-Kümmerns.

Auf diese Weise fühlt sich Monument Valley 2 weniger wie ein Mainstream-Spiel mit großem Budget an und mehr wie ein Indie-Game, dass Atmosphäre und Erzählung über die typischen Metriken des Erfolgs stellt. Was nicht heißen soll, dass es kein Ziel gäbe. Wer in Monument Valley 2 vorankommen will, muss Puzzles lösen und Level meistern. Doch das ganz offen auf die Tränendrüsen zielende Narrativ vermittelt dem Spieler mehr Sinn, als es im ersten Teil der Fall war.

Am Ende erzeugt die Beziehung zwischen Mutter und Kind eine tiefe Bindung zu einem Spiel, das andernfalls nicht mehr als ein hübscher Puzzler gewesen wäre. Gray bezeichnet diese Taktik als emotionales Trojanisches Pferd: „Zuerst nehmen wir die Leute mit den Visuals, der charmanten Mechanik und der unmöglichen Geometrie für uns ein“, erklärt des Ustwo-Chef. „Auf diese Weise ziehen wir eine ganze Menge neuer Leute an, die vorher gar nicht wussten, dass sie auch Emotionen von einem Videospiel wollen.“

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com.
Das Original lest ihr hier.

Jetzt WIRED Member werden und mit uns in die Zukunft starten!

Mit im Paket: 4 Magazin-Ausgaben im Jahr und der Member-Zugang zu exklusiven Inhalten auf WIRED.de sowie weitere Vorteile nur für Member.

Member werden