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Nach Las Vegas gilt in Social Media, was die ganze Zeit galt!

Johnny Haeusler 04.10.2017 Lesezeit 6 Min

Nach dem Schrecken von Las Vegas rattert auch die Internet-Maschine wieder los. In Sekundenschnelle verbreiteten sich Lügen und Spekulationen über den Schützen, der aus einem Hotelfenster im 32. Stock in die Menge schoss. Als hätten all die Debatten der vergangenen Jahre nie stattgefunden. Unser Kolumnist nutzt den Anlass zur erneuten Analyse: Warum ist das Problem Fake News noch immer nicht gelöst?

Am 2. Oktober, wenige Stunden nach den Schüssen eines Mannes auf die Zuschauerinnen und Zuschauer bei einem Musikfestival in Las Vegas, die mindestens 59 Menschen töteten und viele weitere verletzten, begann Ryan Broderick von Buzzfeed mit der Beobachtung und Veröffentlichung von Memes und Fake News rund um die verheerende Tragödie.

Auch hierzulande waren rechtsgerichtete Twitter- und Facebook-Accounts schnell mit Mutmaßungen über den Täter, wie üblich wurde geradezu herbeigesehnt (und oft genug einfach behauptet), der Mann sei ein Muslim, der einen terroristischen Anschlag verübt hatte. Und wie ebenfalls üblich löschten die Vorschnellen ihre Tweets und Posts schnell wieder, als bekannt wurde, dass dies nicht der Fall war.

Brodericks Dokumentation und seine Twitter-Threads zeigten später ähnliche Reaktionen in den USA. Im Unterschied zu Deutschland konzentrierten sich die Aktivitäten dort jedoch zunächst auf angebliche Beweise dafür, dass der Täter die Antifa und die in den Vereinigten Staaten teilweise Alt-Left genannte politische Linke unterstützte. Lange, bevor überhaupt etwas über den Attentäter Stephen Paddock bekannt wurde, formierte sich laut Broderick in 4chan-Gruppen und anderen Kanälen eine konzertierte Nachrichtenflut, die auf erfundenen Behauptungen und an den Haaren herbei gezogenen „Beweisen“ basierten. Paddock sei Anti-Trump gewesen, man habe ihn auf diesen und jenen Demonstrationen gesichtet und so weiter. Das Narrativ, das möglichst schnell die Sozialen Medien übernehmen sollte, lautete: Der Attentäter war ein linker Trump-Gegner (später dann: er war ein Muslim).

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es  an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Ähnliche Online-Formierungen wurden bereits im vergangenen US-Wahlkampf beobachtet. Wer aber glaubt, das Ganze sei ein amerikanisches Phänomen, liegt falsch. In vielen Länder und so auch in Deutschland finden sich Gruppen online zusammen, beschließen ein Agenda-Setting und verbreiten vorbereitete Falschmeldungen. Genügend Twitter- und YouTube-Accounts führen dann – zumindest innerhalb bestimmter Kreise – zu einer rasanten Verbreitung dieser Meldungen und es kommt zu dem, was wir inzwischen „Fake News“ nennen.

Nun kann man dazu natürlich gelangweilt mit den Schultern zucken. Schließlich fallen WIR ja nicht auf solche voreiligen und oft genug auch sehr konstruiert klingenden Meldungen aus zwielichtigen Quellen herein, nicht wahr? Und tun wir es doch, dann bekommen wir anscheinend die Richtigstellung ebenfalls in unsere Filterblase gespült. Immerhin.

Unter Umständen nützt uns das aber auf Dauer nicht mehr viel, wenn sich – wie wir es oft erlebt haben – die Falschmeldung verbreitet, die Korrektur aber nicht. Oder wenn Meldungen wie die von Ryan Broderick aufgedeckten plötzlich bei Google an erster und damit angeblich relevantester Stelle auftauchen (wofür Google „den Algorithmus“ verantwortlich macht, der selbstredend sofort auf die Finger bekommt). Dann ist das Kind aber schon in den sprichwörtlichen Brunnen gefallen. Es ist zu spät. Meinungen sind gebildet, die Ziele derjenigen, die Falschmeldungen aus welchen Gründen auch immer verbreiten, sind erreicht.

Millionen Internet-Nutzerinnen und -Nutzer haben dann Meldungen bereits weiterverbreitet, und dazugehörige Facebook-Clips und YouTube-Videos waren schneller produziert, als Journalistinnen und Journalisten tippen konnten (die, auch das ist Teil des Problems, also noch schneller tippen müssen, was der Qualität von Nachrichten auch nicht gerade zuspielt).

Beachtet man dabei, dass speziell für junge Menschen die Up- und Down-Votes eines YouTube-Videos ebenso wichtig sind wie der Grundton der Kommentare (viele „Daumen hoch“ und viele Kommentare stimmen dem Video zu = der Inhalt des Videos scheint korrekt zu sein); und beachtet man weiter, wie einfach sowohl Votes als auch Kommentare manipuliert werden können … dann wird schnell klar, dass in bestimmten und nicht gerade irrelevanten Online-Kreisen eine Meinungsmanipulation stattfinden kann, die äußerst ungesund ist.

Auf diese Mechaniken zu reagieren, scheint mir eine der großen Herausforderung der Demokratien im digitalen Zeitalter zu sein. Obwohl auch die großen Sozialen Netzwerke ein Interesse daran haben müssen, nicht zu Plattformen für Verschwörungstheoretiker zu werden, dürfen sie nicht noch mehr zu Meinungsbewertern oder gar Gerichten werden – die Kritik am NetzDG fasst die Schwierigkeiten dabei gut zusammen. Facebook, Google und Twitter jedoch komplett aus der Verantwortung zu lassen, wäre ebenfalls ein falsches Signal.

Was also ist zu tun?
Wie immer hilft nur Aufklärung. Unverbesserliche wird sie vielleicht nie erreichen, denn letztendlich glauben wir nicht nur das, was belegt ist, sondern auch das, was wir glauben wollen. Dennoch stehen wir dramatischen Entwicklungen in Sachen Meinungsfindung und Meinungsbildung gegenüber, die in vielen Formen bisher weder der Gesetzgebung noch Journalisten oder  Schulen bekannt sind, aber eine Gefahr für eine Gesellschaft darstellen können. Erste Anzeichen dafür sind bereits vorhanden.

Während vielerorts unter dem Stichwort Medienkompetenz noch darüber gestritten wird, ob man Schulungen eher für Microsoft-Produkte oder Open-Source-Software anbieten sollte, geht es beim viel korrekteren Begriff Mediennutzungskompetenz längst nicht mehr um die technische Beherrschung einzelner digitaler Werkzeuge, sondern um das Erkennen dessen, was diese Werkzeuge bewirken können. Welche Effekte sie nicht nur in technischer, sondern eben auch in soziologischer Hinsicht haben können. Es geht darum, die Fundamente demokratischer Gesellschaften und ihre Bausteine zu kennen, Skepsis zu fördern, Recherche zu erlernen und eigenes Denken und Handeln zu schulen.

Wenn wir das tun; wenn wir Lehrkräfte, Eltern, aber auch Journalisten und Journalistinnen, Politikerinnen und Politiker bei ihren Digitalkompetenzen weiterbilden und bei ihrer Arbeit im Sinne der Demokratie unterstützen (und wenn besonders die Letztgenannten die nötigen Gelder dafür bereitstellen); wenn wir bei der Ausbildung der jungen Generationen das Digitale durch geschultes Personal schon früh und fächerübergreifend zum Teil des Ganzen machen … dann gibt es die Chance, dass eine aufgeklärte Mehrheit über Manipulationsversuche wie die oben beschriebenen nur müde lächeln kann. Denn dann finden diese nicht mehr in von großen Teilen der Gesellschaft noch unbeachteten Nischen statt, sondern in der Öffentlichkeit. Wo sie leichter erkannt werden können, wo sie schneller zu entlarven sind und wo sie früher auf Widerspruch stoßen.

Tun wir dies nicht, dann waren Teilergebnisse der Bundestagswahl 2017 erst der Anfang eines Zeitalters, in dem in immer größeren sozialen Gruppen gefühlte Richtigkeit, Populismus, Emotionen und Sensationen mehr zur Meinungsbildung beitragen als Argumente, Fakten, sachliche Erklärungen und geltendes Recht.