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Livestream-Kamera als Halskette: When sharing isn’t caring

Johnny Haeusler 16.08.2017 Lesezeit 4 Min

Dieses Produkt erinnert an doch eher düstere Prophezeiungen aus Dave Eggers „The Circle“: Eine Halsbandkamera soll einen ständigen Livestream unseres Lebens produzieren und so die Handykamera ersetzen. Unser Kolumnist erinnert sich, dass bei den ersten Google Glasses die Aufregung noch groß war. Doch stark ist die Macht der Gewöhnung.

Dave Eggers beschreibt in seinem Roman The Circle ein fiktives Unternehmen, das deutlich erkennbar Ähnlichkeiten mit den US-Tech-Größen Google, Apple und/oder Facebook hat. Gerade wurde das Buch mit Emma Watson und Tom Hanks in den Hauptrollen verfilmt. Mit dabei: ein ebenso fiktives Produkt. SeeChange nennt sich eine kleine, wie ein Schmuckstück am Hals tragbare Kamera, die alles live ins Netz streamt, was die tragende Person erlebt.  

Der nicht-fiktive Versuch, ein solches Gerät auf den Markt zu bringen, scheiterte mit dem ersten Modell des Narrative Clip an der fehlenden Qualität, aber auch der Nachfolger verfügte nicht über Möglichkeiten des Livestreaming und nahm zum Teilen der erstellten Bilder und Videos den Umweg über eine eigene App, mit der sich aber offenbar keine eigene Community mit ausreichender Größe aufbauen ließ. Narrative stellte letztes Jahr den Dienst ein, ein Teil des Teams wechselte zu einem anderen Unternehmen.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED Germany geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen noch mehr Software in unserem Leben brauchen.

Aber nun kommt Ubiquiti mit einem neuen Versuch. Die New Yorker Firma hat mit FrontRow gerade eine 400-Dollar-Kamera vorgestellt, die SeeChange verdammt nahe kommt. Beachtliche Auflösung, bestmögliche Batteriekapazität, direkte Livestreams zu Facebook, Twitter oder YouTube. „Share Your World in Real Time“, zu Deutsch „Teile deine Welt in Echtzeit“. So lautet der Claim des Produkts, das auch Mashable noch nicht testen konnte. Dass sich das Teilen der neben den Videobildern gewonnenen Daten (Location, Wetter, Uhrzeit und mehr) dabei nicht nur auf die eigenen Freunde bezieht, sollte klar sein.

Werden wir uns bald alle für diese Halsbandkamera interessieren? Oder legen wir unsere Smartphones erst dann aus der Hand, wenn es Brillen mit Aufnahme- oder gar Streaming-Funktionen gibt, die über die zehn Sekunden von Snapchats „Spectacles“ hinausgehen. Derzeit werden die innerhalb der nächsten zwei Jahre erwarteten Brillen von Apple zwar als AR-Devices gehandelt — aber wer weiß, ob sie nicht auch für Livestreams eingesetzt werden können. Und wer weiß, ob wir uns bis dahin vor lauter uns beobachtenden Kameras nicht längst daran gewöhnt haben, unter Dauerbeobachtung zu stehen.

In Eggers‘ eingangs erwähntem Roman wendet The Circle einen klugen Trick an, um SeeChange unters Volk zu bekommen. Mit kernigen Sprüchen wie „Geheimnisse sind Lügen“ stattet das Unternehmen zunächst Politikerinnen und Politiker mit den Kleinstkameras aus — der Transparenz wegen. Wählerinnen und Wähler sollen schließlich wissen, was die Politik treibt. Und schon bald geraten diejenigen in Verdacht, etwas zu verbergen zu haben, die an dieser Form der Transparenz nicht teilnehmen wollen. Nicht mehr der konstante Livestream ist dann die Ausnahme, sondern die Verweigerung. 

Sharing is caring

„Wer teilt, nimmt Anteil“, so lautet ein weiterer Slogan aus dem Repertoire des seit FrontRow gar nicht mehr so fiktiv erscheinenden SeeChange. Die englische Version des Spruchs kennen wir alle: „Sharing is caring.“

Als auf der re:publica vor einigen Jahren jemand zum Spaß mit einer selbstgebastelten und nicht funktionstüchtigen Version von Google Glass auftauchte, gab es auch viel Caring, denn der Mann erntete nicht nur neugierige Fragen, sondern auch böse Blicke und einige mehr oder weniger aggressive Sprüche. Manche Menschen, so wurde klar, möchten dann doch nicht ungefragt gefilmt werden. 

Dass Nutzerinnen und Nutzer von einem Livestream-Amulett wie FrontRow aber alle Menschen zuerst fragen, bevor sie ihren Stream ins Netz übertragen, kann wegen der fehlenden Praktikabilität bezweifelt werden. Es wird dann wohl doch eher heißen: Sharing isn’t caring.