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So hat Rotten Tomatoes seinen neuen Topfilm ausgewählt

Michael Förtsch 30.11.2017 Lesezeit 5 Min

Das Comedy-Drama Lady Bird hat auf Rotten Tomatoes gerade Toy Story 2 als Film mit der besten Wertung verdrängt. Tatsächlich ist das Regie-Debut von Greta Gerwig ein fantastisches Indie-Werk. Aber eigentlich besagt die Wertung der Filmdatenbank etwas anderes, als viele glauben.

Die Schauspielerin Greta Gerwig war in Filmen wie LOL, The House of the Devil, No Strings Attached und Jackie zu sehen. Ebenso hatte sie bereits als Co-Autorin und Co-Regisseurin an Nights and Weekends mitgewirkt. Mit Lady Bird hat sie jetzt ihr Solo-Regie-Debut abgeliefert. Das Comedy-Drama um die junge Christine McPherson, die ihrer Heimatstadt und beherrschenden Mutter entfliehen will, wird mit viel Lob und Anerkennung aufgenommen. Der Film gilt gar als Kandidat für einen Oscar. Dazu hat Lady Bird auf der populären Film- und Kritik-Datenbank Rotten Tomatoes eine glatte 100-Prozent-Fresh-Wertung eingefahren, den Rekord für den meist positiv bewerteten Film gebrochen und damit Toy Story 2 verdrängt. Aber so gut das Coming-of-Age-Drama dort auch abschneiden mag: Das macht es nicht zum besten Film.

Der Rekordbruch und die Reaktion darauf basiert mehr auf dem missverständlichen Rotten-Tomatoes-System als der Qualität des Films. Wobei Lady Bird dafür schon ein immerhin guter Streifen sein muss. Für seine Wertungen greift Rotten Tomatoes nämlich auf einen eng umrissenen Kreis von Medien, Fachpublikationen und anerkannten Kritikern zurück – insgesamt rund 3000 Quellen. Darunter sind die LA Weekly, The Guardian, CNN, Comingsoon, Hollywood.com, IGN Movies, Total Film oder auch Thrillist, Vogue und The Mary Sue. Für Rotten Tomatoes gilt ein Film als „Fresh“ – also gut – wenn mehr als 60 Prozent der Kritiker eine positive Bewertung abgegeben haben. Ein „Certified Fresh“ bedeutet wiederum, dass mehr als 80 Kritiker einen Film gesehen und über 75 Prozent davon ihn für gut erachten – mindestens fünf davon müssen langjährige Top-Kritiker wie Rafer Guzman, Ann Hornaday oder Ty Burr sein.

Dabei ist das System hinter dem sogenannten Tomatometer binär. Die Wertungen der Kritiker werden folglich in simples „Daumen hoch“ und „Daumen runter“ übersetzt. Ihre Kritikpunkte, Einschätzungen und Meinungen, die die Rezension eigentlich wertvoll machen, werden vollkommen getilgt. Es zählen alleine die Zahlen, Wertungspunkte oder Skalen unter dem Text. Sonst nichts. Bei unsicheren Einschätzung wie 2,5 von fünf Sternen wird zumeist pauschal aufgerundet oder – das soll schon geschehen sein – beim Kritiker nachgefragt, ob eine Note positiv oder negativ zu sehen sei. Dadurch gehen bei Rotten Tomatoes jegliche Nuancen verloren. Genau das macht das System zwar herrlich simpel aber auch furchtbar unberechenbar.

Wenn eine kleine Gruppe einheitlich einen drögen Film nur knapp über dem Mittelmaß sähe, könnte er ohne weiteres eine perfekte 100-Prozent-Wertung erreichen. Feiert eine andere Gruppe einen Streifen hingegen als cineastisches Meisterwerk aber hätte einen Kritiker in den Reihen, der ausschert, wären die 100 Prozent prompt dahin. Was zählt, ist eigentlich nicht die Meinung der Kritiker, sondern ihr Konsens. Je „zerstrittener“ die Kritiker sind, umso tiefer die Prozentzahl. Selbst wenn die durchschnittliche Qualitätsnote unbeeinträchtigt hoch wäre – tatsächlich ist es die kleine Zahl des Average Rating unter der Tomate, die einigermaßen Orientierung bieten kann.

Lady Bird wird derzeit durchgängig von 177 Kritikern als „Fresh“ betrachtet. Eine Negativnote gibt es noch nicht. Auch Meisterwerke wie Citizen Kane, Der Dritte Mann oder Man on Wire und der einstige Top-Film Toy Story 2 zeigen eine 100-Prozent-Wertung ohne einen negativen Einschlag. Nur ist die Zahl der Rezensionen teils etwas und teils drastisch niedriger, da viele zeitgenössische Kritiken nicht eingeschlossen sind oder die Filme nicht von den angeschlossenen Kritikern besprochen wurden. Allein aufgrund der Zahl der Reviews werden sie von Rotten Tomatoes nun hinter dem Indie-Werk einsortiert. Eine qualitativ Grundlage gibt es dafür also nicht.

Ebenso könnten nur einige einzelne Negativstimmen die sauberen 100 Prozent von Lady Bird ins Wanken bringen. Denn auch Get Out, Selma und Mad Max: Fury Road, die jeweils gar weit über 200 positive Kritiken zählen, werden nur durch zwei, respektive drei und zwölf „Rotten“-Wertungen von der perfekten Note getrennt – womit sie im Gesamtverhältnis eigentlich besser dastehen als Lady Bird. Wobei die einzelnen verhaltenen Stimmen mit einer steigenden Anzahl an Bewertungen an Gewicht verlieren können. Das passiert bei neuen und viel beachteten Titeln natürlich leichter als bei Klassikern.

Casablanca steht beispielsweise bei 97 Prozent und Die Verurteilten gar nur bei 91 Prozent. Beides Meisterwerke, die wohl alleinig aufgrund der vergleichsweise spärlichen Kritikermeinungen als weniger „Fresh“ gewertet werden. Sie zählen nur 74 und 66 Einträge. In Relation scheinen die Oldies für die Rotten-Tomatoes-Formel dadurch „umstrittener“, da das Bewertungsfeld durch seine Enge weniger homogen und ihre einzelne „Rotten“-Wertungen folgerichtig deutlich drastischer einschlagen. Die Prozentwertungen von Rotten Tomatoes spiegeln also nicht die Qualität eines Filmes wider, sondern die Aufmerksamkeit, die er erfährt, ebenso wie die abstrakte Einigkeit der Kritiker darüber, ob ein Film eher gut oder schlecht zu werten sei.

Ist Lady Bird also laut Rotten Tomatoes besser sein als Citizen Kane, Casablanca, Get Out und Toy Story 2? Nein, er ist vielleicht nicht mal besser als ein 75-Prozent-Film. Die Aussage der Rotten-Tomatoes-Wertung ist schlicht, dass eine ganze Menge Kritiker Lady Bird für einen Film halten, der besser als der Durchschnitt ausfällt. Nicht mehr, nicht weniger. Genau wie bei allen anderen „freshen“ Filmen. Dass Lady Bird tatsächlich ein fantastisches Erlebnis verspricht, offenbaren erst die Texte der Kritiker. Denn die beschreiben hier eine einfühlsame und witzige Liebeserklärung an die Stadt Sacramato, grandios inszenierte Bilder und eine umwerfende Schauspielleistung von Saoirse Ronan.