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Das Startup Kiron bringt den ersten Geflüchteten an die Uni

Sofie Czilwik 21.06.2017 Lesezeit 4 Min

Ihre Vision: Eine Welt, in der jeder Mensch Zugang zu Bildung und die Chance auf einen Hochschulabschluss hat. Konkret heißt das: Eine Bildungsplattform für Geflüchtete. Vor zwei Jahren gründeten Vincent Zimmer und Markus Kreßler Kiron Open Higher Education. Im WIRED-Gespräch zieht Vincent Zimmer Bilanz. 

Menschen, die unfreiwillig ihre Heimat verlassen mussten, ist es in Deutschland nur schwer möglich, ihr Studium fortzuführen. Kiron versucht das zu ändern. Als „Blended Learning“ bezeichnen die Gründer Vincent Zimmer und Markus Kreßler das Bildungsprogramm: Zwei Jahre online studieren und danach in einem Jahr das Studium regulär an einer Hochschule beenden – das ist das Modell des Social Startup, das es Studierenden unabhängig vom Aufenthaltsstatus ermöglicht, ein Studium auch außerhalb ihres Heimatlandes zu absolvieren.

Im März 2015 gegründet, besteht Kiron mittlerweile aus 70 Mitarbeitern und 400 Freiwilligen. Sie kooperieren mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, werden unter anderem von Google mitfinanziert, haben eine Partnerschaft mit Volkswagen und arbeiten mit der GIZ zusammen. WIRED stellte Kiron vor einem Jahr vor und traf Zimmer nun noch einmal, um zu erfahren, was sich in der Zwischenzeit getan hat. 

Kiron Open Higher Education Mitgründer, Vincent Zimmer 

WIRED: Wo steht ihr heute?
Vincent Zimmer: Unsere Studierendenzahl hat sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Letztes Jahr hatten wir 1250 und heute sind wir bei 2700 Studierenden. Von unseren Partnern hören wir aber, dass heute, im Jahr 2017, sowohl von Seiten der Politik als auch bei den Unternehmen, die Türen nicht mehr ganz so schnell geöffnet werden. Anfangs hatten wir Glück zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit der richtigen Idee zu sein. Die Hochschulen sind sehr schnell Partnerschaften eingegangen, haben nun aber auch viele eigene Aktivitäten und Initiativen etabliert. Ebenso sehen wir, dass Unternehmen fragmentierter im Feld der Geflüchtetenunterstützung aktiv werden oder sich neuen Themenfelder widmen.

WIRED: Würdest Du sagen, der Peak ist erreicht?
Zimmer: Ja, das zeichnete sich bereits 2016 ab und ging einher mit einer sich stärker polarisierenden Diskussion um das Thema der Integration von geflüchteten Menschen. Ich würde aber trotzdem sagen, dass wir uns gerade auf einem guten Produktivitätslevel befinden, auf dem wir relativ abgeklärt die Pros und Cons abwägen können. Bei uns hat das gut geklappt, weil wir unsere Kontakte gut gepflegt haben. Die Unis haben jetzt Koordinierungsstellen für Geflüchtete aufgebaut, mit denen wir direkt sprechen können. Wir haben gute Pilotprojekte gestartet, also zum Beispiel Mentorenprogramme für Studierende mit Unternehmen. Und wir haben gutes Feedback bekommen, wurden weiterempfohlen und unsere Partnerschaften wurden ausgeweitet. Aktuell haben wir 42 internationale Partnerhochschulen.

WIRED: Mit welchen Hürden hattet ihr in der Vergangenheit zu kämpfen?
Zimmer: Wir haben beispielsweise Studierende aus Afghanistan, die jetzt bereit wären an die Uni zu gehen. Die erfüllen sowohl Voraussetzungen und haben darüber hinaus viele Credit Points bei uns gesammelt, aber häufig keine Bleibeperspektive, weil Afghanistan seit Ende 2016 als sicheres Herkunftsland gilt. Andere haben das Problem, dass, wenn sie als Studenten an der Uni eingeschrieben sind, ihren anerkannten Flüchtlingsstatus verlieren und damit auch ihre Sozialleistungen. Ebenso bestehen Hürden bei der Finanzierung wie bei dem BAföG, für das sich viele studieninteressierte Geflüchtete erst 15 Monate nach Registrierung in Deutschland bewerben können. Jetzt versuchen wir mit Stiftungen zu sprechen, damit sie solche Einzelfälle mit einem Stipendienprogramm unterstützen.

WIRED: Die Zahlen der vom Bundesamt für Migration registrierten Flüchtlinge sind aufgrund der strikten Asylpolitik der Regierung der letzten zwei Jahre extrem zurückgegangen. Merkt ihr das bei Kiron auch, beispielsweise an den Anmeldungen für die Studiengänge?
Zimmer: Nein, die Bewerbungen steigen weiterhin. Warum? Nach der Flucht waren die meisten sehr mit sich selbst beschäftigt. Jetzt sind die Leute angekommen, sie haben Deutschkurse absolviert und wollen nun an die Unis. Wir nehmen ungefähr 100-200 Studenten pro Monat auf. Alle zwei Wochen können sie bei uns starten. In Zukunft versuchen wir die Anzahl der Studierenden weiter in ähnlichem Umfang zu steigern.

WIRED: Wie viele Studenten von Kiron sind mittlerweile an deutschen Unis?
Zimmer: Die ersten Studierenden sollen dieses Jahr an die Hochschulen transferieren, einer von ihnen ist Ahmad, der es bereits geschafft hat und nun am Bard College in Berlin erfolgreich studiert. In diesem Jahr verfolgen wir das Ziel, dass 20 Studierende den Übergang an die Präsenzhochschulen schaffen.

WIRED: Wie geht es mit Kiron weiter?
Zimmer: Wir möchten das Programm ausweiten und ein europaweites Netzwerk aufbauen. In Frankreich gibt es bereits die ersten Studenten. Auch im Mittleren Osten wollen wir Kiron etablieren, da sind ja extrem viele Menschen auf der Flucht. In Jordanien haben wir ein kleines Büro eingerichtet. Dort gibt es allerdings die Regelung, dass nur ein bestimmter Anteil der Studieninhalte online vermittelt werden kann, was das Kiron-Programm vor gewisse Herausforderungen stellt.