/Life

Das populärste Buch in der Bibliothek der UN ist ziemlich befremdlich

Chris Köver 07.01.2016

Die Schönheit von Social Media besteht darin, dass wir auch Dinge erfahren, die sonst in der Tiefe von Archiven, Vereinsrundschreiben oder Hausmitteilungen verborgen geblieben wären. Inzwischen haben selbst Bibliotheken herausgefunden, dass sie mit einem Twitter-Account ganz einfach Nähe zum Volk aufbauen können — und posten stolz ihre Bestenlisten zum Jahresende. Im Fall der Dag Hammarskjöld Library — benannt nach einem Generalsekretär der Vereinten Nationen — brachte das eine Nachricht zutage, die auch über die Twitter-Blase hinaus relevant ist.

Zum Verständnis: Die Bibliothek ist als Informationsquelle für die Mitarbeiter der UN und die Delegationen der verschiedenen Mitgliedsländer gedacht. In ihren Regalen lagern Veröffentlichungen der UN und Fachliteratur zu Themen wie Internationalen Beziehungen, Recht oder Wirtschaft, also allem, was für die Arbeit bei der UN so interessiert.

Am 31. Dezember twitterte die Bibliothek also das am häufigsten ausgeliehen Buch des Jahres 2015.

Das gefragteste Schriftstück der gesamten Bibliothek ist genau genommen gar kein Buch, sondern eine Doktorarbeit, die sich mit Fragen der diplomatischen Immunität beschäftigt, entstanden an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern. Die Juristin Ramona Pedretti beschäftigt sich darin mit der Frage, wann Staatsoberhäupter und andere Regierungsmitglieder in fremden Ländern angeklagt werden können. Angeblich ist es der bislang umfassendste Überblick zu dieser Frage — und dieser scheint ausgesprochen gefragt an einem Ort, an dem auch Delegationen der schlimmsten Diktaturen der Welt zusammengekommen.

Entsprechend entgeistert waren die Reaktionen anderer Twitter-Nutzer auf die Nachricht.

Die kurze Zusammenfassung der Arbeit: Amtierende Staatsoberhäupter können nicht vor fremden Gerichten angeklagt werden, ehemalige hingegen schon. Oder anders: Der ehemalige chilenische Diktator Augusto Pinochet konnte in Spanien für Kriegsverbrechen angeklagt werden. Der in Zimbabwe amtierende Präsident Robert Mugabe kann hingegen nicht in den USA vor Gericht gestellt werden, weil er diplomatische Immunität besitzt.

Komplizierter wird es, sobald der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag ins Spiel kommt — denn dort ist die Rechtslage noch viel komplexer. Die Motivation, sich in dieses Material tief einzulesen, dürfte hingegen recht hoch sein bei Menschen, die fürchten müssen für ihre Kriegsverbrechen lange Jahre ins Gefängnis zu gehen, sollten sie zur falschen Zeit das falsche Land betreten.

Wer sich die Doktorarbeit genau ausgeliehen hat, ist leider nicht nachzuvollziehen: Der Katalog der Bibliothek ist nur für registrierte Mitglieder zugänglich. Dafür kann man sich wunderbare Szenarien ausmalen, wie die Delegierten aus Syrien und Turkmenistan darüber wüten, dass Zimbabwe das Buch immer noch nicht zurück gegeben hat. 

Jetzt WIRED Member werden und mit uns in die Zukunft starten!

Mit im Paket: 4 Magazin-Ausgaben im Jahr und der Member-Zugang zu exklusiven Inhalten auf WIRED.de sowie weitere Vorteile nur für Member.

Member werden