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Johnny Haeusler will, dass wir alle richtig schreiben lernen

Johnny Haeusler 19.09.2016

Johnny Haeusler fehlt der rote Faden. In einer Welt der entfesselten Informationen, glaubt unser Kolumnist, müssen die Schulen mehr Wert auf das richtige „Schreibenlernen“ legen. Grammatik und Rechtschreibung hat er dabei allerdings nicht im Sinn.

Wie es sich für Erwachsene mit und ohne Kinder gehört, wünschen wir nachfolgenden Generationen nur das Beste. Nicht erst für die Zeit, in der sie selbst erwachsen sein werden, sondern schon früher, während ihrer Schulzeit, während ihrer Grundausbildung.

Verschiedenste Themen spielen bei diesen Wünschen eine Rolle, die viele Erwachsene (und das ist eine Umschreibung von: ich) derzeit vonseiten der Schulen für nicht ausreichend abgedeckt halten. Politik – wie funktioniert Demokratie? Gesellschaft – was braucht es, um eine offene, inklusive, freie und emphatische Welt zu schaffen? Technologie – welche Sprache verstehen die Computer, die unser Leben beeinflussen?

Wie diese und viele andere Themen am besten in Unterrichtsfächer eingebunden werden können, welche Methoden am erfolgreichsten sind und welche Ressourcen dafür benötigt werden – darüber wird zurecht diskutiert. Ich bin aber ganz abgesehen von den exemplarisch genannten, wichtigen und großen Themen der Meinung, dass noch viel zu selten über eine viel allgemeinere Technik und Fähigkeit gesprochen wird, die die Grundlage für alle anderen Bereiche ist und an der es nicht nur bei vielen jungen, sondern auch älteren Menschen mangelt.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Ich glaube, wir müssen erstmal alle schreiben lernen. Ich meine damit nicht allein die Rechtschreibung. Schön, wenn man es kann, aber im Notfall kann ein Computer korrigieren. Ich meine damit auch nicht die perfekte Grammatik, denn so sehr ich gute Grammatik mag, sind grammatikalische Fehler verzeihbar. Und ich rede auch nicht vom handschriftlichen Schreiben oder dem Tippen auf einer Tastatur, schließlich kann ein Text auch ins Smartphone diktiert werden.

Ich meine mit „Schreiben“ das klare Formulieren von Gedanken, Wünschen und Ideen. Ich meine die Fähigkeit, eine spannende Geschichte erzählen zu können. Ich meine die Kunst, mit Worten bei Leser*innen Interesse, Neugier, Verständnis, Emotionen wecken zu können.

Ich glaube, diese Kulturtechnik wird in den kommenden Jahrzehnten noch wichtiger, als sie es ohnehin schon ist. Ideen, Anliegen, Reden, Konzepte, Pläne, Widerspruch, Kritik, Bitten so formulieren zu können, dass sie verständlich bei Adressaten ankommen, ist eine erlernbare Fertigkeit. Für literarische Qualitäten kommen sicher noch Talent und Disziplin hinzu, aber es müssen ja gar nicht alle Schriftsteller*innen werden. Ich finde es nur so oft ernüchternd bis erschütternd, wie wenig die Fähigkeit, klar oder unterhaltsam oder eindeutig zu schreiben und zu erzählen von Menschen beherrscht wird.

Ob das ein spezielles Manko meines Sprachraums ist, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass mich viel zu selten eine Mail, ein Konzept, eine Idee, ein Anliegen an mich, ein Vortrag beim Lesen oder Zuhören wirklich mitreißt. Vielleicht bin ich übersättigt, weil ich viel zu viel lese. Aber wenn selbst Personen in hochrangigen Positionen Mails schreiben, die ein Grundschüler nicht schlechter formuliert hätte; wenn ich den geschriebenen und dann vorgetragenen Gedanken von Menschen mit eigentlich guter Ausbildung wegen dauernder inhaltlicher und argumentativer Sprünge nicht folgen kann; wenn mich das Thema eines Vortrags und die Expertise der Absender brennend interessiert, mich der oder die Redner*in aber innerhalb von zehn Minuten zum Einschlafen bringt… dann attestiere ich aus meiner eigenen Erfahrung heraus einfach mal, dass wir das Schreiben und Erzählen nicht gut genug unterrichten.

Ich spreche dabei aus eigener Erfahrung. Ich habe hunderte Artikel und Blogposts geschrieben, wirklich zufrieden bin ich mit nur wenigen. Ich lerne seit Jahrzehnten, in erster Linie autodidaktisch, besser zu schreiben. Und ich sehe seit vielen Jahren an verschiedenen schulischen Beispielen, wie der Aufsatz oder Vortrag von Schüler*innen – der ein-, zwei-, vielleicht dreimal mal pro Schuljahr an der Reihe ist – bei der Korrektur zwar hier und da mit kurzen Hinweisen versehen wird („Wiederholung!“, „Wieso?“, „Ist das wirklich so?“). Dass diese für die oder den Schreibende/n jedoch wirklich hilfreich sind, bezweifle ich. Die Zeit und die Ressourcen fehlen, um das wirklich Wichtige beibringen zu können.

Und das ist nicht gut. Denn schreiben zu können, bleibt eine der wichtigsten Fähigkeiten. Und wenn wir schreiben können, dann können wir auch etwas anderes, das noch vor dem Programmieren, Philosophieren und Diskutieren wichtig ist: Lesen.

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