/Life

Digital ist besser / Der blanke Horror, live im Netz

Johnny Haeusler 18.07.2016

Unser Kolumnist ist seit Anfang der Neunziger online und hat dabei eigentlich gelernt, bestimmte Links, Bilder und Videos nicht anzuklicken. Doch was nützt es, wenn sie sich einem geradezu aufdrängen wie in den vergangenen Tagen aus Nizza, der Türkei, Baton Rouge?

1996 tauchte eine sehr verrottete Seite im Internet auf, die zu einem außerordentlichem Erfolg wurde (und die wir hier bewusst weder beim Namen nennen noch verlinken). Sie zeigt echten Horror: Verstümmelte Körper, Leichen, Fotos und Videos von Unfall-, Hinrichtungs- und Folterungsopfern, Morde, Tierquälereien.

Die Betreiber der Site verfügen nach diversen Gerichtsprozessen über eine recht genaue Kenntnis der US-amerikanischen Gesetze und so ist die Website nach 20 Jahren immer noch online – es werden keine der fast ausnahmslos schrecklichen Bilder auf der Startseite gezeigt, für den Klick auf die in einem Halbsatz beschriebenen Links seien die Nutzerinnen und Nutzer selbst verantwortlich, heißt es.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Obwohl die pure Existenz einer Website mit dem Untertitel „Pure evil since 1996“ ebenso wie ihre gesamte Tonalität durchaus als zynisch betrachtet werden können und man sich fragen darf, welche Menschen für die 15 Millionen Seitenaufrufe täglich sorgen (und wer es zwei Jahrzehnte lang erträgt, Material für eine solche Site auszuwählen), wehren sich die Macher immer wieder gegen Vorwürfe, sie würden Gewalt und Horror glorifizieren. Sie würden nur einen Teil der Realitäten der Welt abbilden, sagen sie, und schließlich im Kern nichts anderes zeigen, als es auch die Nachrichten täten. Nur eben unzensiert.

Diese Aussage erhält in der letzten Zeit eine neue Ebene, die genauso furchtbar ist wie die Inhalte der beschriebenen Website: Inzwischen braucht es keine Underground-Websites von reichlich schrägen Typen mehr, um echten Horror auf dem Bildschirm zu haben. Es genügt ein Twitter- oder Facebook-Account, der einen durch Vorschaubilder, von selbst startende Videos oder einen vorschnellen Klick oder Tap damit konfrontiert.

Schneller als je zuvor sieht man sich mit Smartphone-Videos von Terroranschlägen, Morden, Leichen konfrontiert. Die Polizeigewalt-Videos aus den USA haben es gezeigt, die Schüsse auf Beamte, der Anschlag von Nizza, der Putschversuch in der Türkei. Solche Bilder und Videos von Amateuren machen nicht nur über private Accounts die Runde, sondern werden auch von professionellen Medien weiterverbreitet, teilweise ebenfalls durch selbstablaufende Videos ohne Vorwarnung, teilweise auch über besonders junge Kanäle wie Snapchat.

Man muss kein Kind oder Jugendlicher sein, um von Horror-Bildern schockiert und verstört zu sein. Auch erwachsenen Menschen können bestimmte Bilder schlaflose Nächte bereiten. Und nein, man muss auch nicht jeder Realität ins Auge sehen, um den Irrsinn „verstehen“ zu können. Es gibt keinen persönlichen Erkenntnisgewinn aus dem Video eines Menschen, der stirbt oder ermordet wird. Wir sind schließlich in den seltensten Fällen Juristen oder Kriminalbeamte, die einen Fall zu klären haben.

+++ Mehr von WIRED regelmäßig ins Postfach? Hier für den Newsletter anmelden +++

Mit wenigen Ausnahmen geht es bei im Netz gezeigten Horror allein um Sensationsgier. Die Würde von Verstorbenen wird dabei genauso ignoriert wie die möglichen Schäden bei denen, die unbeabsichtigt auf solche Bilder stoßen. Menschen, die tatsächlich Augenzeugen schrecklicher Geschehnisse geworden sind, sind danach oft jahrelang in psychologischer Behandlung und es gibt absolut keinen Grund, Dritte mit Gewalt zu Zeugen zu machen. Nur damit man mehr Klicks und Follower bekommt oder mehr Werbung verkauft.

Die eingangs beschriebene Site habe ich mir zum letzten Mal vor knapp 20 Jahren genauer angeschaut und dabei einiges gesehen, das ich nicht habe sehen wollen. Doch ich war zu neugierig. Bei meinem jüngsten Besuch, um zu prüfen, ob es die Site noch gibt, konnte ich jedem Klick widerstehen. Und ich gehe so weit, zu behaupten, dass das Internet mir beigebracht hat, mir bestimmte Dinge eben nicht anzusehen. Dass es mich nun teilweise dazu zwingt, ist böse Ironie. Und der blanke Horror. 

Jetzt WIRED Member werden und mit uns in die Zukunft starten!

Mit im Paket: 4 Magazin-Ausgaben im Jahr und der Member-Zugang zu exklusiven Inhalten auf WIRED.de sowie weitere Vorteile nur für Member.

Member werden