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Warum ich euch liebe, obwohl ich euch im Grunde nicht kenne

Johnny Haeusler 24.12.2016

Auch an unserem Kolumnisten geht die Weihnachtszeit nicht spurlos vorbei. Er hält inne und tut etwas, das er selten macht: Er schreibt Liebesbriefe. An Internetmenschen, die er eigentlich gar nicht wirklich kennt.

Lieber Twitterer aus Spanien,

es ist schön zu sehen, dass es dir und deiner Familie gut geht. Ich kann mich nicht genau erinnern, warum ich dich vor einigen Jahren in meine Timeline aufgenommen habe, ich glaube, ein von dir geteiltes Musikvideo hatte mich als Retweet erreicht und ich habe auf Follow geklickt.

Seitdem verfolge ich unregelmäßig und immer zufällig den Teil deines Privatlebens, den du öffentlich teilst. Und das ist gar nicht so wenig. Ich habe damals durch deine Fotos, die du per Flickr auf Twitter postest, deine Hochzeit mitbekommen, es war offenbar ein rauschendes Fest. Kurz danach war deine Frau schwanger mit eurem ersten Kind, ein Mädchen, das – so zeigten es deine späteren Fotos voller Vaterstolz – euch beiden wirklich sehr ähnlich sieht und somit ebenso hübsch ist wie ihr beide.

Die Band, in der du gespielt hast, hast du zwar immer noch, doch die Postings eurer Sessions aus dem Übungsraum wurden aber etwas seltener mit der neuen Verantwortung. Verständlich. Ich kenne das. Vielleicht kommt daher dieses gewisse Gefühl einer Verbundenheit mit dir.

Ich mag eure Familie sehr, unbekannterweise, aus der Ferne

Vor zwei Jahren wurde die Kleine krank, deine Posts klangen ein paar Tage lang sehr besorgt, und ich war aus der Ferne beinahe ebenso erleichtert wie du, als es wieder bergauf ging. Als deine Frau dann zum zweiten Mal schwanger wurde, konnte man auf euren Selfies sehen, wie glücklich ihr wart. Aber ehrlich gesagt auch, dass ihr ganz schön gealtert seid in den letzten Jahren.

So ist das mit Kindern, auch hier weiß ich gut, wovon ich rede … wenn mir Facebook meine Fotos von vor fünf Jahren zeigt, werde ich immer etwas wehmütig. Umso breiter war dann aber mein Lächeln, als deine ersten Fotos und Tweets nach der zweiten Geburt in meiner Timeline auftauchten. Denn ihr habt Zwillinge bekommen und seid nun zu fünft. Wahnsinn!

Lieber Twitterer aus Spanien, wir kennen uns nicht. Ich habe noch nie auf einen deiner Tweets oder ein Foto reagiert, und ich glaube, du folgst mir gar nicht zurück. Das macht aber überhaupt nichts. Du wirst diese Zeilen zwar nicht lesen, aber ich möchte mich trotzdem bei dir bedanken für die netten und sympathischen Einblicke und Momente, die mich zwischendurch lächeln lassen. Ich mag eure Familie sehr, unbekannterweise, aus der Ferne. Ich stalke euch nicht, keine Sorge. Weder habe ich die Zeit für solchen Unfug noch das Bedürfnis danach. Aber ich freue mich, wenn ich zufällig etwas aus eurem Leben mitbekomme.

Viele Grüße, Johnny

Liebe Instagrammerin aus Dublin,

Ich folge dir, weil ich die Fotos deiner Irland-Ausflüge immer sehr toll fand. Vor etwa einem Jahr änderten sich deine Instagram-Posts, plötzlich waren da nicht mehr nur Landschaftsbilder, sondern erstmals auch Fotos der Menschen um dich herum, deiner kleinen Kinder, deiner Familie. Und dann das (für mich) allererste Selfie von dir. Mit einem ängstlichen Lächeln. Und kahlem Schädel. Und der kurz erzählten Geschichte, dass dich der Krebs erwischt hat und deine Tage zwischen Verzweiflung und Zuversicht schwanken.

Ich habe minutenlang auf dieses Bild geschaut und mich gefragt, wie lange du wohl gezögert hast, Instagram nach deiner Naturdokumentation plötzlich als Kanal für derart persönliche Einblicke zu nutzen. Was dich dazu bewegt haben mag. Und wie großartig und mutig ich diese Entscheidung fand, wie erleichtert ich immer wieder war, wenn deine Posts hoffnungsvoll und glücklich wirkten. Ich glaube, die traurigen, schweren Momente hast du nicht dokumentiert, ich glaube, du wolltest allein die positiven und hoffnungsvollen Zeiten manifestieren. Ich habe dir zusehen können bei Teilen deines Kampfes gegen eine Krankheit, den so viele Menschen führen, den so viele Menschen verlieren, aber viele auch gewinnen.

Ich kenne dich nicht, wir werden uns wahrscheinlich nie begegnen. Aber ich freue mich, wenn es dir gut geht

Liebe Instagram-Nutzerin aus Dublin, auch dir begegne ich nur zufällig in meiner Timeline. Umso mehr freute ich mich aber neulich, als du ein albernes Bild mit neuer Frisur, mit neuen, ganz kurzen Haaren und einem breiten Grinsen veröffentlicht hast! Ich kenne auch dich nicht, und wir werden uns wahrscheinlich nie begegnen. Aber ich freue mich, wenn es dir gut geht.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Ich hoffe, dass es dir gut geht. Genauso wie der oben erwähnten spanischen Familie oder all den anderen Menschen in meinen Timelines, deren Postings, Fotos und Videos nicht tausendfach geliked oder geteilt werden. Die keine Tausende von Followern oder Freunden haben. Die nicht jede Minute im Netz verbringen und jeden Aufreger mitmachen, sondern die es in erster Linie für gelegentliche und meist persönliche Meldungen nutzen und damit für ein Stück Normalität bei meinem Online-Medienkonsum sorgen.

Denn wenn es manchmal so wirkt, als seien das Internet, die Sozialen Plattformen, die elektronischen Kommunikationskanäle nur noch voller verbaler Kriege, Propaganda, Hass-Postings, Fake News und Verschwörungstheorien, dann zeigen Menschen wie ihr die andere, medial wenig beachtete, aber dennoch wichtige Seite der weltweiten Vernetzung. Sie zeigen gleichzeitig die Banalität und die Dramen des Alltags, die uns verbinden, weltweit. Die uns mit Fremden lachen oder auch weinen lassen, unabhängig von Herkunft oder Glauben.

Ich bedanke mich bei euch dafür. Und ich bedanke mich bei allen Leserinnen und Lesern dieser Kolumne für Lesen, Teilen und Diskutieren meiner Gedanken. Ich wünsche euch und uns möglichst entspannte Feiertage und die Hoffnung auf ein gutes 2017.

Vor allem aber wünsche ich all denjenigen Menschen, die ihr Leben in Krieg und Angst verbringen, dass ihr Leiden aufhört. Und dass es durch einen lebenswerten Alltag ersetzt wird, an dem der Rest der Welt ohne die immense Trauer, Sorge und Angst teilhaben kann, die wir im Angesicht der weltweiten Grausamkeiten gegen diese Menschen verspüren. Ich wünsche ihnen die Banalität des friedlichen Alltags. Denn wir brauchen sie. Nicht nur hier im Internet.

Viele Grüße, Johnny

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