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Digital ist besser / Verlage, stampft eure Websites ein!

Johnny Haeusler 16.02.2015

In den letzten fünfzehn Jahren haben die Großverlage Millionen von Euro in ihre Websites gesteckt. Aufwändige Content-Management-Systeme, komplexe Designanforderungen, Nutzertests, SEO und Klickanalysen kosten Geld. Viel Geld. Dabei ist klar, dass die Tage für klassische Websiteformate von Verlagen gezählt sind.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED Germany geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen noch mehr Software in unserem Leben brauchen.

Im Moment gibt es zwar noch ein paar (ältere) Leser, die täglich eine URL eintippen und die Startseite eines News-Portals oder Magazins nach den für sie interessanten Nachrichten, Fotostrecken oder Videoberichten durchsuchen. Doch die Zeiten, in denen Menschen dorthin gehen, wo die News sind, sind längst vorbei. Weshalb die Nachrichten dorthin gehen müssen, wo die Menschen sind.

Und die sind in Zukunft noch mehr als heute auf Facebook, YouTube und Twitter, bei WhatsApp, Snapchat und all den neuen Kommunikationsdiensten, die wir heute noch gar nicht kennen. Die Anbieter dieser Dienste sind sich dessen ebenso bewusst wie die Redakteure der Journalismus- oder Entertainment-Angebote der Verlage.

Schon 75 Prozent der Besucher von buzzfeed.com kommen direkt aus sozialen Netzwerken. Denn dort werden die Inhalte der Website verbreitet — entweder von Buzzfeed selbst oder von den Lesern. Bei diesem Kreislauf stellt sich natürlich die Frage, wozu man überhaupt noch eine Website braucht und wie sowohl die Anbieter von Kommunikationsdiensten als auch die Produzenten von Inhalten in diesem Verhältnis der gegenseitigen Abhängigkeit Geld verdienen können.

Wie können sowohl die Social-Media-Anbieter als auch die Produzenten von Inhalten in dieser gegenseitigen Abhängigkeit Geld verdienen?

Dass die sozialen Netzwerke an den Antworten arbeiten, zeigen die konstanten Änderungen bei Facebook, ganz besonders aber die Updates von noch sehr jungen Diensten wie Snapchat. (Bei denen sich viele Analysten noch vor wenigen Wochen fragten, wie dort jemals Geld verdient werden soll). Mit der Einführung der Funktion „Geschichten entdecken“, bei der Snapchat unter anderem mit CNN, VICE, MTV und YAHOO! News zusammenarbeitet, sollten diese Zweifler verstummen. Denn der direkte Kontakt zu einer jungen Zielgruppe, die möglicherweise noch nie die Websites eines Medienunternehmens aufgerufen hat, dürfte Gold wert sein.

Für die Anbieter von Inhalten ist der virtuelle Ort, an dem sich Menschen treffen, um sich miteinander auszutauschen, der einzige noch relevante Ort. Und wenn Facebook, Snapchat und Co. die neuen großen Nachrichtenkanäle sind, könnte es sogar passieren, dass sie genauso wie die alten agieren und in naher Zukunft professionelle Content-Lieferanten bezahlen werden, um die eigene Attraktivität zu steigern und hohe Werbeumsätze zu generieren. Alternativ dazu könnten sie den Anbietern von Inhalten die Möglichkeit geben, selbst von neuen Werbeinnahmen zu profitieren.

Doch egal, ob Twitter nun wirklich das nächste ProSieben wird oder Snapchat tatsächlich Spiegel Online vom Thron stößt: Eure Websites könnt ihr schließen, liebe Verlage.

Anmerkung: Der Autor betreibt selbst einen Online-Verlag, aber einen ganz kleinen. Er hat nicht vor, auf seine eigene Empfehlung zu hören, denn er glaubt, dass die Sache bei Nischenthemen noch einmal ganz anders aussieht.

In der letzten Folge von „Digital ist besser“ verzweifelte Johnny Haeusler beim Versuch, online die richtige Versicherung zu finden. 

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