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Digital ist besser / Apple Musics bestes Feature ist der Radiosender

Johnny Haeusler 06.07.2015 Lesezeit 4 Min

Da beschwere ich mich vor wenigen Woche noch über das Spotify-Interface und prognostiziere für Apple Music eine bessere User Experience — und dann das!

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED Germany geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen noch mehr Software in unserem Leben brauchen.

Sagen wir es so: Die aktuell vorliegende visuelle Umsetzung des Musik-Streaming-Dienstes von Apple hat noch Raum für Verbesserungen. Und zwar in der Größe mehrerer Server-Farmen. Im Moment ist die Bedienung von Apple Music ein Kampf durch einen Dschungel von Pünktchen, die zu weiteren Funktionen führen, die man vor dem Tap aber nicht erahnen kann und die sich in Form von immer gleich aussehenden Textlisten präsentieren. Intuitiv geht anders, schick und einfach auch.

Hoffen wir also auf baldige Besserung und konzentrieren uns stattdessen auf einen Bereich von Apple Musik, über den sich noch nicht jede und jeder zweite auf Twitter beschwert hat: das integrierte Radio.

Als Apple bei seiner letzten Produktpräsentation die Beats 1 Radio Show ankündigte, schien die Tech-Welt unterwältigt. Radio — es wurde mit kurarierten Playlists gleichgesetzt und viele fragten sich, wozu und ob man das überhaupt noch brauche. Ist Radio nicht ein Relikt aus einer Zeit, in der man sich vorschreiben lassen musste, was man gerade hören will? Sind wir nicht längst weiter mit unseren Community-Playlists, von cleveren Algorithmen errechneten Musikempfehlungen und Stimmungslisten?

Waren wir nicht längst weiter mit unseren von cleveren Algorithmen errechneten Empfehlungen?

Dass Radio aber wesentlich mehr sein kann als das Abspielen von kuratierten Songs, zu denen man besonders gut Vorwärtsrollen im Park machen kann, das wissen vielleicht nur noch die älteren MusikliebhaberInnen. Von denen einige bei Apple sitzen, wie es scheint. Denn Beats 1 Radio ist ziemlich großartig und bisher überraschenderweise mein Lieblingsfeature von Apple Music. Mein ursprünglich nur zu Recherchezwecken gedachter Test des Beats-1-Hörens wurde schnell zur Dauereinrichtung, wann immer WLAN verfügar ist.

Natürlich fehlt bei Beats 1 als internationalem und Zeitzonen-überschreitenden Sender der lokale und zeitaktuelle Aspekt des Radios, das uns als Tagesbegleitmedium informieren soll. Und selbstverständlich besteht ein großer Teil des Programms aus aktuellen anglo-amerikanischen Pop-Songs. Doch selbst dabei ist ein großer Anspruch an Qualität und Überraschung zu spüren und ich erwische mich bei jedem dritten Song dabei, nachzusehen, was ich da gerade höre, weil es mir gefällt.

Beats 1 hat mehr Seele und Musikliebe als die als Radio verkleideten Label-Playlists der Konkurrenz.

Seine wahre Stärke zeigt die Radiostation jedoch bei den Spezialsendungen, deren Sendezeiten man auf Apples Beats-1-tumblr-Blog (!) einsehen kann. Wenn beispielsweise Josh Homme (u.a. Queens of the Stone Age) am Mikrofon sitzt und Roky Erickson, GBH, Hot Chocolate, John Lennons „Cold Turkey“, Cramps, Misfits und Grinderman in seiner Show spielt und dazu noch ein paar musikhistorische Anekdoten und Analysen liefert, dann hat das einfach viel mehr Seele und Musikliebe als die, als Radio verkleideten, Label-Playlists der Konkurrenz.

Und übrigens auch um Längen mehr Leidenschaft als die Programme der meisten aktuellen „echten“ Radiosender. Was mich zu einem Schluss bringt, den ich vor meinem Test von Apple Music nicht erwartet hatte: Vielleicht konzentriert sich Apple mit seinem Streaming-Dienst und insbesondere mit Beats 1 nicht allein auf das sehr junge und sowieso „digital lebende“ Publikum, dem ein fast klassisch anmutendes Radio (noch?) egal sein mag — sondern auf den Markt der wirklich musikinteressierten Erwachsenen. Vielleicht geht Apple nicht allein in Konkurrenz zu anderen Streaming-Diensten. Womöglich greift der Konzern, scheinbar nebenbei, herkömmliche Radiostationen an, indem er ein Format zurückbringt, das fast anachronistisch zu nennen ist: Das Format der nicht nur kuratierten, sondern von musikbesessenen Menschen moderierten Präsentation von aufregender, großartiger und vielleicht sogar wichtiger Musik.

Mir soll es recht sein. Wenn das Programm von beats1 noch vielfältiger, internationaler und offener wird; wenn Apple es schafft, noch mehr spannende und musikbegeisterte ModeratorInnen aus aller Welt für Specials zu gewinnen — dann könnte Beats 1 ein Feature werden, das viele unterschätzt haben.

In der letzten Folge „Digital ist besser“ rief Johnny Haeusler uns alle zu mehr digitaler Solidarität mit Griechenland auf.