/Kolumne

Digital ist besser / Was wir tun, ist kein Landesverrat, sondern Notwehr

Johnny Haeusler 03.08.2015 Lesezeit 3 Min

Geheimdienste spionieren uns im Netz aus, Regierungen verkaufen unseren digitalen Lebensraum, aber Bundesanwälte ermitteln lieber gegen Journalisten und Whistleblower. Johnny Haeusler hat genug — und wendet sich in dieser Woche an diejenigen, die den wahren Verrat begehen.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED Germany geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen noch mehr Software in unserem Leben brauchen.

Jahrzehntelang habt ihr (mindestens) eine Generation ignoriert, die mit digitalen Technologien und ihrer Vernetzung erwachsen geworden ist. Ihr habt unsere Medienkanäle belächelt, unsere sozialen Netzwerke nicht ernstgenommen, unsere Unternehmen ausgelacht und sogar unsere Spiele verteufelt und verboten. Ihr habt uns politisches Desinteresse angedichtet, dabei konntet ihr uns nur nicht mehr folgen, denn wir sind zu schnell geworden. Und jetzt sind wir meilenweit weg von euch.

Seitdem ihr das verstanden habt, klammert ihr euch an eure alte Welt, die Welt der alten, reichen, mächtigen Männer. Ihr wollt unseren digitalen Lebensraum verkaufen, beschränken, kontrollieren. Ihr wollt ihn umfunktionieren zu einem weiteren eurer Kontrollapparate. Wir sollten ein Verfahren gegen euch eröffnen — wegen des Verdachts des Neulandesverrats.

Wir sollten ein Verfahren gegen euch eröffnen — wegen Neulandesverrats.

Eure Politik, eure Macht- und Geldgier und eure Marktgötzen haben uns in eine Welt geführt, auf die wir durch dystopische Science-Fiction-Romane, Comics und Videogames vorbereitet wurden: Vor den Toren Europas stehen diejenigen, auf deren Armut und Leid unser Reichtum basiert, und ihr hofft, sie mit Stacheldraht und Tränengas abhalten zu können. Neue Handelsabkommen besprecht ihr in Hinterzimmern, und ihr hofft, dass wir das nicht erfahren. Eure Beamten lasst ihr unsere Kommunikation speichern und ihr hofft, dass ihr sie versteht. Und viel zu oft mussten euch Gerichte darauf hinweisen, dass ihr gegen die Basis unserer Demokratie verstoßen habt. Gegen das Grundgesetz.

Und wenn wir dann mitbekommen, was ihr tut, wenn wir eure Absprachen und Pläne veröffentlichen, so dass alle sie sehen können — dann wollt ihr uns mundtot machen. Aber das funktioniert nicht mehr. Es ist zu spät für euch und eure alte Welt.

Es ist zu spät für euch und eure alte Welt.

Vielleicht wissen wir selbst noch nicht so genau, wie eine neue Welt aussehen kann. Aber wir wissen, dass wir eine andere wollen als die, die ihr uns vorzuschreiben versucht. Wir wollen gleiche Rechte für alle Menschen, egal, wen sie lieben, wo sie herkommen und wie sie leben. Wir wollen gerechte Politik, die sich am Wohlergehen der Bevölkerung orientiert, nicht an dem eurer Unternehmen. Und wir wollen wissen, was ihr vorhabt, wir wollen Offenheit. Wir wollen Teil der politischen und gesellschaftlichen Prozesse sein, wir wollen mitreden, mitbestimmen.

Ganz genau so, wie es das Grundgesetz, die verfassungsmäßige Ordnung vorsieht. In der auch zu lesen ist: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Was wir tun, ist Notwehr.

In der letzten Folge „Digital ist besser“ fragte sich Johnny Haeusler: Wie sollen wir dem Hass im Internet bloß entgegentreten?