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Der private Drohnenkrieg des Jason Rexilius — gegen den Islamischen Staat

Max Biederbeck 18.05.2015

Daten entscheiden im Häuserkampf über Leben und Tod: Fotos, Videos und Bewegungsmuster. Ein US-Unternehmer glaubt, dass die amerikanische Regierung ihre Verbündeten hier im Stich lässt. Zu denen gehören auch die kurdischen Peschmerga, die gerade Krieg gegen den Islamischen Staat führen. Der Geschäftsmann greift deshalb mit seinen Drohnen selbst in den bewaffneten Konflikt ein.

Jason Rexilius erinnert sich gut an die Nacht, in der eine Drohne sein Leben rettete: Die ersten Schüsse fallen, als es finster wird. Der 40-jährige Amerikaner wertet gerade die Daten des Tages aus, als er sich sich hinter einem Felshügel verschanzen muss. Über ihm ragen schwere 106mm-Geschütze in die Dunkelheit. Sie knallen ohrenbetäubend, als sie ihre Ladung in Richtung der Angreifer donnern. Peschmerga-Kämpfer hasten an ihm vorbei aus dem kurdischen Lager in Richtung Front. Aus ihren Baumarkt-Walkie-Talkies dröhnt plärrendes Schnattern. Die Kämpfe werden heftiger.

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Unternehmer Jason Rexilius (in der Mitte) zusammen mit kurdischen Peschmerga-Kämpfern. Peschmerga heißt übersetzt so viel wie „Die dem Tod ins Auge Sehenden“.

Auch von Seiten der Angreifer knallt es immer wieder. Der Islamische Staat (IS) oder auch Daesh, wie er hier heißt, hat seine eigene Artillerie in Stellung gebracht. Rexilius hinter seinem Hügel, ist sich trotz all der Aufregung sicher, dass die Gotteskrieger blind feuern. „Die Chancen, getroffen zu werden, waren gering. Höchstens durch einen Lucky Strike“, sagt er heute, knapp zwei Monate nach jener Nacht. Die Peschmerga dagegen hätten genau gewusst, wohin sie schießen müssen — Der US-Unternehmer ist überzeugt: Die Drohnen, die er den Kämpfern zur Verfügung gestellt hat, haben zum Ausgang des Scharmützels beigetragen. Wie sehr er damit Recht hat, sollte sich später in der Nacht noch zeigen.

Im Frühjahr hatte Rexilius für sein Projekt in Kurdistan zwei ferngesteuerte Fluggeräte aus Frankreich bestellt: Unmanned Aaerial Vehicles (UAVs), Typ LA-300. Sie besitzen die typische V-Form von kleinen Tarnkappenbombern. An ihrem Kopf hat der Amerikaner je eine GoPro-Kamera befestigt.

Vor dem Angriff ließ er die UAVs immer wieder aufsteigen. Wie Papierflieger warf er sie in die Luft und aktivierte dann ihre kleinen Propellermotoren per Fernsteuerung. Bis zu einer dreiviertel Stunde können die LA-300 in der Luft bleiben. Seit den Morgenstunden surrten sie immer wieder über der umkämpften Grenzstadt Sinjar im Nord-Irak hin und her und machten Luftaufnahmen. Zwei Tage sammelten sie schon.

Mit Hilfe der Aufnahmen konnten sie die Stellungen der Daesh-Kämpfer ausmachen.

Die so entstandenen Bilder gab Rexilius an die kurdischen Peschmerga weiter. Mit Hilfe der Aufnahmen konnten sie die Stellungen der feindlichen Daesh-Kämpfer ausmachen, erhielten Informationen über ihre Bewaffnung und wussten, welche Häuser als Unterschlupf dienten. Ein entscheidender Vorteil — und genau das ist das Geschäft und der Plan von Rexilius: Er will den Peschmerga durch Drohnentechnik zum Sieg über die Islamisten verhelfen. Zurück in den USA behauptet er stolz: „Ich leiste die Hilfe, die der amerikanische Staat gerne geben würde, aber aus politischen Gründen nicht geben kann.“

An seinem Geschäftsmodell arbeitet er schon lange. Los ging alles während des Bosnien-Konflikts in den 90er Jahren. Rexilius, der am College Wirtschaft studierte und sich seit seiner Kindheit selbst das Programmieren beigebracht hatte, war damals noch bei der Airforce. Er arbeitete für die amerikanische „Intelligence Community“, einen Zusammenschluss von 17 Geheimdiensten. „Wir hatten große Probleme, genug Daten über die umkämpften Gebiete zu sammeln“, erzählt er.

Drohnenaufnahmen der irakischen Stadt Sinjar, gemacht von einer LA-300.


Die Lösung kam in Form einer Straßenkarte, die einige Soldaten der Vereinten Nationen an einem Kiosk im Kampfgebiet einkauften. Mit diesem einfachen Mittel brachte Rexilius sein Wissen über die Region up-to-date. Die Blauhelme konnten ihre Einsätze besser planen, die Kampfgebiete besser erschließen. Teure und geheime Satellitentechnik war dazu nicht nötig.

CIA, NSA und Militär behalten stets die Hoheit über ihre Informationen.

Der Fachbegriff für diese Art von Information heißt „Opensource Intelligence“. Das sind Daten, die nicht extra erhoben werden müssen, sondern frei zur Verfügung stehen. Es geht um Fotos, Karten und regionales Wissen. All das ist in digitalen Zeiten in immer größerer Menge vorhanden. In Rexilius Augen gibt es aber zwei Probleme: Erstens nutzen Geheimdienste die Daten zu wenig aus. Zweitens wandeln sie ihre selbst gesammelte Informationen zu selten in Opensource Intelligence um. CIA, NSA und Militär, sie alle befürchten, kritisches Wissen könnte in die Hände des Feindes fallen. Geteilt wird nicht — auch nicht, wenn die Informationen zivilen Organisationen (NGOs) bei ihrer Arbeit helfen könnten.

„Damals in Bosnien konnten wir unsere Informationen schon nicht an NGOs oder andere nichtmilitärische Akteure weitergeben“, sagt Rexilius. Jahre später, nachdem er die Airforce verlassen und sich als Militärberater selbstständig gemacht hatte, sollte er den finanziellen Wert dieses Problems erkennen. In einem weiteren Krisengebiet: Mogadishu, der Hauptstadt Somalias.

Ferngesteuerte Predator-Drohnen werden von der US-Army sowohl zur Aufklärung, als auch für Luftschläge in bewaffneten Konflikten eingesetzt. Sie sind völkerrechtlich umstritten.

Dort war Rexilius als Privatunternehmer im Auftrag der Joint Chiefs of Staff des amerikanischen Verteidigungsministeriums unterwegs. Er sollte die Beziehungen zwischen NGOs und Militär vor Ort stärken — und erblickte stattdessen Predator-Drohnen, die über der Stadt segelten.

„Es regte mich maßlos auf, dass das Militär wichtige Informationen über den Zustand des Gebiets und die Al-Shabaab-Terroristen sammelte, ohne sie mit humanitären Helfern zu teilen“, erzählt er. Nach dieser Erfahrung habe er sich dazu entschieden, zusammen mit drei Kollegen ein neues Unternehmen zu gründen, das selbst Open-Source-Daten sammelt, aufbereitet und verkauft. Das war im vergangenen Jahr. Seine „Third Block Group“ benannte er nach einem Militärbegriff aus den Neunzigern. Militärische Operationen bestehen demnach aus drei Teilen: Krieg, Peacekeeping und Nation Building. Die letzten beiden, so Relixius, würden beim Militär zu oft vergessen. Er aber sorge dafür.

Es geht dem Unternehmer dabei vor allem um die Sicherung von Strukturen, damit NGOs in Krisengebieten ihre Arbeit machen können und Flüchtlinge sicher sind. Alles, um einen sogenannten „gescheiterten Staat“ zu verhindern und Chaos zu vermeiden. Gleichzeitig verdient Rexilius aber auch ordentlich Geld, hat staatliche und private Auftraggeber.

Er ist kein verwirrter Ideologe wie etwa Matthew VanDyke aus Baltimore. Der in Libyen aus reiner Überzeugung gegen Gadaffi kämpfte, um die arabische Revolution zu unterstützen. Eine Ahnung von der Gefahr vor Ort hatte VanDyke allerdings nicht und landete schließlich in einer von Gadaffis Zellen, wurde gefoltert und überlebte nur knapp. Dennoch folgen seitdem viele Bewunderer seinem Beispiel, meistens aus einem neokonservativen Weltbild heraus. Rexilius dagegen folgt keiner politischen Ideologie. Er hat zwei klare Ziele: ein wirtschaftliches und ein humanitäres. Außerdem ist er kein Laie, sondern hat Militär-Hintergrund, Tech-Fachwissen und Kontakte.

Eine LA-300 beim Start.

Wie er von Gruppen wie den Peschmerga-Milizen entschädigt wird, will er nicht sagen. „Ich versuche hier ein längerfristiges Projekt aufzubauen, bei dem irgendwann lokale Mitarbeiter helfen und sich das ganze von selbst trägt“, sagt er stattdessen. Rexilius liefert nicht nur die Drohnen zur Aufklärung, sondern auch die Expertise und die Ausbildung. Ein Open-Source-Intelligence-Komplettpaket.

Dass er dadurch aktiv in einen Krieg eingreift, stört ihn nicht. Eigentlich geben westliche Geheimdiensten keine Daten an die Peschmerga weiter. Die amerikanische Regierung unterstützt deren Kampf zwar, muss aber auch ihren Verbündeten im Irak und der Türkei Rechnung tragen. Dort hat man Angst, dass die Kurden mit zu viel Unterstützung ihren Einfluss in den umkämpften Grenzregionen Irak, Syrien und Türkei erhöhen. Dadurch, so die Sorge, könnten sie ihren eigenen Staat irgendwann erzwingen.

Das vor allem Informationen zurückgehalten werden, erscheint dabei paradox. Beim Thema Waffen sind westliche Mächte schon lange nicht mehr so zögerlich. Die werden auch aus Deutschland und den USA geliefert. „Beim Thema Daten entscheiden wir als Unternehmen, wen wir unterstützen wollen und wen nicht“, sagt Rexilius.

Trotz seiner Drohnenaufklärung im Vorfeld, wurden die Angriffe in der Nacht im März immer schlimmer. Schließlich fanden einige der Peschmerga den Unternehmer im Lager. Ihre Bitte: Lass deine Drohne wieder aufsteigen. Die Kämpfer hatten bereits am Mittag den Nachbarfunk abgehört. Auch der IS nutzt die Baumarkt-Walkie-Talkies. Es reicht ein Dreh am Rädchen und die beiden Kriegsparteien können sich gegenseitig hören. „Mittags dachte Daesh, die Drohnen seien vom amerikanischen Militär“, erinnert sich Rexilius.

Er ließ die LA-300 also wieder aufsteigen und mitten durch das Artillerie-Feuer surren. Ein Bluff. Und tatsächlich, plötzlich rauschten hektische Diskussion aus dem feindlichen Funk. „Drohne! Wieder die Amerikaner!“ Der Angriff stoppte. Der Kampf war vorbei. Die Kurden hielten ihre Stellungen trotz des IS-Überfalls, es gab keine Verluste in dieser Nacht.

In zwei Wochen fliegt Rexilius mit neuem Equipment wieder nach Kurdistan, danach geht es zu einem weiteren Job nach Somalia. Zu gefährlich sei ihm das alles nicht, sagt er. „Als wir beim letzten Mal aus dem Nord Irak abgereist sind, begann gerade der nächste Angriff. Ich fühle mich schlecht, denn es gab Tote. Ich wünschte, ich wäre noch einen Tag länger geblieben und hätte meine Drohnen weiter steigen lassen können.“ 

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