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Imzy soll das Reddit ohne Hass werden

Chris Köver 25.05.2016

Reddit brüstet sich damit, die „Frontpage des Internets“ zu sein. Doch wenn das stimmt, dann ist dies ein Netz, in dem Frauen, People of Color oder Queers nicht besonders freundlich empfangen werden. Rassismus und Sexismus gehören auf Reddit zum unguten Ton, eigentlich wird gegen alle gehetzt, die nicht weiß, hetero und männlich sind. Ein ehemaliger Chef der Plattform will jetzt eine Community aufbauen, in der alles anders werden soll.

Dan McComas sieht schon freundlich aus, noch bevor er überhaupt anfängt, über sein Thema zu reden. Angenehm ruhige Mediatorenstimme, sympathisch breites Grinsen. Alles an dem Mann scheint zu sagen: Es ist okay. Wenn er dann auf sein Startup zu sprechen kommt, ist das Bild komplett.

„Über die vergangenen 20 Jahre sind viele unserer Real Life-Gemeinschaften verschwunden,“ sagt McComas, „und ich habe nicht den Eindruck, dass das Netz einen Ersatz dafür bietet. Aber wir sehnen uns doch so sehr nach Gemeinschaft.“ Eine ganz schöne Ladung Pathos für einen Startup-CEO, aber man nimmt sie ihm ab.

McComas ist kein Hippie, oder vielleicht doch, aber einer von der neueren Sorte: Er will keine Kommune gründen, sondern eine Community-Seite im Netz. Einen Ort, an dem ein freundlicheres Miteinander herrscht als auf Reddit, Twitter oder Facebook und an dem Hass und Gewalt von Anfang an keinen Platz haben.

Die Bedürfnisse von Unternehmen und Gemeinschaft sind nicht synchron

Dan McComas, Gründer von Imzy

Das ist ambitioniert und McComas weiß das: Bis Juni 2015 leitete er das Produkt-Team von Reddit, einer Website, die für ihre rassistischen und sexistischen Entgleisungen legendär ist. Er hat dort erlebt, wie sich die wichtigsten Moderatoren und Mitglieder der Reddit-Community im Sommer 2015 in einer Art Revolte gegen die Betreiber der Seite auflehnten und wichtige Diskussionsforen tagelang blockierten, weil sie sich nicht genug gewertschätzt fühlten. Kurz darauf verließ McComas Reddit (er sagt, er wurde entlassen, Reddit hat das nie kommentiert) – einen Monat später hatte er bereits drei Millionen Dollar von Investoren für sein neues Projekt Imzy eingesammelt.

Die Seite ist derzeit noch im geschlossenen Beta-Test, das heißt man kommt nur mit einer Einladung rein. 12.500 Nutzer haben das schon geschafft, weitere 20.000 stehen auf der Warteliste. Für den Anfang hat Imzy Partner wie Lena Dunhams Mailingliste Lenny Letter eingeladen, auch der Podcast Black Girls Talking ist mit dabei und einige weitere handverlesene Netzcommunitys. Aber McComas und seinem Team – fast alle ehemalige Mitarbeiter von Reddit – ist vor allem wichtig, es erst mal ganz, ganz langsam angehen zu lassen.

Eines der größten Probleme anderer Plattformen, sagt McComas, sei der Druck, schnell zu wachsen. Weil Reddit sein Geld mit Werbeeinnahmen verdient, will das Unternehmen Communitys möglichst schnell möglichst groß aufpumpen. Das ist logisch: Je mehr Menschen etwa Kinowerbung in einer Filmcommunity sehen, umso teurer kann Reddit Anzeigen verkaufen. Aber möglichst viele neue Nutzer in eine Gemeinschaft zu schaufeln, sagt McCormas, „entspricht nicht unbedingt den Bedürfnissen einer bestimmten Gemeinschaft. Es entspricht den Bedürfnissen des Unternehmens. Die Bedürfnisse des Unternehmens und der Gemeinschaft sind nicht synchron.“

Wertschätzung, die sich in Dollar ausdrückt

Imzy will ein anderes Modell testen. Eines, das sich von Anfang an stärker um die Bedürfnisse der Menschen dreht, die gemeinsam über Minecraft, Feminismus, niedliche Katzenfotos, vegane Ernährung oder Dinosaurier abnerden wollen. Eine Lösung, die McComas dafür gefunden haben will: Geld. Wer eine Community auf Imzy gründet, kann von den Mitgliedern mit Mikrobeträgen für seine Arbeit als Moderator bezahlt werden, man kann auch monatlich einen bestimmten Betrag spenden, ähnlich wie auf der Crowdfundingplattform Patreon. Damit will Imzy Moderatoren für ihre Arbeit besser entlohnen – eine Form von Wertschätzung, die sich in Dollar ausdrückt. Es steht aber auch eine weitere Absicht dahinter: „In China gibt es bereits große Plattformen, die Geld kosten und man hat festgestellt, dass sich das positiv auf das Verhalten der User auswirkt.“

Es sei auch denkbar, dass einzelne Communitys auf Imzy später entscheiden, dass sie „Eintritt“ verlangen wollen. Zugang bekommt dann nur, wer eine monatliche Summe zahlt. Mit einer offenen Entwicklerplattform will Imzy es den Betreibern der Communitys außerdem ermöglichen, sich eigene Apps zu bauen – etwa um Merchandise zu verkaufen, Comics zu tauschen oder Abos für Podcasts anzubieten. Imzy würde dann einen bestimmten Prozentsatz der Transaktionen behalten und die Apps könnten an andere Communitys weitergegeben oder verkauft werden, die sie ebenfalls nutzen wollen. Menschen würden im echten Leben schließlich auch Geld in ihren Communitys tauschen, sagt McCormas, warum also nicht auch online?

Radikale Selbstverwaltung mit klaren Vorgaben

Wer auf Imzy ankommt, bekommt anders als bei Reddit erst mal keine Startseite mit den populärsten Posts zu sehen. Stattdessen wird man zunächst gefragt, welche Themen einen besonders interessieren: Musik, Literatur, Sport, Politik? Auf dieser Basis werden den Neuzugängen Communitys vorgeschlagen, bei denen sie anklopfen können um eingelassen zu werden. Auf der Startseite tauchen diese Gruppen dann als Tumblr-artiger Feed auf, durch den man scrollen kann.

Wer ein Thema vermisst, kann selbst eine Community gründen, das kostet nicht viel mehr als ein paar Klicks. Eine kurze Beschreibung aufsetzen, die Regeln festlegen, etwa dazu, wer die Postings sehen kann oder was gepostet werden darf, und die Diskussion kann beginnen.

Radikale Selbstverwaltung soll das also werden, allerdings eine mit klaren Vorgaben. Denn Communitys mit Namen wie „rapingwomen“, „fatpeoplehate“ oder „watchn*****die“ – legendäre Subreddits, die erst nach langen Protesten geschlossen wurden – wird es auf Imzy nicht geben. Die ausführlichen Verhaltensregeln verbieten explizit, andere zu belästigen oder Hass auf der Grundlage von Herkunft, Geschlecht, religiösen Überzeugungen oder anderen Identitätsmarkierungen abzuladen. „Behandelt euch gegenseitig mit Respekt,“ heißt es dort. „Natürlich wird es hitzige Diskussionen geben. (...) Du kannst trotzdem respektvoll bleiben und auf persönliche Angriffe und Belästigung verzichten.“

Eine Art superdiverses feministisches Festival vor dem Bildschirm

Auch Pornografie haben McCormas und sein Team von ihrer kleinen Insel der Freundlichkeit verbannt. Erstens gebe eh schon mehr als genug Orte, an denen man sich das anschauen könne, kostenlos und zu jeder beliebigen Zeit, sagt McCormas. Außerdem haben er und seine Kollegen die Erfahrung gemacht, dass Porno-Communitys besonders schlechte Benehmen mit sich bringen. „Wir haben den Eindruck, dass der Bedarf in dieser Hinsicht gedeckt ist und würden uns gerne stärker auf Gemeinschaft und Konversationen konzentrieren,“ schreiben sie in den Guidelines.

Noch ist Imzy auf eine Art mit Freundlichkeit geflutet, die an den Duktus von Selbsthilfegruppen und offenen Arbeitskreisen erinnert. Eine Community hat sich der Diskussion von „Mitgefühl, Empathie, Freundlichkeit“ verschrieben und will Geschichten austauschen „die den Glauben an die Menschheit wieder herstellen“. Eine andere heißt „Let’s grab coffee“: „Gather here to chat about your day with all your Imzy friends!“ steht in der Beschreibung. Nutzer danken einander ausführlich für ihr wertvolles Feedback und die interessanten Beiträge. Es ist eine Art superdiverses feministisches Open-Air-Festival mit vielen Workshops für Nerds, nur dass man statt auf einer Wiese im Kreis noch vor einem Bildschirm sitzt.

Diversity ist nichts, was du später noch hinzufügen kannst

Dan McComas, Gründer von Imzy

Ob sich dieser paradiesische Urzustand halten kann, wird sich zeigen, wenn Imzy demnächst seine Tore für die Allgemeinheit öffnet. Angepeilt ist Ende Juni, aber sollte die Seite bis dahin noch nicht so weit sein, werde der Launch eben nach hinten geschoben, sagt McComas. „Diversity ist nichts, was du später noch hinzufügen kannst,“ sagt McComas. „Das größte Problem von Online-Communitys ist, dass sie eine Art Echokammer bilden.“ Es sei wichtig von Anfang an eine Vielzahl an Stimmen auf der Seite zu haben, die die Diskussion später in eine bestimmte Richtung steuern können. 1500 Communitys haben Nutzer bereits gegründet und die Gründer wollen ihnen Zeit geben zu wachsen, bevor sie die Party für alle öffnen.

Der größte Unterschied zwischen Imzy und den existierenden Plattformen sei, sagt McComas, „dass wir von Anfang an Wert darauf legen, als Unternehmen so zu wachsen, dass es auch für unsere Nutzer gut ist“. Twitter, Facebook und Reddit haben eine weit klaffende Marktlücke hinterlassen, die nach einem Ort, um unbelästigt Meinungen im Netz austauschen zu können. Keine Ahnung, ob Imzy diese Lücke erfolgreich besetzen wird, aber wenigstens die Ambition ist ernsthaft vorhanden – und das ist schon mal mehr, als Twitter, Facebook oder Reddit derzeit zu bieten haben.

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