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re:publica-CEO Gebhard: „Es ist egal, ob 5000 Besucher kommen oder 10.000"

Timo Brücken 01.04.2016 Lesezeit 8 Min

Die Frage, ob Sascha Lobo kommt, müssen wir nicht mehr stellen: Ja. „Wir freuen uns“, sagt re:publica-Chef Andreas Gebhard im WIRED-Interview. Zeit also für wichtigere Fragen zum Zehnjährigen der Internet-Konferenz.

Die re:publica wird zehn Jahre alt, und dieses Jubiläum begeht die als Bloggertreffen gestartete Konferenz mit hunderten von Veranstaltungen unter dem Stichwort „TEN“ — das im Spiegel betrachtet zu „NET“ wird. Ein Wortspiel, das sich durch die Themen der re:publica ziehen wird, sagt Organisator Andreas Gebhard.

Nicht ganz unwichtig: Einer der prominentesten Internet-Erklärer, Sascha Lobo, wird dieses Jahr wieder dabei sein und eine Rede halten. Nach seiner viel beachteten und als Aufforderung gedachten „Rede zur Lage der Nation“, die er 2014 hielt, sagte er im darauffolgenden Jahr ab. In seinen Augen hatte sich zu wenig getan, weshalb er 2015 nicht zur re:publica gekommen war.

WIRED hatte Lobo damals zu seinen Beweggründen interviewt. Auch mit Gebhard hatten wir damals gesprochen und gefragt, ob er sauer auf Lobo sei: „Nein. Saschas inhaltliche Kritik gilt ja nicht der re:publica, sondern der digitalen Szene insgesamt.“ 

Das ist nun Geschichte. Zum Zehnjährigen gilt es nach vorne zu blicken. Im Interview erzählt Gebhard, wie es mit der Digital-Konferenz in Berlin weiter gehen soll.

WIRED: Nun ist es öffentlich: Sascha Lobo hält auf der zehnten re:publica wieder einen Vortrag.
Andreas Gebhard: Ja, er wird kommen. Wir freuen uns!

WIRED: Gut, dann ist das geklärt. Wenn du an zehn Jahre re:publica zurückdenkst, was war die größte Herausforderung?
Gebhard: Nicht abzuheben, realistisch zu bleiben und etwas zu tun, das für alle Beteiligten gleichermaßen interessant ist, aber sich trotzdem weiterentwickelt. Unsere Guideline war immer: eine Veranstaltung machen, auf die wir als Gründer auch selbst gehen würden. Das bedeutet, dass keine Routine reinkommen darf, damit es jedes Jahr wirklich ein einmaliges Erlebnis wird. Als größte Herausforderung würde ich dabei sehen, eine Balance zu finden und alle unterschiedlichen Akteure gleichberechtigt zu behandeln. Von den Besuchern über die Partner und Helfer bis hin zu den Journalisten — von denen mittlerweile mehr zu uns kommen, als es auf der erste re:publica insgesamt Besucher gab.

Andreas Gebhard ist Gründer und CEO der größten deutschen Konferenz für digitale Kultur: re:publica.

WIRED: Eure Besucherzahlen haben sich seit 2006 mehr als verzehnfacht, von unter 700 auf mehr als 7000. Wird die Größe irgendwann zu einem Problem für diese Balance?
Andreas Gebhard: Es macht keinen Unterschied mehr, ob man 5000, 7000 oder 10.000 Besucher hat. Worauf es ankommt, ist, dass man trotzdem nicht die Liebe fürs Detail verliert. Wir könnten anfangen klassische Messestände zu bauen und auszusehen wie eine klassische Messe — aber das wollen wir nicht. Aber wir werden in diesem Jahr noch einmal mehr als 10.000 Quadratmeter Fläche dazubekommen.

WIRED: Was wird da stattfinden?
Gebhard: Wir werden nicht versuchen, das alles vollzukloppen, sondern sind darauf bedacht, Funktionen hinzuzufügen. Eine davon ist das neue labore:tory im Kühlhaus direkt neben der Station. Da werden wir Musikthemen behandeln, darstellende Kunst und auch Mode mit der Subkonferenz #FASHIONTECH stattfinden. Als Querschnittsthema werden wir dabei hinterfragen, was die neuen Ansätze und Technologien für Virtuelle Realität für diese Kreativbranchen bedeuten. Wir machen das zusammen mit dem Fachverband Virtual Reality, der gerade neu gegründet wurde.

Wir versuchen, die Dinge für den Besucher erlebbar zu machen.

WIRED: Also sagt ihr weiter: Wachstum auf jeden Fall.
Gebhard: Nein, nicht auf jeden Fall. Aber wir machen weiter, weil der Zuspruch von Besuchern und Partnern groß ist, der „Call for Papers“ ist wieder super gelaufen, knapp 1000 Beiträge sind reingekommen. Da, wo unsere Community uns Feedback gegeben hat, sind wir dem nachgekommen: Erstens noch tiefer in die Themen reingehen, mit dem labore:tory zum Beispiel, und zweitens beim Thema Matchmaking, darin, die Leute noch besser zusammenzubringen. Das ist schon Wachstum, aber organisch. Wir versuchen eher, die Aufenthaltsqualität noch zu vergrößern.

WIRED: Nach „Finding Europe“ im letzten Jahr habt ihr diesmal den Jubiläumstitel „TEN“ gewählt. Wird die re:publica 2016 also vor allem retrospektiv?
Gebhard: Na ja, TEN ist gespiegelt NET. Das ist erst mal ein Gimmick, aber die Idee ist, dass wir mit Reflexion und Spiegelflächen arbeiten, um klar zu machen: Es geht um die Community, um die Leute, die da sind. Die stehen im Mittelpunkt, das werden auch die Architektur und die Bühnenaufbauten so widerspiegeln.

WIRED: Darunter kann man sich auf den ersten Blick nicht viel Konkretes vorstellen. Was werden die großen aktuellen Themen der diesjährigen re:publica sein?
Gebhard: Wir haben insgesamt etwa 15 bis 20 Schwerpunktthemen identifiziert. Das reicht von der Mobilität über Refugees, wo wir eine Subkonferenz zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung veranstalten, bis hin zur Kooperation mit dem World Health Summit als einer der wichtigsten Konferenzen im Gesundheitsbereich. Neben dem breiten, holistischen Ansatz haben wir eben diese vertikalen Themenstränge, wo Fachpublikum aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenkommen und ganz neue Allianzen bilden kann. Wir versuchen, die Dinge für den Besucher erlebbar zu machen. Aber in der Breite soll die re:publica eben auch die unterschiedlichsten Facetten abdecken.

Von Veranstaltung zu Veranstaltung kommt jedes Mal knapp die Hälfte der Leute dazu.

WIRED: In eurer Pressemitteilung stand: „Zur zehnten re:publica ist es Zeit, zurück zu blicken und Ausschau zu halten: Wie wird die digitale Gesellschaft 2026 aussehen?“ Was ist deine persönliche Vision?
Gebhard: Wenn wir alle wieder zehn Jahre älter sind, dann sind die, die jetzt in die Grundschule gehen, diejenigen, die sich mit den dann vorhandenen Technologien am besten auskennen. Da muss die Gründergeneration der re:publica sich schon warm anziehen, um überhaupt noch mitzukommen. Es gab krasse Veränderungen in den letzten zehn Jahren, die nächstgrößeren Schübe in Richtung VR sehen wir gerade aktuell. Wenn wir das kombinieren mit der IoT-Diskussion und allem, was mit Wearables passieren wird – dann könnte ich mir vorstellen, dass eine noch stärkere Vereinzelung der Menschen das Ergebnis sein wird. Was es wiederum umso wichtiger macht, so was zu haben wie eine re:publica, wo man dann trotzdem noch physisch zusammenkommt.

WIRED: Also ist der vielzitierte Gedanke vom „Klassentreffen“ immer noch da?
Gebhard: Na ja, es ist mittlerweile eher ein Schultreffen, als nur das eines Jahrgangs. Das hat mich auch an diesem Begriff immer am meisten gestört, der anfangs meiner Meinung nach von einigen Journalisten auch durchaus despektierlich gemeint war. Als ob da so eine abgeschlossene Gruppe wäre, völlig homogen, und das habe ich wirklich nie so empfunden. Sondern es hat sich immer stark durchmischt, das ist durch das Wachstum ja auch gar nicht anders möglich. Von Veranstaltung zu Veranstaltung kommt jedes Mal knapp die Hälfte der Leute neu dazu, insofern passt der Begriff „Klassentreffen“ nicht so richtig.

WIRED: Mittlerweile schafft ihr es jedes Jahr zuverlässig in die Tagesthemen. Aber wie groß kann der Impact einer Konferenz wie der re:publica überhaupt wirklich sein?
Gebhard: Wir sind noch nicht so sehr in den internationalen Communities angekommen, dass wir überall unverzichtbar auf dem Kalender wären. Wenn man jetzt noch mal zehn Jahre weiterarbeitet, würde ich mir wünschen, dass man auch in L.A. und Tokio Bock hat, auf die re:publica zu kommen und viel wichtiger: sie überhaupt kennt!

Wir haben alle eine Haltung, die wir nicht verschweigen.

WIRED: Und wie wollt ihr das schaffen?
Gebhard: Berlin zieht eigentlich immer, die re:publica auch, aber die letzten fünf Prozent fehlen manchmal, um die Leute zu überzeugen. Und das ist das Konzept von spring.berlin, ein Netzwerk, mit dem wir spannende Events promoten, die von Mitte April bis Mitte Mai in Berlin stattfinden und für ein überregionales Publikum interessant sind. Wenn wir etwa auf der re:publica einen Musicday machen und ich darauf hinweise, dass eins der weltweit innovativsten Jazz-Festivals, das X Jazz Festival, direkt im Anschluss stattfindet, dann ist das vielleicht genau die richtige Prise, damit jemand sagt: Ich bin interessiert am Thema Mobility, aber auch Musikliebhaber – also buche ich vielleicht gleich das Ticket für beide Events.

WIRED: Also ist eure Unternehmensstrategie: Viel drum herum machen, um damit die re:publica als Kernstück zu promoten.
Gebhard: Ja, und es geht auch darum, das alles sichtbar zu machen, was drum herum stattfindet. Das sind ja alles keine Sachen, die wir selbst veranstalten, sondern wo wir gemeinsam mit anderen versuchen, neue Leute zu erreichen.

WIRED: Was als kleine Konferenz anfing, ist also ein großes Unternehmen geworden. Inwiefern könnt ihr Gründer da überhaupt noch Aktivisten sein?
Gebhard: Also, wir sind ein sehr kleines Team, wir sind vier Gründer und haben vier Angestellte.

WIRED: Aber das, was ihr überblicken müsst, ist doch viel größer geworden.
Gebhard: Absolut. Aber ich würde nicht sagen, dass wir eine große Firma sind. Jeder Gründer, jede Gründerin macht eben auch ihre eigenen Projekte. Wir haben es letztes Jahr gesehen mit Markus Beckedahl und allen Fragen rund um Netzpolitik.org und #Landesverrat. Das war so groß in den Medien wie wenig anderes. Tanja und Johnny Haeusler machen ihren Aufschlag mit der TINCON und einem Thema, dass sie seit Jahren einfach betreiben: dem Nachwuchs. Wobei Nachwuchs komisch klingt, das ist ja eher die digitale Avantgarde, wenn man sich anschaut, wie Technologie von Jugendlichen genutzt wird. Und auch ich bin an externen Projekten beteiligt. Für mich persönlich war es nie die Frage: Ist das jetzt ein Projekt oder eine Firma oder Aktivismus? Wir haben alle eine Haltung, die wir nicht verschweigen. Dementsprechend können wir das auch: Aktivisten sein in den Themengebieten, mit denen wir uns beschäftigen. Da muss dann nicht jeder einmal im Quartal ’ne Demo anmelden. 

Die re:publica findet vom 2. bis 4. Mai 2016 in Berlin statt. Die WIRED-Berichterstattung zur Konferenz findet ihr hier