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Wer bei diesem IKEA einkauft, sieht eine Wohnung aus dem syrischen Krieg

Cindy Michel 10.11.2016

Graue Betonbausteine statt Blümchentapete, Müllsäcke als Vorhänge, dreckige Schaumstoffmatratzen: Zusammen mit dem Roten Kreuz engagiert sich einer der IKEA-Flagship-Stores in Norwegen für syrische Flüchtlinge und zeigt im Showroom, wie Menschen in Damaskus leben.

Manche Besucher wissen nicht so recht, was sie mit dem grauen, dunklen Raum anfangen sollen. Die anderen Abteilungen der Ausstellungsfläche sehen aus wie immer: perfekt auf den IKEA-Stil abgestimmte Beispiele von Wohnräumen. Freundliche Farben, blumiges Dekor, arrangierte Gemütlichkeit zum nachmachen. Aber diese anderen beklemmenden 25 Quadratmeter passen nicht ins Bild, sind das komplette Gegenteil. Sie zeigen auch nicht die verräumlichte Vorstellung einer heilen Wohnwelt in Schweden, Deutschland oder Norwegen, sondern die Realität in Syrien.

Gräulich, unbehandelte Betonbausteine als Wände, schwarze Müllsäcke über den Löchern, die den Namen Fenster nicht verdient haben, ein Plastikbehälter mit Trinkwasser, statt einer Spüle. Es gibt keine geölte Arbeitsplatte aus Kirschbaum oder sonst einem Holz, die wenigen Küchengeräte stehen auf dem Boden der 25 Quadratmeter-Wohnung. Die Couch, weder Ektorp noch Klippan, sucht man dort vergeblich. Wer sich setzen will, nimmt die dünnen Teppiche auf dem blanken Boden. Das alles ist zu sehen in einem Video auf Youtube:

Der triste Raum wirkt belebt. Auf den Schaumstoffmatratzen scheinen Stofftiere mit selbst gestrickten Pullis auf ihre Kinder zu warten und an den Wänden hängen goldene Bilderrahmen aus denen mal zwei kleine Jungs mit Zahnlücken grinsen oder auch ein Mädchen lächelt, das gerade sichtlich für die Kamera posiert. So wohnt Rana mit ihrer Familie von Neun in der Nähe von Damaskus.

Normal sehen die Ausstellungsflächen bei IKEA anders aus. Bei Rana und ihrer Familie gibt es keine schicke Arbeitsfläche, daher müssen die Küchengeräte auf den Boden stehen

Gemeinsam mit dem Roten Kreuz und der Kreativagentur Pol aus Oslo hat IKEA das kleine Appartment der großen syrischen Familie in einem ihrer Flagship-Stores in Oslo nachgebaut – inmitten all der perfekt gestalteten Wohnbeispiele. „Wir arbeiten schon seit vielen Monaten mit dem Roten Kreuz zusammen, sodass wir eine ganze Menge an Footage aus Syrien hatten“, berichtet die Agentur Pol gegenüber dem Designportal dezeen. „Aber egal wie emotional die Bilder und Filme auch sind, das Gefühl, das man bei einem Hausbesuch im Krisengebiet hat, können sie nicht transportieren.“

„25 Quadratmeter“ nennt sich das Gemeinschaftsprojekt des Roten Kreuzes, IKEAS und der Kreativagentur Pol

Doch schon bald hatte die Agentur eine Idee, wie und vor allem wo, sie Menschen in Norwegen diese Emotionen zumindest ansatzweise vermitteln könne: „Dort wo man an die Zukunft denkt und sie plant, in einem Möbelhaus. Die Wohnung soll eine Art Mahnmal sein, uns daran erinnern, wie glücklich wir uns schätzen können, nicht in einem Krisengebiet zu leben“, so Pol. Auch bei Rana war das norwegische Rote Kreuz zu Besuch, hatte die Wohnsituation auf digitalen Datenträgern festgehalten. So wusste die Agentur exakt, wie es bei ihr aussieht.

Wie auch in den anderen Showcase-Wohnungen in dem Möbelhaus, gibt es in dem syrischen Appartement die ikonischen Preiszettel. Allerdings stehen da weder Preise auf der weißen Fläche, noch wo und in welchem Regal sie im Lager zu finden sind auf dem roten Teil. Stattdessen Anekdoten zu den Gegenständen, Infos über das Kriegsgebiet oder Geschichten anderer syrischer Flüchtlinge. „Und natürlich wie man helfen kann“, berichtet Gudrun Lægreid von IKEA Norwegen WIRED. „Das Projekt war gleichzeitig ein Spendenaufruf des Roten Kreuzes.“

Kaputt und doch liebevoll belebt – das Heim von Rana in Syrien. Statt des Preises können Besucher auf dem Zettel Geschichten der Flüchtlinge sowie das Spendenkonto des Roten Kreuzes erfahren

Das ist übrigens nicht das erste Mal, dass sich das schwedische Möbelhaus für Flüchtlinge engagiert. Bereits vor drei Jahren half IKEA, die Wohnsituation der Flüchtlinge zu verbessern, und zwar mit Better Shelter. Dabei handelt es sich um leicht aufbaubare Hütten für Flüchtlinge aus Pappe mit Tür und Fenster sowie einem Solarpanel auf dem Dach.

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