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Doku „HyperNormalisation“: Wie die Welt so wurde, wie sie uns heute im Netz erscheint

Dirk Peitz 24.10.2016 Lesezeit 9 Min

Unsere Welt ist eine seit vier Jahrzehnten von der Politik kreierte Fälschung – und das heutige Internet genau der passende Ort dafür. Das behauptet der BBC-Journalist Adam Curtis in seiner neuen Doku „HyperNormalisation“. Ein toll komponierter Film, der leider ein Symptom genau dessen ist, was er anprangern will.

Ein Film, der mit dem Satz „We live in a strange time“ beginnt, kann eigentlich gar nicht schlecht sein. Man fühlt sich gleich verstanden und gut aufgehoben in seiner eigenen Weltwahrnehmung. Und vielleicht ist das auch schon das ganze Problem des neuen Dokumentarfilms HyperNormalisation des Briten Adam Curtis, der derzeit im Netz bei der BBC zu sehen ist: Er löst mitunter genau die wohligen Schauer des Sich-bestätigt-Fühlens aus, die er als typisches Symptom unserer Zeit und des Internets kritisiert.

Wir leben also in einer Blase der permanenten sozialmedialen Zustimmung, denn so sind die Algorithmen nun mal gebaut, die uns vor allem in unserer als Eigenschaft als Konsumenten ansprechen, aber eben auch sonst im Netz sozialmedial regieren und Informationen vorfiltern. Wir Menschen, so lautet die Annahme hinter den Algorithmen, wollen stets mehr von dem, was wir kennen und mögen; und was wir kennen und mögen, haben wir durch unser Klickverhalten wieder und wieder demonstriert. Also kriegen wir mehr vom gleichen. Mehr, mehr, mehr.

Wie ist die Welt nur so geworden, dass Menschen sie so völlig anders wahrnehmen als wir selbst?

Bis wir uns wundern: Wie kann es sein, dass zum Beispiel so viele (wenn auch glücklicherweise nicht genügend) Amerikaner Donald Trump zum Präsidenten wählen wollen und so viele Deutsche (wenn auch glücklicherweise nicht genügend) für die AfD stimmen?

Auf welchem Planeten leben diese Menschen und in welcher Gegenwart, die wir dann postfaktisch nennen beziehungsweise post-truth? Denn Fakten, Wahrheiten, Statistiken und sogar unsere Gefühle, denen wir sonst eher nicht so arg vertrauen, sprechen doch alle gegen die Weltbilder dieser Leute. Doch warum erreicht die scheinbar überhaupt keine gesicherte Erkenntnis mehr?

Nun, diese Leute leben zunächst einmal anderswo: in einer anderen Blase. Wie weit die von unserer eigenen weg ist, von dem Kokon, in den wir uns selbst eingesponnen haben mit ungezählten, aber von Google und Facebook allesamt erfassten Klicks, ohne es so recht zu merken: Das können wir nicht mehr sagen. Wir wissen nur, wir verstehen es nicht. Wie ist die Welt nur so geworden, dass andere Menschen sie so völlig anders wahrnehmen als wir selbst? Kann uns das bitte mal jemand erklären?

Adam Curtis versucht es mithilfe einer historischen Rekonstruktion, die scheinbar verborgene oder vergessene Verbindungen aufzeigt. Der britische Journalist, der sich nicht als Dokumentarfilmer verstanden wissen will oder filmender Historiker, sondern eben als Journalist, geht in seiner zwei Stunden und 45 Minuten langen Doku HyperNormalisation zurück bis ins Jahr 1975, wo er zwei unzusammenhängend erscheinende Einzelentwicklungen schildert. Die damals total heruntergekommene Stadt New York bekam für ihre schuldenfinanzierte Kommunalpolitik plötzlich keine Kredite mehr von Banken und musste sich deren Bedingungen unterwerfen, ja sich ihnen geradezu unterwerfen. Und der damalige syrische Präsident Hafiz al-Assad, Vater des heutigen Herrschers Baschar, sah sich vom damaligen US-Außenminister Henry Kissinger getäuscht in dessen Schlichtungsbemühungen im Nahostkonflikt nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 zwischen Ägypten und Syrien auf der einen und Israel auf der anderen Seite.

Assads Regime, so Curtis' Interpretation, entwickelte sich deswegen zum Finanzier, Unterstützer und Organisator von terroristischen Anschlägen, die sich nicht nur gegen Israel richteten. Curtis folgt der Hypothese, für die Bombenanschläge, zum Beispiel gegen die Berliner Diskothek La Belle im April 1986 und den über dem schottischen Lockerbie explodierten Pan-Am-Jumbo im Jahr 1988, sei Syrien verantwortlich gewesen – und nicht Libyen, wie die Ermittlungen zu beiden Terrorattacken nahelegten.

Curtis' These trägt selbst Züge einer Verschwörungstheorie

Der damalige libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi sei, so Curtis, vielmehr von den USA in den 80er Jahren zu einer Art allzuständigem Terror-Schreckgespenst gemacht worden, weil er ein dankbarerer Kandidat dafür gewesen sei als Assad. Gaddafi also habe diese politische PR-Rolle auf der Weltbühne angenommen und sie, in verschiedenen Variationen mal als Böser und sogar kurze Zeit mal als Guter, im Grunde bis zu seiner Ermordung durch libysche Aufständische im Jahr 2011 weitergespielt. Ja, Wahnsinn, denkt man erst mal. Aber was hat das bitte mit dem Internet und Facebook-Filterblasen zu tun?

Adam Curtis zieht keine direkten Linien, er sucht nach Korrelationen und Kausalitäten und fragt nach den Bedingungen dafür, wie unsere Wahrnehmung der Welt sich verändert haben könnte. Eine davon sieht Curtis in der vermeintlichen Erschaffung und stetigen Weiterbenutzung Gaddafis, zumeist als Bösewicht, durch verschiedene US-Regierungen und auch durch den britischen Premier Tony Blair als good guy im Nachgang des Irak-Krieges 2003: Mit dieser an sich schon postfaktischen Erfindung seien politische Fiktionen als Narrativ zumindest möglich geworden. Und letztlich sei auch eine Figur wie Donald Trump erst in einer Welt möglich geworden, deren Wahrnehmung sich von Wahrheiten gelöst habe und die alles mögliche glaubt und glauben will, sogar die absurdesten Verschwörungstheorien.

Curtis' These wiederum, und das ist der Haken an der Sache, trägt selbst Züge einer Verschwörungstheorie. Und zwar nicht nur, weil Propaganda als politisches Mittel nicht erst 1975 erfunden wurde. Getäuscht und gelogen wurde schon immer.

Der natürliche Entstehungs-, Lebens- und Verbreitungsraum von Verschwörungstheorien wiederum, das erscheint uns auch längst logisch, ist das Internet. Curtis geht zurück an dessen Anfang und zur Idee des Cyberspace als virtuelle Alternative zur Wirklichkeit außerhalb der Netze und Computer: Das Internet, so Curtis, sei ursprünglich geschaffen oder jedenfalls verstanden worden als Welt neben der wahren Welt; als eine, in der keine bösen Mächte regieren, sondern die sich selbst organisiert.

Die Generation der Netzgründer sei eine gewesen, die nicht mehr die Wirklichkeit verbessern wollte wie zuvor in den 60er-Jahren etwa die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Weil sie nicht mehr daran geglaubt habe, dass man die Welt wirklich zu einem gerechteren Ort machen könne.

In dieser Parallelwelt kann jeder sein, wie er glaubt zu sein

Allen Alterskohorten, die es nach den Hippies gegeben hat, wurde dieser Vorwurf bereits gemacht, und der 61-jährige Curtis hat ihn in seinem Mammutwerk The Century of the Self schon im Jahr 2002 auch selbst formuliert: Seit den 70er-Jahren hätten sich die jungen Leute nur noch auf sich selbst konzentriert und demnach das Leben als eine Kette von Erfahrungen begriffen, die sie stets allein auf sich selbst bezögen.

Me, me, me: Der Mensch werde in der Ideologie des Selbst erst zum Individuum, in dem er sich fortwährend ausdrücke (oder das versuche auszudrücken, was er für sein Selbst hält). Darum kaufe er ganz viele Sachen, durch die er sich in der wirklichen Welt von anderen unterscheiden wolle, und habe schließlich im Internet den besten aller Orte gefunden dafür sich auszudrücken: In dieser Parallelwelt kann jeder sein, wie er glaubt zu sein. Und an alles glauben.

Womit wir in der Gegenwart angekommen wären. So wie sich New York einst an die Banken verkaufte, sagt Curtis, so sei das Internet längst keine freie Spielfläche mehr, sondern territorial besetzt von Firmen wie Google und Facebook. Und die hätten es durch die Algorithmisierung zu einer Art gigantischem Spiegelkabinett gemacht: Das Netzt sei nichts als eine Bestätigungsmaschine unserer Gewohnheiten und letztlich Weltsichten.

Das größte Problem dabei sei, sagte Curtis vor einigen Tagen in einem BBC-Radiointerview mit dem früheren Pulp-Sänger Jarvis Cocker, dass das Internet keine alternative Vorstellung von der Zukunft entwickeln könne: „Ein System, das zukünftige Verhaltensweisen von Menschen stets nur aus ihren bisherigen ableiten will durch die Ansammlung und das Durchkämmen von Daten, kann sich keine Zukunft vorstellen, wie es sie noch nie gab.“

Das Radikalste, was man heute tun könne: als Helfer ins zerbombte Aleppo gehen – aber danach kein Buch schreiben

Um die wirkliche Welt zu verbessern, so Curtis, könne man nicht nur in die Vergangenheit schauen, selbst wenn man von der bestenfalls lernen wolle. „Dann muss man einen Schritt ins Unbekannte tun, etwas Neues wagen“, sagt er. Das Internet sei dafür aber nicht geschaffen, es sei eben nur ein engineering system, mit dem Menschen über jede Distanz unmittelbar kommunizieren und sich organisieren könnten, wie es etwa im Arabischen Frühling über Facebook geschehen sei.

Doch das Netz selbst wisse zum Beispiel nicht, wie eine zukünftige Gesellschaft gestaltet sein könnte, und an den fehlenden Ideen dazu seien die Aufstände etwa in Ägypten ebenso gescheitert wie die Occupy-Bewegung in den USA. Richtig, auf die Ideen müssen wir schon selbst kommen.

Das Radikalste, was man heute tun könne, so Curtis, sei eigentlich: als humanitärer Helfer ins zerbombte Aleppo zu gehen – aber danach kein Buch über diese, eben, Erfahrung zu schreiben, ja nicht mal einen Tweet abzusetzen. Machen und davon schweigen, das unterliefe tatsächlich alle modernen Kommunikations- und Geschäftsstrategien. Man könnte es nicht mal auf Facebook kommentieren.

Curtis' Gegenwartsanalyse mag scharfsinnig sein. Seine historische, ideologische, politische, kulturelle, informationstechnologische Herleitung aber ist bestenfalls gewagt. Mit dem Jahr 1975 einzusteigen ist ebenso willkürlich wie Henry Kissingers außenpolitische Strategien als frühes Beispiel für vernetztes Denken (und zynische politische Lügentaktik) herbeizuzitieren.

Als intellektuelles Denkspiel großartig, als historische Aufklärungsarbeit überhaupt nicht

Dass alles mit allem zu tun hat und man nur die richtigen Verknüpfungspunkte finden und aufdecken muss, ist eine typische verschwörungstheoretische Grundannahme, derer sich letztlich auch Curtis bedient. Seine Technik als journalistischer Filmemacher ist das Sichten und Ausplündern der Archive. Curtis baut daraus in einer Art filmischen Cut-Up-Verfahren neue Kontexte, er ist eben kein investigativer Rechercheur im klassischen Sinne, sondern vielmehr ein Collagenmacher, der found footage benutzt.

HyperNormlisation ist visuell toll komponiert und das, was man in der ebenfalls längst vergangenen Postmoderne ein „intertextuelles Spiel“ genannt hätte: Curtis spekuliert rückwirkend Zusammenhänge herbei, zu deren Stichhaltigkeit er dann aber niemanden befragt, vor allem nicht die ursprünglich mal handelnden Personen.

So wird der Film am Ende sogar zu einem Symptom dessen, was er beschreiben will: Er ist ein Dokument des Postfaktischen, das auch nur eine Version von vielen möglichen Wahrheiten anbieten kann. Das ist ja das Elende an der Wahrheit: Sie zu beschreiben, ergründen, festzuhalten, das ist so schwierig bis aussichtslos, wie die Bedingungen für ihr Zustandekommen hinterher restlos aufzuspüren.

Die Welt ist einfach zu kompliziert, auch bei der Produktion von Geschichte und Geschichtsnarrativen. Nicht mal Zahlen und Statistiken sprechen buchstäblich eine eindeutige Sprache, doch auf sie verzichtet Curtis gänzlich. Als intellektuelles Denkspiel funktioniert HyperNormalisation großartig, als Gegenwartsanalyse auch. Als historische Aufklärungsarbeit jedoch: überhaupt nicht.

„HyperNormalisation“ ist abrufbar im iPlayer der BBC. Am Dienstag, den 25. Oktober, findet in Berlin ein öffentliches Screening statt: Mindpirates Auditorium, Schlesische Str. 38, 20 Uhr.