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Warum Stadtplaner Hochwasser hereinlassen statt aussperren wollen

Anna Schughart 04.09.2017

Starkregen, Sturmfluten und Hochwasser – Houston ist die aktuelle Erinnerung daran, dass der Klimawandel Städte in den kommenden Jahren vor viele Herausforderungen stellen wird. Sind sie dafür bereit? Experten sagen: Es wird Zeit, die Angst vor dem Wasser zu verlieren.

Auch wenn man bisher noch nicht jede Folge des Klimawandels bis ins Detail abschätzen kann, klar ist: Wenn Hochwasser gefährdete Städte nichts unternehmen, werden sich die Katastrophen häufen. Denn dass Hurrikan Harvey in Houston so großen Schaden anrichten konnte, liegt auch an einer verfehlten Stadtplanung. Alle durften so bauen, wie sie wollten, der Boden wurde versiegelt, der Hochwasserschutz war oft ungenügend.

Ist die Situation in Deutschland besser? „Überwiegend sind die Städte auf die veränderten Bedingungen nicht ausreichend vorbereitet“, sagt Jörg Knieling von der HafenCity Universität Hamburg. Bei jedem neuen Hochwasser werde wieder deutlich, dass in den letzten Jahrzehnten Fehler gemacht worden seien. Zu wenig Überschwemmungsflächen, versiegelte Oberflächen und begradigte Flüsse sind dafür auch in Hamburg gute Beispiele.

Doch wie kann man den Hochwasserschutz verbessern? Indem man umdenkt. Knieling fordert: Statt zu versuchen, das Wasser um jeden Preis auszusperren, müssen die Städte versuchen, mit ihm zu leben. „Living with water“, nennt Knieling das. Andere Experten stimmen ihm zu: „Wir müssen mit der Natur leben, nicht gegen die Natur“, sagt Mark Kammerbauer von der Technischen Hochschule Nürnberg.

Die Kritik: Die meisten suchen eine vermeintlich hundertprozentige Sicherheit vor dem Wasser. Heißt, bloß kein Wasser in die Stadt reinlassen, immer höhere Deiche bauen, abschotten. Doch hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Deiche können brechen, Ingenieurskunst kann versagen.

Die Angst vor dem Wasser ablegen

Vielleicht sollte man daher versuchen, die Angst vor dem Wasser etwas abzulegen. Dann bieten sich auf einmal ganz neue Möglichkeiten. Houston wurde es zum Verhängnis, dass die enormen Wassermengen nirgendwo hin konnten. Was eine Stadt also braucht, sind Orte, die das Wasser aufnehmen können. In Rotterdam entwirft man zum Beispiel Spielplätze, die bei Hochwasser als Auffangbecken dienen, sagt Knieling. Warum nicht auch Parks und Sportplätze so bauen, dass sie bei Hochwasser zu Überschwemmungsflächen werden? In Kopenhagen etwa gibt es solche Pläne.

Um nach Starkregen das Wasser schnell wieder loszuwerden, würde es auch helfen, sich nicht auf die Kanalisation zu verlassen. Die versagt nämlich oft im Ernstfall. „Stattdessen wäre es gut, wenn es um die Gebäude herum Regenversickerungen gäbe“, sagt Knieling. Auch begrünte Dächer könnten helfen, das Regenwasser aufzunehmen – und würden nebenbei auch noch für kühlere Temperaturen sorgen.

„Die Hausbesitzer können auch etwas machen“, sagt Kammerbauer. Indem sie dem Hochwasser beispielsweise einfach keine Möglichkeit geben, viel kaputt zu machen. Kammerbauer nennt das „dry proofing“ vs. „wet proofing“. Im ersten Fall versucht man wie bisher, das Wasser auszuschließen. „Diese Philosophie steht auf tönernen Füßen“, sagt er. Denn sie ist immer nur bis zu einem gewissen Punkt erfolgreich – irgendwann schwappt das Wasser doch herein. Beim „wet proving“ dagegen kann das Wasser ins Haus kommen, dort aber nicht viel anrichten. Weil man zum Beispiel bis zu einer gewissen Höhe aus Materialien gebaut hat, die sich leicht reinigen lassen.

Mehrstufiger Hochwasserschutz

Statt einen einzigen Deich immer weiter zu erhöhen, könnte man auch einen mehrstufigen Hochwasserschutz aufbauen. Knieling hat zusammen mit Kollegen untersucht, wie das aussehen würde. Im ersten Segment, zwischen der ersten und zweiten Deichlinie, erklärt er, stünden dann nur Gebäude, denen eine Überschwemmung nichts ausmacht: Lagerhallen, Wirtschaftsgebäude. Nichts, wo Menschen zu Schaden kämen. Im zweiten Segment würden die Häuser auf Stelzen stehen. Und hinter der dritten Deichlinie, die dann schon viel niedriger als die erste sein kann, würde man die Menschen evakuieren. Denn bis das Wasser dort angekommen ist, sagt Knieling, vergehe genügend Zeit.

Die größten finanzielle Flutschäden entstehen da, wo das Wasser viel kaputt machen kann – also in den Städten. In Texas, so schätzt der Gouverneur, verursachte Harvey einen Schaden von etwa 180 Milliarden Dollar. „Die Urbanisierung und der Klimawandel verstärken sich gegenseitig“, sagt Kammerbauer. In Zukunft ziehen immer mehr Menschen in große Städte, die immer stärker vom Klimawandel betroffen sind.

Warum wird dann nicht schon längst überall und umfassend an einem neuen Hochwasserschutz gebaut? Das hat viele Gründe. Zum einen ist da die psychologische Hemmschwelle: Überschwemmungen zuzulassen – intuitiv scheint das widersinnig und gefährlich. Politiker versprechen daher oft lieber absolute Flutsicherheit durch Deiche, anstatt zuzugeben, dass die bisherige Denkweise ein Fehler war. „Den Fachleuten ist das alles klar“, sagt Kammerbauer.

Braucht es dann eine Katastrophe, um alles anders zu machen? Die „Chance“ wird selten genutzt. Stattdessen werden nach einer Flut häufig die gleichen Häuser an derselben Stelle wieder aufgebaut. „Das Zeitfenster für Verbesserungen ist sehr kurz“, erklärt Kammerbauer, der den Wiederaufbau von New Orleans untersucht hat. Die Menschen sollen nicht zu lange in Notunterkünften leben müssen. Doch ein inklusiver Hochwasserschutz, der alle – und vor allem die sozial Schwachen – miteinbezieht, ist in einer Notsituation schwer. „In New Orleans entstand so der Eindruck, dass die Behörden über die Köpfe der Menschen hinweg entscheiden.“

Ist es irgendwann zu spät, um umzudenken? Knieling und Kammerbauer wollen den Teufel nicht an die Wand malen. Aber sicher ist: Je früher man anfängt, desto besser.

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