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Hört euch auf der Weltkarte des Radios durch fast 8000 Sender

Cindy Michel 16.12.2016

Jeden Morgen derselbe Jingle, dieselben Sprecher und mit viel Pech auch noch die immer gleichen Songs – das Radioprogramm zum ersten Kaffee des Tages neigt zur Monotonie. Wer sich aber über die interaktive Weltkarte „Radio Garden“ hört, kann aus 7877 Sendern in 159 Ländern wählen. Projektleiter Golo Föllmer erklärt WIRED, warum der Rundfunk für ihn einzigartig ist.

Das Medium Radio sprengt Grenzen. Wörter werden in Mikrofone gesprochen und in den Äther oder durch digitale Datenleitungen geschossen, um aus den Lautsprechern irgendeines Radiogeräts zu tönen, sofern es auf die richtige Frequenz eingestellt ist. Egal wie weit Sender und Empfänger voneinander entfernt sind, geografische wie von Menschen geschaffene Grenzen sind für das hier nicht existent. Genau das illustriert der interaktive Globus Radio Garden.

Wer auf die Website klickt, dem strahlt erst einmal ein cyanblauer Screen entgegen, in dessen Zentrum sich eine dreidimensionale Weltkugel dreht, die langsam größer wird. Nach und nach erkennt man die Umrisse der Kontinente, auf ihrer Oberfläche erleuchten je nach Region mal mehr, mal weniger und mal unzählig viele grüne Punkte: Städte mit Radiostationen. Sind die GPS-Daten des Users ermittelt, zoomt die Seite unvermittelt in die Welt hinein, bis man auf seinen eigenen geografischen Standort blickt.

Mit einem Fadenkreuz kann der User über die Karte fahren, die Kugel drehen und die leuchtenden Städte-Marker auswählen, die Radiostationen der jeweiligen Orte erscheinen dann am rechten Bildschirmrand. Wem der Blick auf Landmassen nicht reicht, der holt sich Städte und Landschaften einfach näher ran: Die App im Google-Earth-Stil lässt einen auf Häuserdächer und bis in Straßenzüge hinein blicken.

Bisher gibt es aus Tamuningi, Guam, nur einen Stream auf Radio Garden: KGCA, Melodies of Prayer. Mit der App hört der User nicht nur den Lokalsender, sondern kann sich Dank des Zooms und des Browsers im Google-Earth-Stil auch visuell durch die Lande klicken

Wer sich in Europa oder den USA befindet, sieht vor lauter Markern die Landmassen fast nicht mehr. „Derzeit haben wir 7877 Sender aus 159 Ländern und 3819 Städte auf Radio Garden“, sagt Golo Föllmer im Gespräch mit WIRED. Der Wissenschaftler leitet das Forschungsprojekt Transnational Radio TRE, zu dem auch die App Radio Garden gehört. „Es kommen aber ständig neue hinzu, in den vergangenen zwei Tagen haben wir über 100 Anfragen von Sendern bekommen, die Teil des Projekts werden wollen.“

Mir gefallen die knarzigen, die übersteuerten, launisch aus dem Hinterzimmer moderierten Sender

Golo Föllmer

Föllmer selbst hat sich zwar noch nicht durch alle knapp 8000 Streams geklickt, seine Präferenz liegt aber bei den kleineren, unbekannteren Stationen: „Mir gefallen die knarzigen, die übersteuerten, launisch aus dem Hinterzimmer moderierten Sender.“ Hörern empfiehlt er, Stationen eine Chance zu geben, deren Moderatoren man nicht versteht: „Ich liebe fremde Sprachen, also damit meine ich richtig fremde, die man nicht zuordnen kann. Da nimmt man die Stimmen und das Sprechen fast als Musik wahr.“

Radio Garden wurde von Wissenschaftlern aus Deutschland, Dänemark, Großbritannien und den Niederlanden als Online-Ausstellung des länderübergreifenden Forschungsprojekts TRE entwickelt. Radio oder auch Podcasts funktionieren international, erkennen keine menschengemachten Grenzen an, sofern die technische Infrastruktur gegeben ist. Eine einstige Macht, die in der visuell digitalen Welt an Größe verliert, oder? „Das Internet, YouTube und Co. haben eine neue Dimension der Kommunikation und vor allem der Information eröffnet, aber die Unmittelbarkeit einer Stimme aus dem Radio, die im selben Moment woanders auf der Welt, fast intim zu mir spricht, ist einzigartig“, meint Föllmer.

Die bedeutende Rolle, die dem Radio während der Weltkriege, vor allem im Zweiten Weltkrieg, zuteil wurde, gibt es heute so nicht mehr, „aber der Effekt der Global Drum wirkt nach wie vor“, sagt Föllmer. Den Begriff lehnt er an den Medientheoretiker Marshall McLuhan an, der dem Radio magisch vernetzende Kräfte als „Tribal Drum“ zuspricht.

Im Radio Garden kann sich der User aber nicht nur durch Streams dieser Welt hören, sondern auch durch Jingles der verschiedenen Sender und Jahrzehnte. „Wir füllen diesen Bereich mit Beispielen der verschiedenen Erkennungsmelodien und kurzen Erläuterungen wie sie funktionieren oder sich über die Zeit verändert haben“, so Föllmer. Wer in Radio Garden den Menüpunkt „History“ wählt, erfährt ebenfalls an audiblen und visuellen Beispielen rund um den Globus wie das Radio Grenzen überkommt, wie Menschen über das Medium kommunizieren oder auch welche ersten Worte On Air gingen.

In dem Bereich „Stories“ berichten Hörer über ihre Geschichten über Gefühle, die sie mit dem Radio assoziieren. „Dabei wird deutlich, wie sich das Medium über Jahrzehnte hinweg verändert hat. In den 1950ern etwa hatte es ja noch einen ganz anderen Stellenwert als heute“, erläutert Föllmer. „Jede und jeder, der dazu eine Geschichte erzählen möchte, kann sie uns als mp3 schicken.“