/Life

Wir sind's, deine Nachbarn von nebenan.de

Jana Petersen 13.03.2018

Kaum beachtet, ist hierzulande eine Plattform erfolgreich geworden, die das Prinzip Social Media verändert. Auf nebenan.de geht es nicht darum, sich zu inszenieren, sondern um Beziehungen zu den Nachbarn.

Es ist selten, dass man nach dem Benutzen einer App sein Leben infrage stellt. Das Familienkonzept. Den Beruf. Die Freizeit. Es klingt verrückt, aber genau so ist es: Vier Wochen, nachdem ich mich bei nebenan.de angemeldet habe, ist nichts mehr wie zuvor.

Ich liege auf dem Sofa in meiner kleinen Plattenbauwohnung am Rosenthaler Platz in Berlin-Mitte und scrolle mich durch die Timeline der Plattform. Ich blicke auf, schaue in den Himmel über der Stadt. Die Wolken färben sich rosa, dann orange. Ein Schwarm Krähen fliegt vorbei. Ich schließe die App, lege mein Smartphone weg, und denke an die letzten vier Wochen.

Vielleicht ist dies eine Geschichte vom Kern menschlichen Mit­einanders, denke ich: von Verbindung. In jedem Fall ist es die Geschichte einer kleinen Sensation. Kaum beachtet, hat sich da eine Low-Tech-Social-Media-Plattform aufgebaut. Auf nebenan.de verbinden sich Menschen in über 3200 Nachbarschaften, 120 Städte sind dabei, über 500 000 User. Gerade hat die Plattform den Konkurrenten wirnachbarn.com geschluckt. Im kommenden Jahr wird nach Frank­reich expandiert. Bis vor vier Wochen hatte ich noch nichts davon gehört. Eine Erfolgsgeschichte im Verborgenen, die im Sommer 2015 begonnen hat.

Ein Freund hatte mir von nebenan.de erzählt. Ich steckte gerade im Ende einer langen Beziehung und verbrachte viel Zeit allein in meiner alten Wohnung: der richtige Moment, um meinen Kiez noch einmal neu kennenzulernen. Ich melde mich an. Die App fragt meinen Standort mit dem Ortungsdienst ab. Ich bestätige. Dann bin ich drin. Das sind sie: meine Nachbarn. Unbekannte Gesichter.

Ich klicke mich durch die Leute. Mein Herz klopft. Die stehen da mit ihrem richtigen Namen, viele mit Profilfoto. Bei denen, die direkt in meinem Kiez wohnen, steht sogar die Straße dabei. So was bin ich von Facebook, Instagram und Twitter nicht gewohnt. Die wenigsten Leute, die ich kenne, lassen sich mit Adresse ins Telefonbuch eintragen. Ich habe keine Erfahrung mit Tinder oder OKCupid, aber den Thrill stelle ich mir ähnlich vor. Ich schreibe einen kurzen Post: „Hallo Nachbarn, ich bin neu bei nebenan und freue mich auf Austausch! Grüße, Jana“.

Bislang hatte ich wenig mit den Leuten aus meinem Block zu tun. Da ist die Nachbarin unter mir, mit der ich manchmal ein paar Worte wechsele. Sie wohnt schon seit 1986 hier, als das Haus gebaut wurde. Beim Nachbar auf meinem Stock habe ich mir mal einen Schraubenzieher geliehen und einmal einen Schirm. In meinem Kiez dagegen treffe ich andauernd Leute, Bekannte und Kollegen. Sie sitzen am Freitagabend in den Kneipen und Restaurants, die meisten kenne ich vom Arbeiten oder aus dem Nachtleben von früher.

Der Preis der urbanen Freiheit ist die Isolation.

Aber das ist eben nicht die Nachbarschaft. Nachbarn, das sind die Menschen, die über die räumliche Nähe miteinander verbunden sind. Nachbarschaft ist etwas, das genau diese Menschen miteinander gestalten können. Sie weben – im besten Fall – ein Netz der Unterstützung. Aber davon habe ich in den vergangenen zwölf Jahren wenig mitbekommen.

Es macht Ping. Eine Pushmitteilung. Petra* schreibt mir. Wer ist Petra? Ich klicke auf das Foto. Eine Frau mit kurzen, rötlichen Haaren, sie wohnt ein paar Straßen weiter, sieht nett aus. Sie sei vor einem Jahr hergezogen, schreibt sie, wir könnten uns mal auf einen Kaffee treffen und uns austauschen. Gern, schreibe ich zurück. Ich melde mich bei allen Gruppen an, die mich interessieren. Eine heißt „Gerettete Lebensmittel (Foodsharing)“, eine „Kids in der Spandauer Vorstadt“, eine „Gartengruppe Nachbarschaftsgarten Zolastraße“. In ein paar Tagen treffen sich die Mitglieder zum gemeinsamen Gärtnern. Ich klicke auf „Teilnehmen“.

Ein Spielplatz hinter der Volksbühne, dichtes Gebüsch zur befahrenen Torstraße, eine Tischtennisplatte, eine Schaukel. Drei Leute stehen da um die Platte rum, mein Sohn Matti und ich laufen direkt auf sie zu. „Wollt ihr Tischtennis spielen?“, fragt einer. – „Nee, wir kommen zum Gärtnern“, sage ich. Eine Frau reicht mir die Hand, mittleres Alter, blonde Haare. „Jana“, sage ich. „Du hast den Kleiderständer reingestellt, oder? Ich bin Sigrid.“ Ein paar Tage zuvor hatte ich einen Kleiderständer, den ich loswerden wollte, auf der Plattform verschenkt.

Am Zaun hängen bepflanzte Konservenbüchsen, alte Fahrrad-Körbe und Blumenkästen. An der Stirnseite des Spielplatzes stehen Hochbeete, mit Kürbissen und Zwiebeln. Im Sommer vor einem Jahr hatte Sigrid das Projekt gemeinsam mit Nachbarn angeschoben. Sie hatten sich auf nebenan.de getroffen und Kontakte zum Grünflächenamt gemacht. Langsam war Schwung in die Sache gekommen. Das Amt hatte Geld bewilligt, um Pflanzen und Geräte zu kaufen. Nur einen Wasseranschluss gibt es noch nicht.

„Hast du eine Schaufel?“, fragt Matti den Mann mit dem Kapuzenpulli. „Da ist eine im Bollerwagen, die kannst du nehmen“, sagt der. „Ich bin übrigens Julian.“ Matti buddelt. Ich schnippele das Braune von Tomaten, Kürbissen und Lavendel. „Wir fahren morgen in den Baumarkt, sollen wir dir ein Hochbeet mitbringen?“, fragt eine Frau mit kurzem Rock. Sie heißt Reni. Ich nicke. „Kostet nichts, das zahlt das Amt.“ – „Wenn du magst, bauen wir es dir auf und bringen dir auch Erde mit“, sagt Julian.Ich freue mich. Bis vor 20 Minuten waren das noch wildfremde Menschen. Jetzt bieten die mir so etwas Nettes an.

Tür an Tür und doch so fremd: Die meisten Menschen kennen ihre Nachbarn nur vom Sehen. 

Vor etwas, denke ich auf dem Heimweg, ist der Mensch ins Urbane geflohen – ich zum Beispiel habe keine Lust, ständiger Bewertung und Beobachtung ausgesetzt zu sein. Der Gedanke an dörfliche Strukturen löst bei mir Panik aus. Doch da ist die andere Seite der urbanen Freiheit: Wir haben uns isoliert. Vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht aus Bequemlichkeit. Vielleicht, weil wir unsere Privatsphäre schützen wollen. Nebenan.de ist vielleicht der Missing Link. Die Plattform scheint die Sehnsucht zu befriedigen, nicht anonym nebeneinander herzuleben, ohne aufdringlich zu sein. Einfach so zu helfen, in einer kommerzialisierten Welt. Verbindungen zu stärken.

Womöglich entsteht hier gerade eine neue Kategorie von Social Network: eine Plattform für einen lokalen Miniradius. Sie stellt das gelernte Prinzip von Social Media auf den Kopf. Der Newsfeed ist ungefiltert und chronologisch, es wird kein Algorithmus benutzt, durch den Verifizierungsprozess ist die Hürde hoch. Die Zielgruppe ist im Durchschnitt 42 Jahre alt, 57 Prozent sind weiblich, viele sind sensibel für Datenschutz. Dort ist das weltweite Netz – hier ein beschränkter Rahmen von ein paar Hundert Metern. Die Plattform verbindet das digitale Netz mit der physischen Welt.

Christian Vollmann ist ein erfahrener Gründer und Business Angel. Der 40-Jährige hat Unternehmen wie die Datingplattform iLove, das Videoportal MyVideo und die Singlebörse eDarling aufgebaut. Er war einer der Ersten, die in die Plattform Researchgate für internationalen Austausch von Forschern investiert haben. Im April 2015 hatte er dem Manager und Social-Business-Spezialisten Till Behnke von seiner Idee erzählt, eine hyperlokale Plattform aufzubauen. Behnke hatte die Spendenplattform betterplace.org gestartet, er verstand die Idee sofort. Seitdem führen sie nebenan.de gemeinsam, knapp 40 Mitarbeiter beschäftigen sie mittlerweile in Berlin.

Das erste Geld, einen sechsstelligen Betrag, hatte Vollmann selber investiert. Später ist ein Konsortium aus Business Angels eingestiegen, dann der Inves­tor Klaus Hommels. Schließlich hat der Medienkonzern Burda 17 Prozent des Unternehmens gekauft. Das Finanzierungsmodell wollen sie sukzessive aufbauen, die ersten Schritte sind Ende 2018 geplant.

Vollmann setzt auf Transparenz: An dem Tag, an dem nebenan.de nicht mehr komplett werbefrei sein wird, will er seine User vor die Wahl stellen. Wer werbefrei bleiben will, kann eine Fördermitgliedschaft abschließen, einen Euro im Monat könnte die kosten. Wie er sicherstellen will, dass nebenan.de nicht seinen Zauber verliert? „Die ganz ehrliche Antwort: So genau weiß ich das nicht.“

Das, sagt Vollmann, sei die Herausforderung. „Wir wollen ja keine Bannerwerbung für Flachbildschirme von Amazon, die überall in Deutschland erscheinen“, sagt er. Statt dessen will er hyperlokale Gewerbetreibende und Dienstleister mit Kunden im Kiez verbinden. „Es wird jetzt schon viel nach Empfehlungen gefragt. Wo ist der beste Pols­terer? Wo geht ihr zum Schus­ter? Wer kennt einen guten Orthopäden?“ Wenn ein Restaurant er­öffnet, könnten Nachbarn von Gutscheinen profitieren, ein freier Slot im Nagelstudio oder beim Friseur könnte rasch vergeben werden.

Ein paar Tage nach dem Ausflug in den Garten treffe ich Petra, die Nachbarin, die mich als Erstes angeschrieben hatte. Ich erkenne sie sofort an ihren roten Haaren. Sie erzählt mir, dass sie mit ihren beiden Söhnen vor einem Jahr hergezogen ist. Die Wohnung, in der die drei wohnen, liegt in einem der Altbauten in einer Seitenstraße. „Die ist bestimmt teuer, oder?“, frage ich.

Sie lacht. „Ziemlich. ,Da wohnen doch nur die Reichen‘, hat neulich ein Mitschüler von meinem Sohn zu ihm gesagt. ,Die Reichen und wir‘, hat mein Sohn geantwortet.“ Petra erzählt von ihrer Arbeit. Sie ist Kinderkrankenschwester und Trauerbegleiterin und betreut in einem Hospiz Kinder, die sterben werden. Ich sitze vor meinem Cappuccino und bin platt. Mit so was hatte ich nicht gerechnet. Ich verspreche Petra, meine Hausverwaltung anzurufen, falls ihr ihre Wohnung endgültig zu teuer wird und sie trotzdem im Viertel bleiben will. Dann lade ich sie ein, bei mir vorbeizukommen, um sich einen original Plattenbau von innen anzuschauen. Auf dem Rückweg nach Hause rufe ich meine Freundin an. „Du“, sage ich, „vielleicht schule ich um auf Trauerbegleiterin. Oder Sterbebegleiterin.“

Mit einem frisch gebackenen Banana Bread, Gartenhandschuhen und Schäufelchen in der Tasche laufe ich tags darauf die Linienstraße runter. Reni und Sigrid haben zum Erntedankfest geladen, außerdem wollen wir den Nachmittag für einen Arbeitseinsatz nutzen. Wir räumen die Hochbeete weg vom Zaun, der soll in der Woche darauf versetzt werden. Ein Nachbar bringt Brot und selbst gebackene Kekse mit. Reni und Julian haben Tofuwürstchen, Brezeln und ein Fass Bier. Ich setze ein paar Pflänzchen um, mit Spanngurten verschieben wir die mit Erde gefüllten Beete.

Kaum einer pöbelt. Denn alle wissen: Sie könnten sich jederzeit auf der Straße begegnen.

Als es dämmert, kommt Matthias vorbei. Ich kenne ihn schon aus meiner Timeline, er ist ziemlich aktiv und organisiert die Gruppe „Gerettete Lebensmittel“. Er verschenkt Nahrungsmittel unter Nachbarn, die er zuvor in Läden und Hotels vor dem Müllcontainer gerettet hat. Matthias macht ein Feuer im Grill. Es lodert, wir wärmen unsere Füße und rösten die Tofuwürstchen. Wir pflücken Rosmarin und Oregano und schmeißen die Kräuter ins Feuer unter die Würstchen, es duftet fein, die Würstchen schmecken fantastisch. Einer erzählt Geschichten aus dem Wedding in den 80ern, von Pferdefuhrwerken und Straßen, in denen es nur Kohlen und Kartoffeln zu kaufen gab. Später begleite ich Reni und Julian bis vor die Haustür. „Kannst jederzeit klingeln“, sagt Reni. „Danke“, sage ich und laufe nach Hause.

Bislang habe ich die Straßenseite gewechselt, wenn ich von Weitem Nachbarn erkannt habe, die ich nur vom Sehen kannte. Nicht, weil ich was gegen sie habe, sondern weil ich oft nicht reden will. Und jetzt spaziere ich mit meinen Nachbarn durch die Nacht. Matthias, der Foodsaver, war einer der Ersten auf nebenan.de. Christian Vollmann, der Gründer von nebenan.de, wohnt tatsächlich bei ihm nebenan, oder genauer: gegenüber.

Ich stehe bei Matthias im Flur, mit Tupperdosen und Jutebeuteln bewaffnet. Vor 20 Minuten hatte er etwas in die Gruppe gepostet, zwei Nachbarn hatten sofort zu­gesagt, dann ich. Die geretteten Sachen sind von einem Buffet im Hotel Ritz Carlton übrig geblieben. Käse, Schinken und Salami, süße Teilchen, Brötchen und Baguette. Ich packe alles ein, Matthias wischt die Ablage seiner Küche. Verschenkt er alles über nebenan? „Ja“, sagt er, „das hat sich bewährt. „Ich kenne die Leute, sie melden sich mit Klarnamen an, ich treffe sie auf der Straße in meinem Viertel.“

Kaum einer pöbelt, erzählt Matthias, die Leute seien friedlich und freundlich. Das gefalle ihm. Und tatsächlich: Die Leute gehen respektvoll miteinander um, das beobachte ich auch. Wahrscheinlich weil sie wissen, dass sie sich auch jederzeit auf der Straße treffen könnten.

„Es ist wie ein Umerziehungsprogramm in Social Media“, sagt Christian Vollmann, „Wenn jemand ausfällig wird, setzen die Selbstheilungskräfte der Community ein.“ Er könne die Situationen an einer Hand abzählen, in denen mal was eskaliert sei. Außerdem, sagt Vollmann, sei das Thema Sicherheit nicht relevant. Das amerikanische Vorbild nextdoor.com hat einen deutlichen Dreh zur Neighbourhood Watch. Bei nebenan.de geht es tatsächlich darum, funktionierende Beziehungen zu Menschen aus der Umgebung aufzubauen.

Das Fenster zum Nachbarn: Die App nebenande.de will Menschen in der analogen Welt verbinden. 

Die gute Stimmung mag auch mit der Haltung zu tun haben, mit der nebenan.de gegründet wurde. Vollmann wohnte damals schon zwei Jahre im Scheunenviertel in Mitte, ein paar Straßen von meiner Wohnung entfernt. Er kannte keinen Nachbarn. Er kam auf die Idee, ein soziales Netzwerk für seine Straße zu bauen. Vollmann klingelte bei allen Nachbarn und erzählte von seinem Plan. Am Ende des Tages hatte er 20 Mail­adressen, dann 45, kurz darauf waren es hundert Nachbarn, die dabei sein wollten. Zwei Jahre später war die Seite online – offen für Nachbarschaften in ganz Deutschland. „Ich investiere in meine Nachbarschaft“, sagt Vollmann, „ich gestalte mein Umfeld mit.“

Für ihn, Vater von drei Kindern, sei es relevant, wie sich das Viertel entwickelt, wie der Schulweg seiner Kinder aussieht. Eine seiner Nachbarinnen sei erblindet, sie könne nicht mehr einkaufen. Mit acht Nachbarn hätten sie einen Plan gemacht – alle zwei Monate kaufe er nun für die alte Dame ein. „Das ermöglicht ihr, zu Hause wohnen zu bleiben“, sagt er, „sie hätte sonst ins Heim gemusst.“ Vollmann scheint es ernst zu meinen mit der Nachbarschaft – und der Plattform. Wer ihm zuhört, versteht, dass es ihm um die Zukunftsfähigkeit seines Produkts geht und nicht um den schnellen Ausverkauf.

Im Prinzip stellt sich nebenan.de den großen Herausforderungen von Konsumgesellschaften: der Vereinsamung im Alter, fehlendem sozialen Austausch, dem Wegfall der Großfamilie. Der Auflösung von Kleinfamilien. Die Plattform schärft das Bewusstsein für den Communitygedanken und für Nachhaltigkeit. Sie stärkt lokale Beziehungen. Ressourcen werden geteilt, das spart Müll und bringt soziale Interaktion in den Warentausch.

Früh am nächsten Morgen, ich liege noch im Bett, scrolle ich mich durch die Timeline. Jemand sucht einen Katzensitter, eine Nachbarin hat selbst gemachtes Apfelmus zu verkaufen. An einem Post bleibe ich hängen. „Liebe Nachbarn, ich freue mich, dass es das hier gibt und wollte mal kurz sagen, dass ich das toll hier finde!“ Ich grinse. Geht mir genauso, denke ich. Ich klicke auf das Profil: Jette, 32, Literaturwissenschaftlerin. Ich will sie sofort kennenlernen. Ich schreibe ihr.

Ein paar Tage später sitzen wir nebeneinander in meinem Lieblings­café. Es geht gleich gut los: Jette erzählt von Scheintod und Koma in der Literatur, darüber will sie ihre Dissertation schreiben. Sie erzählt von Christa Wolfs Vorlesungen zur Cassandra, fragt nach meinen Recherchen und Büchern, wir reden über Projekte für Geflüchtete, über Nachbarschaft und das Ende des Kapitalismus. Eine Stunde, zwei, ich bestelle noch einen Cappuccino und noch einen. Am Ende stehen wir vor dem Café und umarmen uns. Wir verabreden, uns gegenseitig Texte zu schicken und uns bald wieder zu treffen und ich denke: „Na so was, vielleicht hast du jetzt eine neue Freundin.“

Man könnte einfach klingeln. Aber der Umweg übers Digitale erleichtert den ersten Schritt.

An dem Abend im Oktober kommt mir in den Sinn, wie anders mein Leben war, bevor ich diese Plattform kannte. Vielleicht, denke ich, funktioniert sie auch deswegen so gut, weil es niemandem darum geht, etwas darzustellen. Während in den klassischen Social-Media-Känalen die Inszenierung des Ich alles durchdringt, wollen Menschen hier die Individualisierung überwinden. Ein Wir erschaffen. Um gemeinsam die 3D-Realität zu gestalten, zu partizipieren, teilzuhaben. Jeder gibt, was er will. Jeder fragt nach dem, was er braucht. Der Umweg über das Digitale scheint den ersten Schritt zur Verbindung in der analogen Welt leichter zu machen.

Man könnte auch einfach irgendwo klingeln, um nach einer Leiter zu fragen. Aber wenn man die Frage auf der Plattform stellt, muss niemand antworten. Diese Freiwilligkeit macht groß­zügig und hilfsbereit. Es scheint, als würde sich da eine Parallel­struktur zur Gentrifizierung aufbauen, die keinen konsumgesellschaftlichen Regeln folgt. „Wenn wir mal einen schlechten Tag haben als Gründer, dann schauen wir fünf Minuten, was unsere User so auf der Plattform schreiben“, sagt Christian Vollmann, „da geht uns das Herz auf. Dann wissen wir wieder, warum wir das machen.“

Ich kann gar nicht abwarten, sie alle wiederzusehen. Ich freue mich auf die ältere Dame, die ich über die Plattform beim kostenlosen Qi Gong getroffen habe und die bald aus dem Urlaub zurück kommt. Ich will sie besuchen in ihrer Wohnung in der Karl-Liebknecht-Straße, sie bitten, mir aus ihrem Leben zu erzählen. Ich freue mich auf das Kaffeetrinken mit Susanne und Agnes bei mir. Ich will unbedingt, dass sie das nächste Mal zum Qi Gong mitkommen. Ich will ein Mietertreffen in meinem Block organisieren – um in unserem Hof einen gemeinsamen Garten anzulegen. Ich will mit Petra quatschen und im nächsten Jahr in ihrem Hospiz hospitieren. Vielleicht mache ich sogar eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin. Mit Jette will ich Bücher tauschen und mit Reni, Sigrid und Julian eine Terrasse im Zolagarten bauen und Wein auf der Südseite anpflanzen.

Genau genommen habe ich große Lust, den Rest meines Lebens in meinem Viertel zu verbringen. Es wird hundertprozentig nicht langweilig. Es ist, als sei die Liebe zurückgekommen in eine lange Beziehung, die beinahe schon gestorben war. Und das, was nun beginnt, für mich und die Spandauer Vorstadt, wird stabil sein – und voller Leidenschaft.

*Namen von der Redaktion geändert