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HELL/YEAH — Wir lieben diesen verdammten Wearable-Trend, oder auch nicht!

Anja Rützel 14.11.2014 Lesezeit 6 Min

Spätestens am frühen Freitagnachmittag arten die Diskussionen in der WIRED-Redaktion aus. HELL/YEAH dokumentiert die hitzigste Debatte der Woche.

HELL NO! Man kann so einem Fitnessarmband ja nicht einfach sagen „Halt die Fresse!“. Denn das tut es streng genommen bereits. Dafür blinkt es mir still und leise in verschiedenen Farben entgegen, ungefähr genauso vorwurfsvoll wie der Bürohund, wenn ich die Möhre lieber selbst esse, anstatt sie ihm klein geschnitten und auf einem goldenen Tellerchen drapiert anzubieten.

„Das merkt man irgendwann gar nicht mehr“ trötet mir ein guter Freund entgegen, dem seit Wochen so ein Fitnessband am Handgelenk baumelt. „Sieht trotzdem scheiße aus“, denke ich, zucke mit den Schultern und wende mich dann meinem Mittagessen zu.  „Mit der App hier könntest du parallel auch noch deine Ernährung tracken“, flüstert die Kerze begeistert, die zwischen mir und meiner Verabredung steht.

Ich möchte meine Ernährung nur leider nicht tracken, ich möchte sie essen, dafür ist sie gedacht. Draußen verabschieden wir uns, ich klettere auf mein Fahrrad und wundere mich, warum meine Begleitung ihres schiebt: „Ich muss noch 8263 Schritte laufen heute, um mein Tagesziel zu erreichen“. Ich hingegen habe mein Tagesziel erreicht und bin vor Schreck nicht gegen diesen plötzlich aus dem Boden schießenden Poller gefahren.

Der Besserwisser aus Plastik am Handgelenk.

„Mich motiviert das ungemein“ zwitschert es noch hinter der nächsten Straßenecke, während ich versuche, auf dem Heimweg zu zählen, wie viele Pedalumdrehungen ich schaffe. Am Ende werde ich zweimal beinahe überfahren, verpasse meinem Vorderrad mit einer übersehenen Bordsteinkante leichte Schlagseite und werde beim Zählen beinahe verrückt. Ach, hätte ich doch ein Wearable. Dann könnte ich jetzt vermutlich ruhiger schlafen und morgens auf einer App nachsehen, ob ich auch wirklich wirklich und ganz wirklich gut geschlafen habe. Mit ansteigender Herzfrequenz (wie mein anderes Wearable sofort hinaus in die Welt posaunt) könnte ich mich anschließend ausgiebig sorgen, was mir diese beiden Knicke in der Kurve da zwischen zwei und vier Uhr eigentlich sagen wollen.

Vermutlich möchten sie mich liebevoll zu besserer Schlafhygiene motivieren. Es geht ja nicht um Messung oder Tracking, nein nein, es geht um Life Improvement, um Wellness und Motiwäischn. Selbstoptimierung klingt halt nicht ganz so hübsch wie diese kalorienarmen Zuckerwattebegriffe, und dass ich eigentlich ja ganz gerne renne — und zwar dann wenn ich es will und nicht wenn ein stocksteifes Armband das möchte — reicht den Geräten auch nicht aus, denn mein Goal ist nicht golden und auf meinen Bauch kein Verlass.

Vertrauen ist gut, Kontrolle per Wearable besser.

Anscheinend brauche ich wirklich dringend Hilfe dabei „jeden Tag Entscheiden zu treffen, die mir gut tun“ — Hilfe in Form eines Plastik gewordenen Besserwissers am Handgelenk, am Fußgelenk, um den Bauch und hinterm Ohr. Das Ding will mir helfen, aber vertraut mir nicht und prüft solange jede meiner Bewegungen und Pupse nach, bis ich mir selbst nicht mehr vertraue: Habe ich wirklich Hunger oder ist das nur feindlicher Appetit? Habe ich guten oder eventuell doch nur durchschnittlichen Sex? In welche Hölle komme ich, wenn ich der Statistik nach schlecht im Bett bin? Und sitze ich auch gerade? Lache ich genug? Habe ich heute schon ausreichend getrunken? Bin ich viel gelaufen oder einfach nur geschlurft?

Mein Fitnessband möchte, dass ich doch bitte aufhöre, mir Gedanken zu machen und stattdessen nur noch leiste. Ich soll angemessen essen, schlafen, lachen, laufen, sitzen, liegen, sprechen und atmen. Mittelfristig soll ich doch bitte ein toller, schöner, gesunder und damit besserer Mensch werden (endlich!) — und die als Gamification getarnten Zahlen meiner Tabellen geben mir Recht oder mahnen mich ab.

Goal noch nicht erreicht, geh doch nach Hause, Lisa!

Aber vergiss bitte nicht, dabei noch sieben Umwege zu laufen, damit du dein Tagesziel schaffst und dich nicht grämen musst. Welche App checkt eigentlich die Zeit, die wir damit verbringen, auf von Grafikdesignern in stundenlangen Meetings abgestimmte Piktogramme zu starren, deren Farben und Blinkgeschwindigkeiten uns am Ende in die Seite kneifen oder sanft in wohliger Gewissheit tätscheln, dass mit uns laut App-Auswertung schon alles okay ist?

Wir haben halt keinen Partner, der uns freudestrahlend entgegen springt, wenn wir nach dem Joggen verschwitzt oder einfach nur mit einem blöden Tag zur Tür herein stolpern. Unsere früher mal bessere, heute wohl eher verkniffene Hälfte ist nämlich neulich leider weggerannt, als wir ihn kurz vor der im Bett durchgeführten, kleidungsfernen Turnerei mit einem Messgerät beklebten haben. Nur um die gemeinsame Aktivität anhand physiologischer Daten zu tracken, nach Vollzug mit Durchschnittswerten der Community zu vergleichen und bei angemessener Position im Ranking das Ergebnis dann auch auf Facebook zu teilen.

Und genug Selbstachtung haben wir auch nicht. Ach komm, Lisa, geh nach Hause, „miss dein Stresslevel“, „lass dich auf deinem Weg in ein aktives und gesundes Leben unterstützen“, „greif nach den Sternen“, „become a fitter you“.

Ich schlurfe heim, das habe ich ganz autark entschieden, keine Umwege, meine Handgelenke vergrabe ich tief in der Tasche. Als ich zur Tür hereinkomme, wärmt mir mein Körpergefühl bereits die Jogginghose auf der Heizung an und meine Intuition hat den Wein dekantiert. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. Halt die Fresse, Fitnessdingsi. —Elisabeth Rank

HELL YES! Ich stelle mir das ideale Wearable Lassie-mäßig vor: Ein Gefährte, der einen angenehm kaltnasig durch den Gefahrenparcours des Alltags bugsiert.

Selbstverständlich könnte man argumentieren, dass all die Bänder und Sensorengeflechte komplett unnötig seien, weil man doch einfach nur wie ein normaler Mensch auf seinen Körper hören müsse. Um zu spüren, wann man Hunger hat, ob einem eventuell etwas Bewegung guttun würde oder ob man schon müde ist. Mit dem eigenen Körper im Einklang — dieser Zug ist allerdings leider schon längst abgefahren. Stress, Neurosen und Entfremdung allerorts haben da ganze Arbeit geleistet.

Warum also nicht die Technik nutzen, um sich wieder ein bisschen anzunähern? Schließlich hat die technische Entwicklung ja auch ratternd ihr Scherflein dazu beigetragen, uns von der seligen Kopf-Bauch-Harmonie eines putzmunteren Alpbauern zum überreizten Hirnis mit verkümmerten Instinkten und Wlan-fähiger Kaffeemaschine umzubauen.

Noch sind Wearables einfach zu dumm.

Dieses Gadget würde mir — wie Lassie ihren Timmy winselnd vor dem Betreten eines einsturzgefährdeten Erdstollens warnte — ein kleines Heads-Up geben, sollte ich mich irgendwann wieder in eine Situation begeben, die größere Wutausbrüche triggern könnte. Der Anhänger könnte missbilligend brummen, wenn man die unvernünftigen Schuhe anzieht, etwas stärker vibrieren, wenn man in eine bestimmte Straße einkehrt. Und einem kleine Stromschläge von wachsender Intensität verpassen, sollte man tatsächlich allen Schwüren zum Trotz doch wieder in dieser Bar landen. Und auch noch mit diesem Typen — dann gibt es vielleicht schon kleine Brandwunden.

Klar: Man braucht im Idealfall keinen schlauen Anhänger, der einen darauf aufmerksam macht, dass man sich gerade in eine schlechte Situation manövriert. Klar: Eigentlich spürt man das schon selbst. Aber auch klar: Man ist eben oft ein Trottel. Wenn smarte Technik dabei helfen kann, nur jeden dritten oder vierten Trottelfall zu verhindern: I’m in. —Anja Rützel