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In Hamburg geht der erste Hightech-Medizin-Container für Geflüchtete in Betrieb

Chris Köver 08.02.2016

Der Medizin-Container in einer Hamburger Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete ist ein absolutes Pilotprojekt: Per Knopfdruck können Ärzte sich mit medizinisch geschulten Dolmetschern verbinden lassen und so Patienten behandeln, die weder Deutsch noch Englisch sprechen. Eine Stiftung finanziert zehn weitere dieser mobilen Praxen. Nun ist der erste in Betrieb genommen worden.

Update: Seit 25. April 2016 ist der erste von zehn Medizin-Containern in Hamburg im Einsatz, in denen Ärzte Dolmetscher per Videochat hinzuschalten können. So können sie Menschen helfen, deren Sprache sie nicht verstehen. In der Zentralen Erstaufnahme Rugenbarg im Stadtteil Osdorf ist der Medizin-Container nun in Betrieb. Träger ist das Rote Kreuz. Neun weitere Medizin-Container sollen folgen. Die Kosten in Höhe von 900.000 Euro werden von der Dorit & Alexander Otto-Stiftung getragen.

Der „Refugee First Response“-Container, der seit vergangenem November in Hamburg als Pilotprojekt Einsatz ist, wird von der Stadt als großer Erfolg gesehen. Das einzige Problem: Bislang gibt es nur einen einzigen solchen Container, in Hamburg gibt es aber mehr als 30 Erstaufnahmeeinrichtungen für Geflüchtete — und ständig kommen mehr Menschen hinzu. Die Otto-Stiftung hat sich jetzt bereit erklärt, zehn weitere der sogenannten "Refugee First Response Center“ zu finanzieren. Einzige Bedingung: Auch die Stadt Hamburg muss ihren Teil leisten. Sie wird die laufenden Kosten für den Video-Dolmetschdienst und die schnelle Internetanbindung tragen.

Gefährliche Missverständnisse, die entstehen können, wenn Laien übersetzen, werden vermieden.

Damit hat Hamburg einen guten Deal gemacht: Derzeit gibt die Stadt rund 225.000 Euro pro Jahr für Dolmetscher aus, die für Geflüchtete übersetzen. In der Regel würden sie für die Sprachen Farsi, Arabisch und Tigrinya benötigt, sagt die Gesundheitsbehörde. Sie bekommen einen Stundenlohn von 35 Euro und sind acht Stunden am Tag und fünf Tagen die Woche im Einsatz. Das neue System, angestoßen von zwei engagierten Mitarbeitern der Tech-Firma Cisco Systems, senkt die Kosten: Weil Dolmetscher nicht mehr tageweise im Bereitschaftsdienst anwesend sein müssen, sondern mit einem Klick angefragt und dann minutenweise per Live-Videochat zugeschaltet werden können, ist nicht nur die Versorgung für die Geflüchteten besser, das Ganze ist auch erheblich günstiger.

So sehen die Flüchtlingscontainer von innen aus.

Ein weiterer Vorteil: Die Dolmetscher des Anbieters SAVD, mit dem die High-Tech-Praxis zusammenarbeitet, sind medizinisch geschult, sie kennen alle wichtigen Fachbegriffe auf Deutsch und in den jeweiligen Fremdsprachen. Gefährliche Missverständnisse, die entstehen können, wenn Laien übersetzen, werden damit vermieden. Die Welt berichtete etwa von einem Arzt, der seinem Patienten empfohlen hatte, mit Salzdampf zu inhalieren. Der ehrenamtliche Dolmetscher übersetzte, der Patient solle das Salzwasser trinken — ein potentiell lebensgefährlicher Fehler, der zum Glück noch bemerkt wurde.

Dieses Konzept überzeugte in Hamburg nicht nur den rot-grünen Senat, sondern auch die Opposition: „Wir versprechen uns eine enorme qualitative Verbesserung in der medizinischen Versorgung und eine Verschlankung der Abläufe“, sagte die Bürgerschaftsabgeordnete Karin Prien von der CDU.

Ein Sprecher der Gesundheitsbehörde sagt dazu: „Wir wissen aus dem Pilotprojekt um die Qualität, sowohl was die Verfügbarkeit als auch die Qualität der Dolmetscherleistungen angeht. Insofern ist aus einem innovativen und tollen Projekt längst ein Erfolgsmodell geworden.“

Die zehn neuen Container werden mehr Platz bieten als das Original.

Da der neue Container zwölf Meter lang ist, müssen Patienten nicht mehr draußen warten.

Die zehn neuen Container werden mehr Platz bieten als das Original: Sie sind nicht mehr sechs, sondern fast zwölf Meter lang und haben eine Grundfläche von rund 30 Quadratmetern. Außerdem wird an jeden Praxis-Container einen weiterer als Warteraum gekoppelt. So müssen die Patienten nicht mehr draußen warten oder von Sanitätern aus einem entlegenen Warteraum herbei geholt werden.

Die Kosten für den ersten Container und seine Ausstattung hatte Cisco übernommen. Die Dolmetscher der SAVD arbeiteten bislang ehrenamtlich für das Pilotprojekt. Die zehn neuen Container und ihre Ausstattung — Mobiliar, Bildschirme, Router, LTE-Anbindung — übernimmt nun die Otto-Stiftung. Den Dolmetscherdienst und den Internetanschluss zahlt die Stadt. 

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