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Das Google-Memo und seine Folgen

Johnny Haeusler 09.08.2017

Nachdem ein Google-Mitarbeiter ein antifeministisches Manifest veröffentlichte, verlor er sofort seine Stelle. Unser Kolumnist Johnny Haeusler macht sich Gedanken darüber, ob es richtig war, den Mann direkt vor die Tür zu setzen oder ob man vielleicht mehr mit ihm hätte diskutieren sollen. 

Eine Mail aus einer Google-internen Mailingliste, die sich im weitesten Sinne gegen Konzernbemühungen um Diversität richtet und dies über eine krude Mixtur aus Pseudowissenschaft und gefühlter Wahrheit zu rechtfertigen versucht, gelangt in die Öffentlichkeit, sorgt für jede Menge Aufregung und führt schließlich zur Entlassung des Verfassers.

Selbst, wenn einige, manche oder viele der vom Autor angeführten Argumente und „Beweise“ stimmen würden, wären seine Schlussfolgerungen zu diskutieren. Angela Gruber schreibt neben weiteren klugen Sätzen dazu: „(…) warum sollte die Tech-Branche nur funktionieren, wenn sie so ist, wie Männer sich das vorstellen? Die Produkte jedenfalls, die wir jeden Tag benutzen, sind bisher alles andere als perfekt. Ein überwiegend weißes, überwiegend männliches Silicon Valley kann sich also zumindest nicht auf die Fahnen schreiben, die Digitalisierung zur Zufriedenheit aller zu gestalten, Anpassungen unnötig.“

Beim Lesen der sehr verschiedenen Reaktionen auf den Text, die von „Null Toleranz“ über „Naja, es sind aber auch ein paar richtige Gedanken dabei“ bis zu Google-Zensurvorwürfen reichen, wurde mir mal wieder die Komplexität solcher Debatten klar. Und bei der Meldung über die Entlassung des Verfassers musste ich an ein Erlebnis im vergangenen Mai denken.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED Germany geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen noch mehr Software in unserem Leben brauchen.

Bei der Hamburger Ausgabe der von mir mitgegründeten Jugendkonferenz TINCON kam es zu einem Streitgespräch zwischen Rednerinnen und Rednern, die neben ihrer feministischen Haltung auch zwischen dem biologischen und sozialen Geschlecht eines Menschen unterscheiden, und einem etwa 18-jährigen Gast, der sowohl Feminismus als auch die Gender-Debatte für Unfug hält. Nach seiner Haltung gibt es nur Mann und Frau, die so geboren werden, ihr Leben lang so sind und nur so zueinander gehören.

Im Verlauf des Gesprächs stellte sich heraus, dass der junge Mann sich politisch rechten Gruppen zugehörig fühlt. Als er dies zu begründen versuchte, sagte er ein paar Sätze, die mich sehr nachdenklich machten. Denn er betonte auch, dass er Rassismus strikt ablehne und sich eigentlich früher eher „links“ gefühlt hätte. Da es aber außer den politisch Rechten keine anderen Gruppen gäbe, die ihm wegen seiner Haltung zu Geschlechterrollen überhaupt zuhören würden, müsse er den bei den Rechten vorhandenen Rassismus eben akzeptieren. Unter dem Motto „Man kann nicht alles haben“ war dieser junge Mann nach und nach Richtung rechts gedriftet und konnte diesen Prozess sehr bewusst analysieren.

Ich muss das nicht logisch oder richtig finden, aber so hat der Junge das beschrieben.

Das Fatale an dem Rauswurf des Google-Mitarbeiters ist in diesem Zusammenhang, dass er damit seine Vorwürfe an das Unternehmen bestätigt sehen wird. Und er wird sich – genau wie der eben erwähnte junge Mann – auf die Suche nach einem neuen inhaltlichen Zuhause begeben, vielleicht eines, in dem ihm für seinen Text nur noch auf die Schulter geklopft wird.

Ich verstehe zwar, dass ein Unternehmen Haltung und Firmenpolitik braucht. Auch der Wunsch nach Meinungsvielfalt hat Grenzen (unter anderem juristische). Aber ich bin nicht sicher, ob die Reaktion Googles an dieser Stelle wirklich hilfreich ist.

Vielleicht betrachte ich das umfangreiche Dokument auch noch zu wohlwollend, da ich eher Verzweiflung, Verwirrung und daraus resultierende Fehlschlüsse darin lese und reine Verleumdung oder blinde Ablehnung anderer Menschen nicht so erkenne, wie andere das tun (ich habe eher den Eindruck, da versucht jemand, sich sein stark verunsichertes Weltbild zurecht zu argumentieren und scheitert daran). Aber ich hätte mir in diesem Fall eine inhaltliche Auseinandersetzung mehr erhofft als den Rauswurf des Verfassers, denn diese Auseinandersetzung hätte zeigen können, wie falsch der Text ist. Der Rauswurf hingegen gibt ihm in gewisser Hinsicht recht. Gewonnen ist daher leider mal wieder: gar nichts. Und sollte der Mitarbeiter in einem möglichen Rechtsstreit gegen Google gewinnen, wäre sogar viel verloren.

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