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Gewalt-Game „Hatred“: Ekelhaftes Machwerk oder provokanter PR-Stunt?

Oliver Klatt 29.10.2014 Lesezeit 4 Min

Mein Name ist unwichtig. Wichtig sind meine Taten. Ich hasse diese Welt. Es ist an der Zeit für mich, so viele ins Grab zu bringen, wie ich kann. Es ist an der Zeit für mich, zu töten.“ Diese Sätze, gesprochen von einem langhaarigen, mit einen schwarzen Trenchcoat bekleideten Finsterling, eröffnen den Trailer zu „Hatred“, einem PC-Spiel des polnischen Entwicklerstudios Destructive Creations, das 2015 erscheinen soll.

Dass Wortwahl und Kleidung an den Amoklauf von Columbine und ähnliche Tragödien erinnern, ist kein Zufall, sondern Kalkül. Die Aufgabe des Spielers besteht in „Hatred“ ausschließlich darin, so viele unschuldige Menschen wie möglich umzubringen.

Wir möchten allen, die uns hassen, für die großartige Marketingkampagne danken.

Jarosław Zieliński, CEO von Destructive Creations

Aus einer Perspektive, die ebenfalls an die Aufnahmen der Überwachungskameras vom Massaker in der Columbine High School erinnert, ist im Trailer zu sehen, wie der namenlose Protagonist reihenweise Menschen erschießt. Auf der Straße, im Supermarkt, auf dem Polizeirevier. Später zoomt die Kamera näher heran, um zu zeigen, wie die Figuren kurz vor dem Tod um ihr Leben flehen. Man mag das grauenvoll und geschmacklos finden, oder einfach nur idiotisch. Mit der heftigen Debatte, die der Eineinhalb-Minuten-Clip ausgelöst hat, haben Destructive Creations ihr Ziel jedenfalls zweifellos erreicht: „Wir möchten allen, die uns hassen, sowie der aufgeregten Presse für eine großartige Marketingkampagne danken“, schreibt CEO Jarosław Zieliński auf der Website zum Game. „Wir wollten die Aufmerksamkeit der Welt auf unser Produkt lenken, und wie ihr sehen könnt, hat es perfekt funktioniert.“

Worin genau besteht der Unterschied zwischen „Hatred“ und einem Publikumsliebling wie „GTA V“?

Doch nicht alles lief nach Plan: So ist der internationalen Gamespresse nicht entgangen, dass Zieliński und einige seiner Kollegen von Destructive Creations offenbar Verbindungen zur rechtsradikalen Szene in Polen haben. Der Studiochef soll auf Facebook Unterstützung für die nationalistische Polska Liga Obrony geäußert haben, die mit Aktionen gegen Muslime Schlagzeilen gemacht hat. Sein Kollege Marcin Kaźmierczak wiederum steht im Verdacht, der nationalistischen und homophoben Jugendorganisation Młodzież Wszechpolska nahe zu stehen. Das Dementi der Entwickler folgte prompt: Auf der Webseite des Studios distanzieren sich Zieliński und zwei seiner Mitarbeiter ausdrücklich von nationalsozialistischer Ideologie und weisen den Vorwurf des Rassismus von sich. In „Hatred“, so Zieliński, werde jeder zum Opfer – unabhängig von Hautfarbe oder sexueller Orientierung.

Neben der menschenverachtende Prämisse des Spiels und der politischen Gesinnung seiner Entwickler sind aber vor allem die Fragen interessant, die sich aus der Diskussion rund um den Titel ergeben: Ist die Mechanik von „Hatred“ nicht identisch mit der vieler anderer Spiele – nur unter umgekehrten Vorzeichen? Was sagt das über den derzeitigen Zustand von Games? Und worin genau besteht der Unterschied zwischen einem Spiel wie „Hatred“ und einem von der Kritik gefeierten Publikumsliebling wie „Grand Theft Auto V“, in dem man ebenfalls in die Haut eines Psychopathen schlüpft und Unschuldige töten kann?

Die meisten Gamer nehmen ihre Moralvorstellungen mit in die Spielwelt.

Trevor Philips, ein Waffen- und Drogendealer, ist eine der drei Hauptfiguren von „GTA V“. Er mordet und foltert und gehört zu jener Sorte Mensch, der man unter keinen Umständen im Dunkeln begegnen möchte. Andererseits sind da jene Momente im Spiel, in denen Trevor Schwäche zeigt, Einblicke in sein verkorkstes Leben gewährt und überraschend treffende Kommentare zum Zustand des amerikanischen Albtraums abgibt. Der Humor von „GTA V“ verdankt sich zu einem Großteil jener Mischung aus Abscheu und Sympathie, die man Trevor als Spieler entgegenbringt. Der Trailer zu „Hatred“ hingegen lässt jede ironische Brechungen oder eine Hintergrundgeschichte, die Licht auf das Verhalten der Hauptfigur werfen würde, vermissen.

In Deutschland wird das Spiel ohnehin keine Chance bekommen. Genau wie die satirisch überspitzen Gewaltorgien der „Postal“-Serie oder das Snuff-Game „Manhunt“, das den Spieler für möglichst grausames Töten belohnt, wird „Hatred“ hierzulande entweder auf dem Index landen oder verboten werden. Außerdem ist es nicht unwahrscheinlich, dass Destructive Creations mit ihrer erfolgreichen Promo-Aktion den Zenith an Aufmerksamkeit bereits überschritten haben. Denn ob wirklich genügend Menschen Geld für ein Spiel ausgeben werden, das sie ausschließlich in der Rolle eines mordenden Menschenhassers agieren lässt, darf bezweifelt werden. Umfragen legen zumindest nahe, dass die meisten Gamer ihre moralischen Grundwerte mit in die Spielwelt nehmen – und nur ein geringer Prozentsatz von ihnen Lust dazu verspürt, wirklich den Bösen zu spielen.