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Programmiert wie Mädchen! Die Tech-Szene muss weiblicher werden

Max Biederbeck 12.03.2015

Frauen sind die schlechteren Programmierer, sie haben in Hightech-Beruf nichts verloren. Das ist kein Vorurteil aus den Achtzigern, sondern noch immer gängiger Chat in vielen Coder-Foren. Sexismus 2015. Doch immer mehr Aktivistinnen und Aktivisten stehen auf gegen diese Rückständigkeit. Und tatsächlich, es bewegt sich gerade endlich was.

Addie Wagenknecht sah eine ganze Weile zu und verstand es nicht. Da tauchte ein Snowden-Dokument nach dem anderen auf und niemand schien sein Verhalten zu ändern. Keiner dachte über neue Ansätze nach, um seine digitale Identität zu schützen. Technopolitischer Widerstand blieb viel beschriebene Theorie. Themen wie Big-Data- und Passwortsicherheit oder digitale Privatsphäre — nur eine kleine Minderheit interessierte sich dafür. Eine gesellschaftlich annehmbare Lösung schien und scheint nicht in Sicht. Alles viel zu kompliziert.

Dann wurde der Programmiererin auf einmal klar, woran das liegt: Der Horizont der Vordenker ist zu begrenzt. „Immer dieselben Leute beschäftigen sich mit unserer Entwicklung in der digitalen Welt“, sagt die 33-Jährige. Dieselben Denker, die schon vor Snowden versuchten, die Menschen auf das Morgen vorzubereiten, tun das noch immer. Am Who is Who der Szene hat sich seit Jahren nichts verändert. Eine Blase.

Es steckt viel Potential im Wissen von Tech-Expertinnen. Sie gehörten einmal zu den Wegbereitern des Computerzeitalters.

Addie Wagenknecht, Deep Lab

Es braucht aber neue Perspektiven. Neue Initiativen, um Menschen für ihr digitales Leben zu sensibilisieren. Deshalb hat die New Yorkerin das Deep Lab gegründet. Ein Netzwerk aus Programmierinnen und Expertinnen aus der Hightech-Szene. Forscherinnen, Künstlerinnen und Hacktivistinnen, involviert in Organisationen wie TOR, MIT oder International Freedom of Expression. Das Lab soll eine Sichtweise auf den Code zurückbringen, die zu Beginn der Computer-Ära schon einmal da war. Die dann aber verschwunden ist und jetzt wiederkommen muss. Dass Frauen eben nicht die schlechteren Programmiererinnen sind.

„Es steckt wahnsinnig viel Potential im Wissen von Tech-Expertinnen. Sie gehörten einmal zu den Wegbereitern des Computerzeitalters“, sagt Wagenknecht. Sie meint Legenden wie die Programmiererin Grace Hopper oder die sechs Entwicklerinnen des ENIAC-Computers. Vordenkerinnen wie sie sind Stück für Stück verschwunden. „Ich bin in der Zeit von Atari und Nintendo aufgewachsen, aber die gab es zu Weihnachten eben nicht für Mädchen“, sagt Wagenknecht. Technik, das war auf einmal nur noch etwas für Jungs. Das ist noch immer so, und es ist ein Problem. Es braucht weibliche Expertinnen, um die gesellschaftlichen Themen von heute anzugehen. Das „Warum“ lässt sich leicht erklären.

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Frauen konnten in den letzten Jahrzehnten einfach nicht Fuß fassen in den Hightech-Berufen. Die Zahlen großer Digitalunternehmen wie Google, Facebook oder Apple zeigen: Auf eine Frau im Bereich Technik kommen noch immer vier Männer. Eine aktuelle Havard-Studie beschreibt die Arbeitsbedingungen für Frauen in der Hightech-Szene dabei als so unangenehm, dass knapp 50 Prozent frustriert den Beruf wechseln.

Die Hightech-Branche wächst rasant. Laut einer Analyse des Industrie-Zusammenschlusses Code.org wird sich die Zahl der Jobs im Bereich IT bis zum Jahr 2020 weltweit verdoppeln. Code ist gefragt wie nie, das zeigt auch die WIRED- und EinsPlus-Multimedia-Doku „Go_Geek!“, die einen Blick auf die deutsche Programmierszene wirft.

Das Gender-Ungleichgewicht führt dabei aber zu fehlerhaften Produkten. All die Gadgets, Computer, Apps und Programme: Sie sind männlich und weiß, oft bewusst oder unbewusst zugeschnitten auf eine Zielgruppe, die gerade mal zehn Prozent der Weltbevölkerung ausmacht. Jüngstes Beispiel dafür ist die Apple Watch. Deren Health Kit misst so ziemlich alles, was es am Körper zu messen gibt. Die Entwickler haben aber schlicht ein Tool vergessen, dass Frauen dabei hilft, ihre Menstruation zu erfassen.

Durch die Exklusivität der Szene entsteht Software, die für Männer gemacht ist.

Anika Lindtner, Rails Girls Berlin

„Damit hat Apple 50 Prozent des Markts verloren“, sagt Anika Lindtner. Die Managerin des OpenSource-Projekts Travis Foundation ist eine der Gründerinnen der Rails Girls Berlin. Die Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen an die Coder-Szene heranzuführen und ein Netzwerk für bereits aktive Coderinnen zu schaffen. Ableger der Rails Girls wachsen gerade in vielen europäischen Großstädten heran.

Anika Lindtner

„Durch die Exklusivität der Programmier-Szene entsteht Software, die für Männer gemacht ist“, sagt Lindtner. Diese Software bestimme aber, wie wir Beziehungen führen, wie wir uns organisieren oder, wie wir kreativ sind. „Sie schafft es nicht, die richtigen politischen Herausforderungen unserer Zeit zu beantworten“, sagt auch Wagenknecht vom Deep Lab. Dennoch sehen beide Veränderung: „Wir haben angefangen, ein bisschen Chaos zu verbreiten. Es gibt viel Bewegung und Unruhe in den Boys Clubs“, sagt Lindtner.

Sie haben Recht. In der Tat zeigen Zahlen des deutschen Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit, dass die Quote von Frauen in Informatik-Studienfächern wächst. „Es sind immer noch wenige“, sagt Christina Haaf vom Kompetenzzentrum. „Aber da tut sich gewaltig was, das Wachstum im Vergleich zu 2008 beträgt über 100 Prozent.“ Nicht nur gebe es bei großen IT-Unternehmen in Deutschland durch öffentlichen Druck und Wettbewerb mehr Aufmerksamkeit für das Thema. „Frauen sind in den Querschnittbereichen wie zum Beispiel der medizinischen Informatik mittlerweile oft vertreten“, sagt Haaf.

„Data and Dragons“ ist politische Code-Kunst von Addie Wagenknecht.

Genau so einen Schnittbereich beackern auch die Coderinnen des Deep Lab. Programmieren, so ist hier die Überzeugung, das ist heute nicht mehr nur der klassische IT-Beruf. Der Code ziehe sich durch alle Gesellschaftsfelder: Politik, Kunst, Wirtschaft. „Gerade in Verbindung mit künstlerischen Projekten werden weibliche Programmiererinnen noch immer marginalisiert“, sagt Wagenknecht. Das müsse sich ändern.

Es gibt sie wieder, die Pionierinnen.

Die Verbindung von Code und Kultur der bisherigen Deep-Lab-Projekte zeigen, dass diese Veränderung schon längst stattfindet. Da ist zum Beispiel der Dummstore, den Programmiererinnen des Netzwerks vor einigen Wochen als App-Markt für alte Handys aufgebaut haben. Hacktivisten benutzen solche analogen Geräte oft, um sich vor staatlichem Zugriff zu schützen. Zeitgleich mangelt es ihnen aber an allerhand Funktionen, etwa einem ordentlichen Messenger. Diese Lücke schließt das Dummphone. Ein anderes Projekt von Wagenknecht selbst heißt „Data and Dragons“. Es handelt sich dabei um Kunstwerke, die die Daten von Wlan-Verbindungen in der Nähe abgreifen und in einer zur Kunst gewordenen Cloud darstellen.

Es gibt sie also wieder, die Pionierinnen. Vordenkerinnen, die sich die Probleme unserer digitalisierten Welt automatisch mit einer anderen Sichtweise ansehen. Das wird zwar den Widerstand unter männlichen Programmierern nicht verstummen lassen. Das zeigen die Verwicklungen um #Gamergate und die Diffarmierungen, denen Coderinnen heute noch immer im Alltag ausgesetzt sind. Aber Projekte und Netzwerke wie das Deep Lab oder Rails Girls geben einen neuen Weg vor. Sind ein leuchtendes Aushängeschild: Es gibt noch mehr Ideen da draußen. Addie Wagenknecht wird solche Ansätze im Mai auch auf der re:publica in Berlin vorstellen. Wieder geht es ihr um das Vermächtnis Snowdens. Ihr Thema: Überwachung und Sicherheit. Aus der Sicht einer Frau. 

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