Gamechanger / 2022 wollen die Niederlande Weltmeister werden — mit Virtual Reality

Tim Rittmann 31.08.2015 Lesezeit 6 Min

Die DFB-Elf wurde 1954 auch deswegen Weltmeister, weil unter den Schuhsohlen der deutschen Spieler Stollen angebracht waren. Helmuth Rahn konnte aus dem Hintergrund schießen, weil er auf dem regendurchweichten Rasen nicht ausrutschte. Die Schuhe waren damals eine technische Revolution. 2022 könnte wieder eine Mannschaft gewinnen, die sich offen zeigt für technische Neuerungen: die Niederlande setzen auf Virtual Reality. 

„Du kannst ein Spiel aus Messis Perspektive spielen, aber auch in die Rolle des Verteidigers schlüpfen“, sagt Robert Overweg. Der Niederländer gilt als einflussreicher Wandler zwischen der realen und der virtuellen Welt. Als Künstler stellt er Screenshots aus Computerspielen im Centre Pompidou in Paris aus. Gleichzeitig ist er aber auch einer der Erfinder der Virtual-Reality-Anwendung Beyond Sports. Die Software hat seine Firma Triple IT zusammen mit der Universität Utrecht entwickelt. 

Beyond Sports soll Fußballer besser machen, indem sie entscheidende Situationen immer wieder erleben — aus jedem erdenklichen Blickwinkel. „Wir beobachten bei den Spielern schnellere Reaktionszeiten, nachdem sie unser Programm mehrmals benutzt haben“, sagt Overberg. Viel wichtiger sei jedoch: „Diese verbesserten Reaktionszeiten zeigen sie dann auch auf dem Platz.“

Vier handelsübliche Kameras zeichnen bei Beyond Sports ein Match auf. Die Spieler werden vorab per Mausklick markiert und von den Kameras im Spielverlauf getrackt. Bewegungssensoren in Trikots oder Schuhen hingegen erlauben die offiziellen Statuten nicht. Nach dem Abpfiff liest eine Software dann die Bilddaten aus und verwandelt sie in ein frei begehbares 3D-Modell des Fußballspiels. In dem kann man dann munter vor- und zurückspulen. 

Die verbesserten Reaktionszeiten sieht man dann auch auf dem Platz.

Robert Overweg, Erfinder von Beyond Sports

Um in das gespeicherte Spiel einzutauchen, braucht man eine VR-Brille, etwa eine Oculus Rift, gesteuert wird mit einem Game-Controller. Auch grafisch erinnert die Virtual-Reality-Anwendung an ein Fußball-Videospiel, wenngleich die Figuren auf dem Feld noch nicht dribbeln und schießen können und der Ball wie auf Kufen über den Platz gleitet. „Zurzeit stehen uns nur die Positionsdaten der Spieler zur Verfügung, die passenden Bewegungsanimationen zeichnen wir gerade erst in einem Motion-Capture-Studio auf.“

Spieler können in Beyond Sports ein Spiel aus jeder erdenklichen Perspektive erleben.

Beyond Sports

Schon jetzt probieren mehrere Vereine aus, ob das System alltagstauglich ist, darunter die holländischen Ehrendivisionäre AZ Alkmaar, PSV Eindhoven und Ajax Amsterdam. „Für den amtierenden Meister PSV erstellen wir entweder maßgeschneiderte Szenarien, die speziell auf ihre Spielphilosophie abgestimmt sind“, erzählt Overweg, „oder die Trainer suchen sich bestimmte Situationen heraus und legen individuell fest, welche Perspektiven ihre Spieler einnehmen sollen.“ 

Anwendungen wie Beyond Sports sollen die übliche Videoanalyse auf lange Sicht ergänzen, mit der die Schwächen kommender Gegner aufgedeckt und die eigenen Spieler geschult werden. Geht es nach Robert Overweg, werden die Spieler in ein paar Jahren jeden Fehler, jede gegnerische Körpertäuschung und jeden Fehlpass noch einmal hautnah erleben und daraus lernen können.

Auch Steijn Spreij setzt auf Virtual Reality im Training. Spreij ist Video-Analyst der holländischen  Nationalmannschaft, in der Stars wie Arjen Robben und Robin van Persie spielen. Die Frage, ob Trainingseinheiten im virtuellen Stadion die Qualität der Spieler steigert, stellt sich für ihn gar nicht mehr. „Ja, auf diese Art kann man Spieler weiterentwickeln“, sagt der 29-Jährige, „sie sehen, wo ihre Mitspieler stehen und welche Passwege möglich sind, ob sich etwa ein langer Pass in die Spitze anbietet oder ein kurzer, der Sicherheit bringt.“  

Es sind immer die jungen Spieler, die Trainer dazu auffordern, ihnen Videosequenzen zu zeigen.

Steijn Spreij, Video-Analyst der holländischen Nationalmannschaft

Junge Spieler, so Steijn, ließen sich noch leichter entwickeln und hätten richtig Bock darauf, neue Sachen auszuprobieren. Für Trainer gelte das nur bedingt. Overweg weiß: „Selbst die herkömmliche Video-Analyse wird von vielen Coaches nur ein paar mal im Monat benutzt. Es sind immer die jungen Spieler, die sie dazu auffordern, ihnen Videosequenzen zu zeigen.“ In den niederländischen Nachwuchs-Auswahlteams wird Beyond Sports bereits vorsichtig getestet. „Die Jungs waren beim ersten mal total enthusiastisch, weil sie sofort erkannten, welche Spielsituationen wir ihnen vorgesetzt haben“, erzählt Spreij. 

Doch es ist etwas ganz anderes, die alten Haudegen des Sports zu überzeugen. Vor allem, wenn sie inzwischen irgendwo im Management sitzen. Robert Overweg hat in Deutschland Gespräche mit Bundesligisten geführt. Die Bundesliga sei sehr attraktiv für ihn, weil sich alle Clubs auf einen technischen Video-Standard geeinigt haben, was seine Arbeit enorm erleichtere. Und natürlich war Overweg auch in England, wo die Clubs der Premier League zum Großangriff auf Europa blasen. In beiden Ländern habe es „spannende Gespräche“ gegeben, aber auch jede Menge Widerstände. „Fast alle Verantwortlichen sind sehr skeptisch. Bei manchen hat man das Gefühl, sie möchten den Sport so belassen, wie er in den Achtzigern war“, sagt Overweg.

Vor allem junge Spieler sind VR-Simulationen und Video-Replays gegenüber aufgeschlossen.

Beyond Sports

Expand your brand, heißt es in der Wirtschaft, wachse und gedeihe. Auch Overweg möchte sich nicht nur auf Europa konzentrieren: „Wir waren dieses Jahr auf der SXSW-Konferenz in Texas und hatten auch jemanden von Ajax Amsterdam dabei. Die Amerikaner kopieren alles, was Ajax derzeit macht. Sie sind da sehr offen für alles Neue.“

Bei manchen hat man das Gefühl, sie möchten den Sport so belassen, wie er in den Achtzigern war

Robert Overweg, Erfinder von Beyond Sports

Das könne eines Tages auch der amerikanischen Nationalmannschaft zugute kommen. „Vielleicht entwickeln sich die einfach schneller und das sieht man dann bei der nächsten Weltmeisterschaft, weil ihre Spieler ja bereits gegen den virtuellen Messi trainieren konnten.“

Auch Basketball sei sehr interessant, und natürlich der Konsumentenmarkt: „Millionen Menschen gucken anderen über Twitch.tv beim Spielen am Computer zu. Der physikalische Aspekt des Fussballs ist längst nicht mehr so wichtig“, sagt Overweg. Vielleicht kann man eines Tages Virtual-Reality-Tickets für wichtige Sportereignisse kaufen und dann das WM-Finale als Zuschauer auf den Rängen erleben — oder als Spieler auf dem Rasen.    

Overweg träumt von einer Zukunft, in der Zuschauer ein Match live aus der Spielerperspektive erleben können.

Beyond Sports

Steijn Spreij denkt derweil in kleineren Schritten. Bevor der Video-Analyst der niederländischen Elf die virtuelle Realität für die A-Nationalmannschaft benutzt, muss alles perfekt sein. Sollte sein Chef, Bondscoach Danny Blind, bestimmte Spielszenen bestellen, müssen sie innerhalb kürzester Zeit in optimaler Qualität geliefert werden können. Denn die Nationalmannschaften kommen immer nur für wenige Tage zusammen. Die Zeit ist knapp, da muss alles sitzen.

Bis es soweit ist, soll auch ein spezieller Raum auf dem „Innovation Campus“ des Fußballverbands eingerichtet werden, in dem die Virtual-Reality-Anwendung dann fest installiert sein wird: Bis zur WM 2022 sind es noch sieben Jahre.

Im ersten Teil unserer Reihe „Gamechanger“ ging es um Goalimpact — ein Algorithmus, der den nächste Fußballgott errechnen soll.