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Game Over: Der Begriff „Indie“ ist tot

Fabu 23.09.2016 Lesezeit 4 Min

Seit Jahren buhlen Publisher um talentierte Indie-Entwickler, um ihr farb- und mutloses Spieleportfolio aufzufrischen. Das ist reine Imagepflege und hat schon lange nichts mehr mit dem Begriff „Indie“ zu tun, ärgert sich WIRED-Spieleexperte Fabu.

Schon 2012 wurde in meiner Filterblase heiß diskutiert, was eigentlich ein „Indie-Game“ ausmacht und was es von Nicht-Indie-Games unterscheidet. Dennis Kogel versuchte sich damals an einer Definition, die zwar interessante Denkansätze bot, aber ebenso wie ein Artikel von Rainer Sigl eher neue Fragen aufwarf, statt die offenen zu beantworten. Auch heute, vier Jahre später, ist niemand in der Lage, den Begriff „Indie“ allgemeingültig zu definieren.

Diese Diskussion geht mir gehörig auf die Nerven. Muss erst Markus Persson, der Vater der Mutter aller Indie-Games (Minecraft) von einem seiner meterhohen Bonbonspender erschlagen werden, bevor „Indie“ zu Grabe getragen wird? Spätestens 2013, als der Branchen-Riese Electronic Arts in Kooperation mit Samsung die Initiative 100% Indie startete, hätte wirklich allen klar sein müssen, dass der Begriff endgültig verbrannt ist.

Unter „Indie“ verstand ich immer die Freiheit, gänzlich ohne die Einmischung Dritter kreativ arbeiten zu können. Doch als die Industrie die Nische der unabhängigen Spieleentwickler für sich als Ideen-Pool und Marketing-Instrument entdeckte, geschah das auf Kosten dieser Freiheit. Verträge wurden geschlossen, um die Rechte und Pflichten aller Beteiligten zu schützen. Big Business und so.

Publisher und Konsolenhersteller streben nach Exklusivität, um Kaufanreize für ihre Systeme zu schaffen. Diese monetär getriebene Exklusivität in Kombination mit einem Indie-Game sorgte schon 2012 für Aufsehen, als Enfant terrible Phil Fish seinen Titel FEZ exklusiv ür die XBox360 anbot. Nicht cool.

Nein, No Man’s Sky ist kein Indie-Game!

Wenn nun Sean Murray, Chef von Hello Games, mit seinem Titel No Man’s Sky von Sony wie die Sau durchs Dorf getrieben wird, um als Indie-Aushängeschild zu fungieren, dann möchte ich mich nur noch angewidert abwenden. (Sean sich vermutlich auch, wenn man das Nachspiel betrachtet.) Vollkommen egal, wie kurz oder lang die Leine sein mag, die eine vertragliche Zusammenkunft mit sich bringt, es bleibt eine Leine – und die schränkt den Handlungsradius ein. Deswegen: Nein, No Man’s Sky ist kein Indie-Game!

Oder etwa doch? Wie schwammig meine eben getätigte Aussage ist, wird deutlich, wenn ich zum Vergleich den Macher von The Witness ins Spiel bringe, Jonathan Blow. Er ist für mich der Inbegriff eines Indie-Entwicklers. Und das obwohl er wie Sean Murray vor Sonys Karren gespannt wurde, um die aktuelle PlayStation-Konsole zu bewerben. Wer von wem mehr profitiert hat, vermag ich nicht zu sagen. So oder so: The Witness bleibt ein Indie-Game.

Aber Moment! Darf ein Indie-Spiel überhaupt 36,99 Euro kosten? Oh je, bitte nicht schon wieder diese Diskussion. Zur Beantwortung der Frage verweise ich auf eine meiner alten Kolumnen.

Diese Heuchelei kauft ihnen doch eh keiner ab!

Ihr seht: Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Unabhängigkeit lässt sich nämlich nicht messen, sie lässt sich nur fühlen oder erahnen. Ich fühle mich jedenfalls schon lange unwohl dabei, wenn sich große Publisher mit Indie-Entwicklern schmücken, um Offenheit, Kreativität und Coolness bei ihrer Zielgruppe zu suggerieren. Diese Heuchelei kauft ihnen doch eh niemand ab, der gelegentlich einen Blick über den Tellerrand riskiert.

Finanzielle Unterstützung sei wirklich jedem Entwickler gegönnt, damit er ;ein Herzensprojekt realisieren kann, ohne um die eigene Existenz bangen zu müssen. Aber liebe Publisher, hört doch bitte auf, es uns als „Indie“ zu verkaufen. Ach, und wisst ihr was? Ich hab es mir anders überlegt: The Witness ist doch kein Indie. Und die Moral von der Geschicht? Die Schublade „Indie“ braucht man nicht (mehr).

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