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Flüchtlinge erzählen die Story hinter ihrem liebsten Smartphone-Foto

Cindy Michel 05.04.2017

In der Fremde wird das Smartphone zum Tresor für Erinnerungen. Das zeigt eine Fotoserie des Briten Alex John Beck, in der syrische Flüchtlinge ihr liebstes Handy-Bild zeigen und erzählen, warum es wichtig für sie ist. WIRED sprach mit dem Künstler über sein Projekt und darüber, wie Mobiltelefone Identität stiften können.

Eine Frau im rosafarbenen Jogginganzug hält ein Kind am Arm fest. Ihr Blick ist direkt in die Kamera gerichtet, nicht herausfordernd, sondern stolz und entschlossen. Neben das Bild der Syrerin und ihres Jüngsten ist ein weiteres Foto montiert. Es zeigt ein Smartphone in Nahaufnahme, auf dem gesprungenem Display das Porträt eines jungen Mannes. Sein Blick ähnelt dem der Mutter. Es ist ihr liebstes Bild auf dem Smartphone. Der älteste Sohn schickte ihr das Selfie, kurz bevor er bei einem Angriff auf Damaskus getötet wurde.

Das Bild der Frau und die digitale Erinnerung an ihren ältesten Sohn, gespeichert auf einem Handy, sie sind Teil einer Fotoserie des britischen Künstlers Alex John Beck. Der reiste im vergangenen Jahr nach Jordanien und in den Libanon, um dort für die Hilfsorganisation Oxfam das Leben syrischer Flüchtlinge zu dokumentieren. Beck entschied sich für ein besonderes Konzept: Er fotografierte nicht nur die Menschen in ihrer neuen Umgebung, sondern zeigt sie in Kombination mit ihrem liebsten Foto auf dem eigenen Handy. WIRED sprach mit dem Künstler über das Smartphone als Identitätsbewahrer und darüber, welche Schicksale sich hinter den Fotos verbergen.

WIRED: Alex, der erste Blick ins Smartphone-Fotoalbum eines Fremden hat immer auch etwas voyeuristisches. Wie war es für dich, als du die Bilder auf den Mobiltelefonen der Flüchtlinge angesehen hast?  
Alex John Beck: Ich weiß genau, was du meinst, aber bei diesem Projekt war das anders. Die Porträtierten selbst haben uns diese Bilder aus ihren digitalen Fotoalben herausgesucht und dann ihre Geschichten dazu erzählt. Wir, also meine Redakteurin und ich, haben nie den Fehler gemacht, nach links oder rechts zu swipen oder unaufgefordert durchs Album zu scrollen. 

„Syrien ist die Wiege der Zivilisation. Wenn wir doch nur unser geliebtes Syrien wieder hätten. Was, wenn es zurückkäme und wir wären wieder genau wie früher? Oh geliebtes Syrien, oh Syrien, oh meine Freunde, oh meine Familie. Ich wünschte, wir könnten zurück nach al-Tabqah, meine Freunde, meine Familie. Ich wünschte, wir könnten unsere vergangenen Erinnerungen wiederfinden.“ – Ein syrischer Flüchtling in der Bekaa-Ebene im Libanon. Als das Bild aufgenommen wurde, überlegte er bereits, wie er nach Europa fliehen könnte. Während der Reise verlor er seine Zehen bei einem Bombenangriff. Wie er seine Verlobte wiederfinden soll, weiß er nicht.

WIRED: In deiner Fotoserie wird der Porträtierte über sein liebstes Handy-Foto für den Betrachter lebendig. Wie kann es sein, dass das Smartphone auf einer visuellen Ebene so mächtig wird? 
Beck: Das Smartphone ist ein seltsames Ding. Wir unterschätzen, wie wichtig es für unser Leben ist, wie viel es über uns weiß. Man könnte es mit dem Suchverlauf auf Rechnern vergleichen. Dieser zeigt, von was wir etwa besessen sind oder was wir seltsam finden. Daraus lässt sich wiederum ein eigenes Verhaltensmuster herauslesen – von dem wir meist selbst keine Ahnung haben. So verhält es sich auch mit dem Smartphone und den Bildern darauf. Sie zeigen, was uns fasziniert oder was wir lieben. Die Fotos werden für uns zu einer Art mobilem Gedächtnis, vor allem bei Menschen, die bei ihrer Flucht alles Materielle zurücklassen mussten.

„Ich lebe als syrischer Flüchtling in Jordanien. Allah sei Dank, bin ich mit meiner Familie zusammen. Ich vermisse meine Heimat sehr, vor allem unser Haus. Ich vermisse die Morgen und die Abende, wenn die Familie sich dort traf. Ich wünsche mir, dass ich wieder zurück kann.“ – Das Foto im Smartphone-Display zeigt das Haus in Homs vor dem Krieg.

WIRED: Also ist das Smartphone für Flüchtlinge viel mehr als ein reines Kommunikations-Tool?
Beck: Das ist mir durch dieses Projekt erst richtig bewusst geworden. Flüchtlinge sind oft Tausende von Kilometern von ihrer Heimat entfernt. Manche haben nicht mal mehr eine, weil Bomben ihre Häuser und Geburtsorte für immer zerstört haben. Alles, was ihnen bleibt, ist die Erinnerung. Und diese tragen sie in ihrem Smartphone, in der Fotogalerie, in Textnachrichten oder alten Voicemails mit sich herum.

„Wir wollen Frieden in unserem Land. Wann können meine Kinder und Schwestern wieder in Frieden dort leben?“ – Dieses Selfie schickte der Sohn seiner Mutter, die gerade im Flüchtlingslager Zaatari lebte, als er in Deutschland ankam.   

WIRED: Wenn ein Foto das einzige ist, das von der längst zerstörten Heimat Zeugnis ablegen kann, wird es dann nicht auch für den Geflüchteten selbst zu einer Art Beleg dafür, dass er oder sie tatsächlich noch existiert? 
Beck: So ungefähr. Während ihr altes Zuhause in der Erinnerung immer mehr verblasst, können Flüchtlinge über das digitale Gedächtnis des Mobiltelefons ihre Identität bewahren. Vor allem an einem Ort, der ihnen das Gefühl eines neuen Zuhauses oder der Zugehörigkeit verwehrt.

„Mein kleiner Bruder ist wie eine Rose. Er ging fort und ließ seine fünf Kinder und seine Familie in Raqqa zurück. Ich wünsche mir, dass sie Raqqa heil verlassen können.“ – Der Bruder dieser syrischen Frau, die aktuell in Zaatari lebt, wurde ermordet.  

WIRED: Ihre Identität bewahren die Menschen in deiner Fotoserie auch dadurch, dass sie selbst entscheiden, welches Bild sie dir zeigen, oder? 
Beck: Das war mir extrem wichtig. Die Flüchtlinge selbst wissen besser als jeder andere – viel besser, als ich es auch nur annähernd erahnen könnte – wie beschwerlich ihre Situation in Wirklichkeit ist. Daher wollte ich ihnen die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, wie ich sie portraitiere, ihnen das Eigentumsrecht am Gezeigten zusprechen. Ich glaube, wenn ich mich als Fotograf zurücknehme und dem Portraitierten die Chance gebe, für sich selbst zu sprechen, dann wird das Dokument umso ehrlicher.

WIRED: Du lässt sie aber nicht nur erzählen, sondern auch schreiben. Jeder Portraitierte kommentierte sein Foto handschriftlich. Wolltest du den Menschen so nochmal mehr das Eigentumsrecht am Erzählten zugestehen?
Beck: Handschrift ist etwas sehr persönliches. Etwas, das andere Orte und andere Zeiten heraufbeschwören kann. Und ja, es ist eine weitere Möglichkeit für das Subjekt, die eigene Geschichte auch in publizierter Form an sich zu binden. Ich würde mir niemals anmaßen, die Fotos an ihrer statt zu kommentieren. 

„Wenn ich sehe, wie sie in ihrem Land leben und ich keines habe, dann irritiert mich das.“ –  Im Bild sieht man die Tochter der geflüchteten Frau. Im Display ein Familienmitglied, das nach dreijähriger Haft ebenfalls aus Syrien fliehen wollte. Sie hat ihn nicht mehr gesehen, nimmt aber an, dass er hingerichtet wurde.  

WIRED: Auch wenn sie selbst entscheiden durften, welche Bilder sie dir zeigen, ist das doch ein sehr privater Einblick in das eigene Leben. War die Skepsis nicht groß? 
Beck:  Eigentlich nicht. Das sind ganz normale Leute, in leider sehr abnormalen Umständen. Wir haben viel Tee mit ihnen getrunken und ihnen Bilder gezeigt, die wir auf unseren eigenen Smartphones gespeichert haben. Bevor sie uns ihre Erlebnisse und traurigen Geschichten erzählten, haben wir viel gelacht und einfach fröhlich geplaudert.

„Wir bitten alle Glaubensrichtungen, diese Ungerechtigkeit aufzuheben, Versöhnung zu bringen.“ – Dieser Mann lebt in der streng überwachten Bekaa-Ebene. Aus Angst vor der Hisbollah bleibt er lieber anonym und speichert auch keine Fotos.

WIRED: Es sind heftige Geschichten von Flucht, Heimweh und Tod. 
Beck: Das Ding ist, dass jede Episode brutaler als die letzte scheint und diese Erlebnisse zwar sehr persönlich sind, aber leider kein Einzelfall. Millionen von Menschen haben ähnlich schlimme Torturen hinter sich und derlei grausame Dinge gesehen. Es gibt weltweit etliche Familien, die jahrelang etwa einen eigenen Laden betrieben haben, der dann urplötzlich von Bomben zerstört wurde. Die Gründe dafür können sie weder verstehen noch nachvollziehen. Oder jene, deren Väter oder Söhne ermordet wurden, die die sich in Sicherheit wägten und dann hinterrücks erschossen wurden. Das alles sind ganz konkrete Momente voller Verzweiflung, die aber nicht ungewöhnlich sind und fast schon symptomatisch für diese Krise. Und es scheint sich nichts daran zu ändern.  

„Ich sehne mich nach meinem Haus und meinem Land in meinem geliebten Syrien. Ich wünschte, dass meine Frau, meine Söhne, meine Familie, meine Brüder und meine Schwestern und ich dorthin zurückkehren könnten.“ – Das Passbild zeigt die Tochter des Mannes, die in Syrien geblieben ist.    

WIRED: Einige der Portraitierten haben zwar ihre Geschichte erzählt, aber ihr Gesicht nicht gezeigt. Wovor hatten sie Angst?
Beck: Das waren vor allem die Flüchtlinge im Libanon, in der Bekaa-Ebene. Sie fürchteten um ihre Sicherheit, da die Camps dort von der Hisbollah sowie libanesischen Sicherheitskräften überwacht werden. Sie wollten uns ihre Erlebnisse schildern, aber ebenso dringend daraufhin weisen, dass sie aus Angst vor Razzien, die Shiiten durchsuchen die Camps immer wieder nach Angehörigen des IS, zum einen anonym bleiben wollen und zum anderen alle Fotos gelöscht haben. Diese Bitte haben wir visuell umgesetzt, indem wir in dem eigentlichen Foto des Flüchtlings sein Gesicht verdeckt haben und in dem dazugehörigen Smartphone-Bild die Rückseite mit abgeklebter Kamera zeigten.  

WIRED: Abgesehen von dem visuellen Statement über die Anonymität setzt du dich noch weitere Male über dein Konzept hinweg und zeigst Flüchtlinge ohne ein korrespondierendes Smartphone-Bild. Wie etwa bei dem Mann, der dir das analoge Passbild seiner Tochter zeigt. Warum brichst du deine eigenen Regeln?
Beck: Den Vater mit dem Passfoto seiner Tochter wollte ich unbedingt mit reinbringen, denn er repräsentiert für mich einfach die allgemeine Aussage des Projekts, die alles andere als neu ist: Menschen in ungewissen Situationen haben schon immer an ihren Erinnerungen festgehalten. Früher waren es etwa Briefe in der Brusttasche oder ein Bild im Medaillon an einer Kette, heute sind es archivierte WhatsApp-Konversationen oder eben Bilder auf dem Smartphone.

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