/Games

Far Cry 5 ist ein unangenehmer Spagat zwischen sinnfreier Unterhaltung und politischem Kommentar

Dom Schott 04.04.2018 Lesezeit 6 Min

Das Action-Rollenspiel Far Cry 5 zieht von seinen exotischen Schauplätzen ins amerikanische Hinterland um. Hier erwartet die Spieler ein fanatischer Kult, viel Action und Anspielungen auf die amerikanische Politik. Der Titel findet dabei jedoch nie den richtigen Ton. Denn die Entwickler nehmen möglichst nichts zu ernst, damit bloß der Spaß nicht darunter leidet.

Nach einigen Spielstunden in der Welt von Far Cry 5 sollen wir eine Gruppe religiöser Fanatiker in eine Höhle locken, in dessen Inneren ein exzentrischer Regisseur seinen neuen Actionfilm drehen will. Während die wild geifernden Horden durch die dunklen Tunnel drängen, ruft uns der Filmemacher Anweisungen zu, wie wir die Gegner möglichst cineastisch erledigen sollen: Die erste Welle verbrennen wir mit Molotov-Cocktails und während die Frauen und Männer schmerzerfüllt schreien, werfen wir bereits unsere Granaten auf die nächste Gruppe.

Die leblosen Körper rotieren noch immer durch die Luft, als wir unsere letzte Regie-Anweisung erhalten: Einen der Fanatiker aus dem Hinterhalt angreifen und ihm den Schädel einschlagen — es ist das große Finale des fiktiven Films. Aber nur eine Nebenmission unter vielen in Far Cry 5.

In den Gebirgszügen und Tälern des US-amerikanischen Bundesstaats Montana, dem Schauplatz des neuen Far Cry, erwarten uns unzählige Unterhaltungsangebote: Wir sprengen Kapellen, zerstören Denkmäler, erobern Außenposten, befreien Geiseln, jagen Tiere oder genießen einfach nur die Aussicht. Dabei ist der Begriff Unterhaltungsangebot von uns hier ganz absichtlich gewählt: Far Cry 5 ist wie seine Vorgänger ein gigantischer, sprengstoffgeschwängerter Freizeitpark.

Der rote Faden von Far Cry 5 ist trotz der offenen Spielwelt gradlinig: Unterwandere den Einfluss von drei charismatischen Männern und Frauen, die je eine Region von Montana kontrollieren. Danach ist der Weg zum Kultanführer Joseph frei.

Das sollte eigentlich nicht überraschen. Tut es aber doch ein wenig, denn ein zentrales Elements ist anders: der Schauplatz. Während wir in all den Jahren zuvor unseren Spaß in Afrika oder asiatischen Ländern suchten, ist Far Cry 5 nun ins amerikanische Hinterland umgezogen.

Hier hat ein religiöser Kult unter der Führung von Joseph Der Vater Seed zu den Waffen gegriffen und terrorisiert von gut befestigten Außenposten aus die zivile Bevölkerung. Die versucht sich nach Kräften zu wehren, doch ohne den Beistand des Polizisten, den wir spielen, scheint dieser Kampf ausweglos zu sein. Einige dutzend geworfene Granaten später beginnt sich das Blatt allmählich zu wenden und wir bekommen ein recht gutes Gefühl dafür, was Far Cry 5 vor allem sein will: Nämlich kein Grund zur Aufregung. Denn obwohl das Setup sich perfekt als Projektionsfläche für einen Kommentar auf die amerikanische Waffenkultur und Politik eigenen würde, findet sich davon nur wenig im Spiel wieder.

Nur weil Far Cry 5 im amerikanischen Hinterland der Gegenwart spielt, muss dieses Action-Rollenspiel natürlich nicht gleich auch ein politischer Kommentar sein. Diese Möglichkeit drängt sich zwar auf, aber Ubisoft hätte auch einfach eine eigene frei erfundene Geschichte erzählen können — weit entfernt von dem Amerika, das wir heute sehen und erleben. Stattdessen wirkt das neue Far Cry 5, als hätten die Entwickler Scheuklappen getragen – ganz im Dienste der Unterhaltung.

Was Far Cry 5 macht, ist frustrierend: Es kokettiert mit der Realität, mit aktuellen politischen Debatten, mit Opfern und Tätern der amerikanischen Geschichte, ohne aber wirklich etwas zu sagen. Diese Parallelen und Anspielungen finden wir überall: Die fanatischen Kultisten im Spiel begründen ihren Fanatismus unter anderem mit ihrer Frustration über die Zeitungsüberschriften, die sie jeden Tag lesen müssten und der Regierung, die schon längst am Hebel sei. In kurzen Infotexten ziehen die Entwickler dann beiläufig über Abtreibungsgesetze und Online-Trolle her. Und schließlich erklärt uns ein Jäger, dass am Chaos im virtuellen Montana eigentlich nur die nachlässigen Waffengesetze schuld seien.

Die politischen Kommentare sind zum Teil in den Beschreibungen von Firschen versteckt.

Kaum haben wir diese Verbindungen entdeckt, zerstreut Far Cry 5 seine politischen Stellungnahme aber wieder, indem der Kontext der Aussagen als lächerlich und unglaubwürdig dargestellt wird: Nach seiner Kritik an den Waffengesetzen stürzt sich der Jäger begeistert und wild um sich schießend auf eine Horde Kultisten. Der Kommentar zu Abtreibungsgesetzen ist Teil des Beschreibungstexts eines Fisches, den wir aus irgendeinem Tümpel gezogen haben. Ein wortwörtlicher roter Hering, wenn man so will, der allerdings eher frustriert, als Appetit auf mehr macht.

Auch die Hauptgeschichte des Spiels bleibt vor dieser „Haha, war nicht so gemeint!“-Einstellung nicht verschont. Während Far Cry 5 den religiösen Kult der Bösewichte im ersten Spieldrittel noch als mysteriöse Bewegung inszeniert, entwickelt sich das Narrativ dann plötzlich in eine andere Richtung: Nur ein kleiner Teil der Anhängerschaft ist tatsäch unzufrieden mit dem Status Quo oder glaubt wirklich an den nahenden biblischen Weltuntergang. Der Rest von ihnen hat wortwörtlich zu lang an einer besonderen Pflanze geschnüffelt, die in einen rauschähnlichen Glückszustand versetzt.

Gewalt ist in der Welt von Far Cry 5 allgegenwärtig: Ständig begegnen wir Kultisten, die Zivilisten in Geißelhaft nehmen oder offen angreifen. Es ist uns überlassen, ob wir hier einzugreifen oder doch lieber strikt unserem Missionsmarker folgen

Nebenwirkung der Droge: Irgendwann verschwindet die völlige Harmonie und Ausgeglichenheit und zurück bleibt ein Zombie. Diese vom Spiel genannten Engel stehen dann teilnahmslos herum oder fressen Tierkadaver, bis wir sie aufscheuchen. Daraufhin stürzen sich die Engel mit wildem Gebrüll auf uns und lassen erst nach einem Kopfschuss von uns ab. Zombies, das vielleicht ausgelutschenste Klischee der Popkultur sind also die Waffen des anfangs so mysteriösen Kults. Das allein macht die Geschichte des Spiels ab der zweiten Hälfte uninteressant und entzieht sich jeglichen Parallelen zum realen Zeitgeschehen, die zuvor noch angedeutet wurden.

So kehren wir also auf der Suche nach dem Spielspaß wieder in die offene Spielwelt zurück, wo überdrehte Nebenmissionen und klassischen Eroberungskämpfe oder auch nur ein Angelausflug zum nächsten See abgehakt werden wollen. Das virtuelle Montana kann uns problemlos 50 oder mehr Stunden beschäftigen – und auch Spaß machen. Wer allerdings nach einer spannenden Geschichte mit vielschichtigen Charakteren sucht, oder gar einer Botschaft zum Nachdenken, der wird diesen gigantischen Freizeitpark früher oder später wieder enttäuscht verlassen.