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Der echte Held hinter dem Oscar-Kandidaten „Lion“

Lina Hansen 22.02.2017 Lesezeit 6 Min

Als kleiner Junge verloren gegangen, als erwachsener Mann zurückgekehrt: Saroo Brierley aus Australien, der seine indische Familie mit Google Earth wiedergefunden hat, schrieb ein Buch über seine berührende Geschichte. Nun hat Hollywood sie aufgegriffen – „Lion“ ist für sechs Oscars nominiert. WIRED sprach mit Brierley über Technologie, und wie sie Menschen zusammenbringen kann.

„Guddu! Guddu!“, ruft Saroo nach seinem Bruder. Vergeblich. Er sollte eigentlich am Bahnhof auf seinen großen Bruder Guddu warten, doch der taucht nicht auf. Auf der Suche nach ihm steigt der kleine Saroo in einen Zug, der sich auf eine zwölfstündige Reise nach Kalkutta macht. Mutterseelenallein schlägt sich der Fünfjährige in der Stadt durch, findet aber nicht mehr zurück. Irgendwann bringt man ihn in ein Waisenhaus, wo ihn dann ein australisches Paar adoptiert. Zeitsprung: 2005 wird Google Earth veröffentlicht. Saroo Brierley ist mittlerweile Mitte 20 und wohnt in Tasmanien. Er beginnt eine spektakuläre Heimatsuche mit Hilfe der Satellitenfotos. Seine Geschichte kommt jetzt als Film. Diese Woche startet „Lion“ in den deutschen Kinos und ist für sechs Oscars nominiert.

Saroo Brierley

Der Wunsch Brierleys, seine Familie wiederzufinden, war in der Realität wie im Film jede Sekunde präsent. Er recherchierte die Geschwindigkeiten der damaligen Passagierzüge, errechnete, wie weit er innerhalb von zwölf Stunden gekommen sein musste und nutzte Google Earth dazu, einen Radius um Kalkutta zu ziehen. Der Beginn einer Suche, die Jahre später in der indischen Stadt Khandwa endete. Pixel für Pixel arbeitete sich Brierley an dem damals revolutionären Google Earth ab und erkannte im Laufe der Zeit sogar die Orte wieder, an denen er als Kind gespielt hatte. Als er sich sicher war, seine Heimatstadt wirklich gefunden zu haben, flog er nach Indien und schloss nach 25 Jahren seine Mutter in die Arme. Heute steht Saroo Brierley immer noch in Kontakt mit seiner indischen Familie.

In seinem Buch „Der lange Weg nach Hause“ hat er diese Geschichte aufgeschrieben. Der jetzt anlaufende „Lion“ ist der Gewinner eines regelrechten Wettstreits um die Rechte für die Verfilmung. Die Zusammenarbeit war eng: Drehbuchautor Luke Davies begleitete das erste Zusammentreffen von Adoptivmutter Sue Brierley mit seiner leiblichen Mutter Fatima Munshi. Saroo Brierley war außerdem während der Dreharbeiten am Set dabei, ebenso wie seine Familienmitglieder. Zusätzlich unterstützte Google die Produktion. Mit Dev Patel als Saroo Brierley, Nicole Kidman als Brierleys Adoptivmutter und Rooney Mara als Brierleys Freundin wird die Suche aufgearbeitet.

WIRED hat mit Brierley (dem echten) über seine Geschichte geredet. Herauskam ein Gespräch über die schönsten Seiten des technologischen Fortschritts.

 

WIRED: Du warst 2005 schon seit Jahrzehnten von deiner indischen Familie getrennt – was gab für dich den Ausschlag, mit der Suche zu beginnen?
Saroo Brierley: Als Google Earth herauskam, war das schon eine riesige Veränderung. Plötzlich gab es eine Möglichkeit, Erfolg zu haben. Nichts anderes vorher war so präzise. Es gab Atlanten, klar. Aber Indien ist so groß und ein Atlas gibt dir einfach keine Vorstellung davon, wie es vor Ort wirklich aussieht. Nicht so wie bei Google Earth mit der Landschaft, den Bergen, den Bahnschienen. Das ist so viel detaillierter und lebensnaher.

WIRED: Wäre dein Leben ohne Google anders verlaufen?
Brierley: Ich hätte meine indische Familie auf keinen Fall wiedergesehen. Ich hätte natürlich nach Kalkutta fahren und von da aus suchen oder mir eine Liste mit allen Orten machen können, die so ähnlich wie meine Heimatstadt klingen. Aber das hätte Jahrzehnte gebraucht. Undenkbar. Selbst mit Google Earth hat meine Suche ewig gedauert.

WIRED: Wie lange ungefähr?
Brierley: Fünf bis sechs Jahre.

WIRED: Wow, wolltest du in der ganzen Zeit jemals aufgeben?
Brierley: Wenn jemand auf eine Reise geht, die so groß ist wie meine, gibt es immer Hochs und Tiefs. So war es schlussendlich auch. Ich habe mir so oft gedacht, dass ich verrückt bin und mich komplett kaputt mache. Es war, als würde ich die Nadel im Heuhaufen suchen, völlig aussichtslos. Aber wenn es darum geht, deine Familie wiederzufinden, dann kannst du einfach nicht kapitulieren. Die Verbindung zwischen Mutter und Sohn oder Schwester und Bruder ist stärker als alles andere. Der Wunsch, deine Familie noch einmal zu sehen, ist extrem prägend.

WIRED: Gott sei Dank gibt es Technologie...
Brierley:  Mir hat das Internet unglaublich viel Hoffnung gegeben. Ich hatte drei verschiedene Anwendungen zur Verfügung, die mich weitergebracht haben: Google Earth, Youtube und Facebook. Nachdem ich bei Google Earth die Stadt gefunden habe, habe ich sie bei Facebook gesucht. Es gibt da tatsächlich eine Gruppe namens „Khandwa is my hometown“ – ich habe gleich dem Admin der Seite geschrieben, der mir dann bestätigte, dass der Vorort, aus dem ich komme, Ganesh Talai, wirklich so heißt und dort auch liegt. Dann habe ich bei Youtube nach Khandwa gesucht – ich dachte, dass vielleicht jemand mit der Bahn vorbeigefahren ist und es gefilmt hat. Leute filmen und fotografieren so viel, aber man muss sich selbst auf die Suche danach machen. Und es gab so viele Videos davon! In einem mit besonders hoher Auflösung konnte ich die Plätze meiner Kindheit und sogar die Bahnstation wiedererkennen. Orte, die ich seit 25 Jahren nicht gesehen hatte.

WIRED: Das muss ein beeindruckendes Gefühl gewesen sein. Hast du mit deiner erfolgreichen Suche auch andere Leute dazu inspiriert, ihre eigenen Familien zu finden?
Brierley: Es gibt zum Beispiel ein Mädchen in China, das erst entführt und dann adoptiert wurde und ihre Familie über Google Earth gefunden hat. Es gab auch viele E-Mails von anderen Leuten überall auf der Welt, die dankbar sind, zu wissen, dass es die Möglichkeit gibt und sie Hoffnung haben können. Und die jetzt rausgehen und ihre Familien finden oder wenigstens damit abschließen können.

WIRED: Hast du abschließen können oder sogar eine neue Heimat gefunden?
Brierley: Meine Heimat ist Australien. Dort bin ich aufgewachsen, ich habe meine Familie und Freunde in Tasmanien, ich liebe die Kultur und das Essen. In Australien habe ich 29 Jahre meines Lebens verbracht, im Gegensatz zu den fünf Jahren in Indien, von denen ich eigentlich nur zwei Jahre bewusst mitbekommen habe.

WIRED: Umso beeindruckender, dass du dich an so viel erinnerst.
Brierley: Ja, das liegt daran, dass ich mir Visuelles extrem gut merken kann, fast wie ein fotografisches Gedächtnis. Als ich nach Australien kam, wollte ich meinen Eltern alles erzählen, was mir passiert war, konnte aber noch kein Englisch. Die Bilder hatte ich auch Jahre später noch im Kopf und so hörten sie dann eben jedes Detail. Außerdem bin ich die ganze Reise und alle Bilder meiner Kindheit unzählige Male in meinem Kopf durchgegangen. So etwas vergisst man nicht.

WIRED: Was ist deine liebste Erinnerung?
Brierley: Mit meiner Schwester zu spielen und Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Ich bin einfach ein Familienmensch und das ist das, was mich am meisten prägt.