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„Lügen im Netz" will, dass wir sie entlarven

Sofie Czilwik 27.06.2017 Lesezeit 6 Min

Lügen und verdrehte Tatsachen: Wieso sind Fake News im Internet so erfolgreich und wie gefährlich sind sie? In ihrem neuen Buch „Lügen im Netz“ geht die Journalistin Ingrid Brodnig dem Phänomen Fake News auf den Grund und sagt, was ihr tun könnt.

Kurz vor der Veröffentlichung von „Lügen im Netz“ stellte die für Fake News bekannte Plattform unzensuriert.at einen Artikel über das Buch online, in dem es dieses selbst als Fake News bezeichnete. Ein Buch über Fake News, das in einem Fake-News-Artikel besprochen wird und darin selbst als Fake News dargestellt wird. So könnte man das zusammenfassen.

Die Überschrift des unzensuriert-Beitrags lautet: „Profil verheddert sich im ‚Netz der Lüge‘ und geht ukrainischer Propaganda auf den Leim“. Der Artikel suggeriert, dass Profil, ein unabhängiges Medienmagazin seit 1970, für das Ingrid Brodnig schreibt, eine Fake-News-Plattform ist und außerdem unter dem Einfluss der Ukraine steht.

Der Artikel ist dabei nicht nur eindeutig tendenziös. Er vertritt auch Thesen, ohne sie zu belegen. Beispiel: Brodnig soll in ihrem Buch geschrieben haben, dass der Mensch im Netz lüge, hasse, drohe und verrohe. Das kommt so auf keiner Seite des Buches vor. Und die Behauptung, dass das Nachrichtenmagazin Profil für ukrainische Propaganda herhalte? Einziger Beleg dafür: Das Magazin führte mit dem ukrainischen Außenminister ein Interview.

Wichtigste Antwort auf Lügen: Fakten

Faktenchecks im Netz brauchen Geduld und Zeit. Beides etwas, was Internetnutzer nicht vorrangig mitbringen. Lohnt es sich überhaupt, Aussagen nachzuprüfen? Ingrid Brodnigs Antwort lautet: Ja. „Sie sind ein Teil der Lösung, um die öffentliche Debatte wieder etwas sachlicher zu machen“, schreibt die Online-Expertin und digitale Botschafterin Österreichs in der EU.

„Lügen im Netz“ ist nach dem viel beachteten „Hass im Netz“ (2016) ihr zweites Buch über die aktuellen Diskussionen um Gesprächskultur und Miteinander in der virtuellen Welt. „Lügen im Netz“ gibt einen umfassenden Einblick in das Phänomen Fake News. Ingrid Brodnig versieht alle ihre Thesen mit Fußnoten und belegt sie mit aktuellen Studien aus der Forschung. Damit macht sie vor, was aus ihrer Sicht die wirkungsvollste Strategie gegen Fake News ist: Fakten, Fakten, Fakten und diese auch belegen.

Das ist eine Sachlichkeit und Faktentreue, von der Plattformen wie unzensuriert.at abweichen. 2009 gegründet, verbreitet unzensuriert.at vor allem Inhalte, die Stimmung gegen Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika machen in Österreich – und steht nicht nur von der Gesinnung her der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) nahe, sondern überschneidet sich auch personell mit der Partei. Seit Ende März gibt es ein deutsches Pendant. Brodnig nennt es ein „rechtes Kampfmedium“.

In dem Kapitel „Populisten kreieren Parallelrealitäten“ beschreibt Brodnig, wieso solche Plattformen so erfolgreich sind. Rechte Politiker empfehlen offen diese „alternativen Medien“, um ihre eigene Weltsicht, bestehend aus Verschwörungstheorien, zu propagieren, in der sie stets die Opfer sind und gegen die vermeintlichen „Eliten“ ankämpfen müssen.

Das Erstarken populistischer Stimmen sei zwar kein Produkt des Internets, sagt Brodnig, werde durch dieses aber beschleunigt. Gerade in Wahlkampfzeiten kann das zum Problem werden. Die Wahlen in den USA, aber auch in Frankreich und Österreich, haben das deutlich gezeigt. Falschmeldungen, die gestreut wurden, um das eigene politische Lager zu bedienen, dominierten die öffentliche Debatte teils wochenlang.

Informationskrieg zwischen links und rechts

Brodnig spricht angelehnt an die US-amerikanische Kommunikationswissenschaftlerin Danah Boyd von einem „Informationskrieg“: Es kämpften hier rechts und links „um die Deutungshoheit im Netz und darum, wer das eigene Lager stärker und rascher mobilisieren kann. Es scheint, dass die Rechte online etwas erfolgreicher auftritt“.

„Etwas erfolgreicher“ ist dabei noch milde ausgedrückt. Rechte im Netz sind enorm aktiv und zwar über Landesgrenzen hinweg. Sie organisieren sich unter anderem über Diskussionsportale wie 8chan, auf denen vor Wahlen aggressiv Stimmung gegen einzelne Kandidaten gemacht wird.

Brodnigs Beispiel: Die Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Auf 8chan wurden Anleitungen verbreitet, die erklärten, wie Nutzer explizit im Netz die rechtsextreme Politikerin Le Pen unterstützen können. Gleichzeitig wurden gefälschte Dokumente hochgeladen, die einen angeblichen Steuerbetrug des liberalen Kandidaten (und jetzigen Präsidenten) Emmanuel Macron beweisen sollten, um ihn zu diskreditieren.

Rechte Debattenkultur im Netz

Die Autorin warnt davor, Fake News oder Desinformation im Netz als ungefährlich abzutun. Emotionalisierende Fake News beeinflussten nicht nur die Gedanken von Menschen, sondern könnten auch zu bestimmten Taten animieren. In der Wahlkabine, aber auch in Form von gewalttätigen Handlungen, wie der Pizza-Gate-Fall in den USA zeigt: 2016 wurde eine Falschmeldung auf 4chan und Reddit verbreitet, im Keller einer Pizzeria in Washington agiere ein Kinderpornoring, in den auch die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton verwickelt sei.

Dabei, so schildert die Autorin, werden extreme Einstellungen im Netz noch weiter verstärkt. Denn Nutzer suchten sich online Gleichgesinnte, mit denen sie ihre Ansichten untereinander austauschten, die zu dem gleichen Weltbild gehören. 

Gehirn begünstigt Lagerbildung

Wieso bleiben Menschen lieber in ihrer eigenen Bubble und warum haben Falschmeldungen eine so große Wirkung? Brodnig sieht die Ursache dafür im menschlichen Gehirn und führt Studien aus den 1970ern an, die einen „Illusory truth effect“ beschreiben. Demnach werden Aussagen einfach deshalb geglaubt, weil sie immer und immer wieder wiederholt werden. Das beschreibt auch Elisabeth Wehling, die vergangenes Jahr mit ihrem Buch „Politisches Framing“ bekannt geworden ist. Wehlings Gegenmaßnahme ist: Die alternativen Fakten richtig stellen und dabei genau auf die Formulierung achten. Die Fake News sollte nicht wiederholt werden und die richtige Nachricht im Vordergrund stehen.

Was ist aber mit Nutzern, die wissentlich eine Fake News teilen oder, wenn sie hinterher erfahren, dass es eine Falschnachricht war, es gar nicht schlimm finden, darauf reingefallen zu sein. Brodnigs Buch beginnt mit so einer Szene. Eine Frau kommentierte einen Beitrag auf Facebook, der behauptete Merkel hoffe auf 12 Millionen Einwanderer. Als Brodnig die Frau fragte, ob sie nicht sauer sei, dass sie durch Fake News reingelegt würde, antwortete diese: „Ich bin der Meinung, dass es passieren kann. Auch wenn es jetzt momentan nicht gestimmt hat, ist es doch eine Meldung, die passieren kann – wenn nicht heute oder morgen, dann vielleicht in einem halben Jahr.“ Der Frau ging es also gar nicht darum, etwas Richtiges darzustellen. Es genügte ihr schon, dass es aus ihrer Sicht so hätte passieren können.

Hier greift die biologische Erklärung nicht und Brodnig findet auf diese Entwicklung auch keine Antwort. „Was man fühlt, ist Realität“, sagen AfD-Vertreter in der Öffentlichkeit. Was tun, wenn Gefühle und nicht Fakten ausschlaggebend sind?

Gegenstrategien: Staatliche Regelungen und mehr Eigeninitiative

Ingrid Brodnig: Lügen im Netz

Brodnig fordert, dass der Gesetzgeber stärker im Internet reguliert und die digitalen Grundrechte der Nutzer schützt. Facebook zum Beispiel könnte auf Grund seiner gesellschaftlichen Relevanz dazu verpflichtet werden, seinen geheimen Algorithmus transparent zu machen. Es wäre durchaus möglich für Facebook, einen Algorithmus zu programmieren, der pluralistische Debatten im Internet begünstige, sagt Brodnig.

Zudem solle politische Werbung im Wahlkampf von den Parlamenten reguliert werden. Sogenannte „dark posts“, die nur bestimmten Nutzergruppen angezeigt werden und vom Trump-Lager im US-Wahlkampf eingesetzt worden sind, müssten beispielsweise eingeschränkt werden.

„Jeder kann etwas dazu beitragen, dass die Situation eine Spur besser wird und es Fälscher damit insgesamt etwas schwerer haben,“ schreibt Brodnig am Ende ihres Buches und nennt ein paar praktische Tipps, die allerdings eher was für Menschen sind, die sich weitestgehend offline bewegen: Immer das Impressum einer Homepage checken oder die Seite googlen, um zu überprüfen, ob sie auf einschlägigen Webseiten schon als Fake-News-Plattformen enttarnt wurden. Und gegen Fake News am besten mit Grafiken antworten, deren Aussagen leicht verständlich sind.

Für die Verantwortlichen der Plattform unzensuriert.at werden diese Tipps natürlich nicht hilfreich sein. In ihrem Artikel machen sie sich über Brodnigs Methoden sogar lustig. Trotzdem würde es ihnen nicht schaden, „Lügen im Netz“ zu lesen.