Irfan Peci inszenierte Drohvideos im Namen von Al-Qaida — doch dann ging er zum Verfassungsschutz

Sonja Peteranderl 13.07.2015 Lesezeit 11 Min

Erst Dschihadist, dann V-Mann. Im WIRED-Interview erzählt Irfan Peci, warum er PR für den heiligen Krieg von Al-Qaida machte und dann zum Überläufer wurde.

Als Chef des Online-Netzwerks Globale Islamische Medienfront (GIMF) verbreitete Irfan Peci deutschsprachige Terrorvideos und Propaganda für Al-Qaida. 2009 wurde er vom Verfassungsschutz als V-Mann angeworben. In seinem Buch „Der Dschihadist“ gibt der heute 26-Jährige Einblicke in die islamistische Szene in Deutschland und legt umstrittene Agenten-Einsätze offen. Im Interview mit WIRED Germany erzählt er von der Unterwanderung des islamistischen Milieus durch internationale Geheimdienste, seinen kontroversen Einsätzen als V-Mann und wie man Radikalisierung verhindert.

WIRED: Menschen vor laufender Kamera in einem Käfig ertrinken lassen. Anderen die Köpfe wegsprengen: Was halten Sie als ehemaliger Chef für deutsche Al-Qaida-PR von der Propaganda des Islamischen Staates (IS)?
Irfan Peci: Früher ging es auch noch ein bisschen darum, Sympathien zu gewinnen und ein gutes Bild von sich zu zeichnen. Heutzutage geht es beim IS eigentlich nur noch um Abschreckung und Brutalität. Damals gab es das auch, aber es gab eben noch andere Töne — man wollte auch um Verständnis werben, wie in der Rede von Bin Laden, „Nachricht an das Amerikanische Volk“, die an die amerikanische Bevölkerung gerichtet war. Man gab sich etwas moderater als heutzutage.

Und die Leute glauben, dass es wirklich so ist wie in den Videos.

Irfan Peci, ehemaliger Chef des Dschihadisten-Netzwerks GIMF

WIRED: Dennoch scheinen die Videos attraktiv für Jugendliche zu sein?
Peci: Es geht nicht nur um die Propaganda an sich. Es gibt ja eine Vorgeschichte: Dass man ein falsches Islamverständnis hat, dass man religiös wird und meint, der Kampf sei religiöse Pflicht. Abgesehen davon arbeiten die Videos mit vielen Anreizen: Sie zeichnen dieses unrealistische Bild, dass man dem Feind überlegen ist und dass man als Dschihadist mit Sklavinnen und mehreren Frauen lebt. Die Leute glauben, dass es wirklich so ist wie in den Videos.

Irfan Peci war früher Chef der Globalen Islamischen Medienfront und verbreitete Angst und Schrecken mit seinen Videos in Deutschland.

 

WIRED: Sie haben früher Propaganda wie Drohvideos gezielt Journalisten zugespielt, zum Beispiel ORF oder RTL. Welche Rolle spielen die Medien als Erfüllungsgehilfen des Terrors?
Peci: Medien lassen den Dschihadisten oft zu viel Aufmerksamkeit zukommen und machen gleich bei den kleinsten Sachen ein riesen Theater. Dann werden zum Beispiel — und das weiß ich, weil ich die Leute kenne — aus harmlosen Dummköpfen brandgefährliche Top-Terroristen gemacht. Man muss entscheiden: Was ist wichtig und was sollte man ignorieren? Denn woher wissen die Menschen von der ganzen IS-Propaganda? Die wenigsten haben die Seiten wirklich gesehen. Die meisten erfahren davon, weil extrem viel berichtet wird. Da muss man sich fragen, ob es nicht gerade das ist, was der IS will?

Man steigert sich immer mehr hinein und irgendwann ist einem Propaganda zu wenig.

Irfan Peci, ehemaliger Chef des Dschihadisten-Netzwerks GIMF

 

WIRED: Sie waren ganz vorne mit dabei: Mit 18 Jahren schon Chef der Globalen Islamischen Medienfront (GIMF), des deutschsprachigen Propagandaarms für Al-Qaida. Wie kam es dazu?
Peci: Ich habe mich erst für die Seite interessiert, habe mir alles angesehen und wurde zu einem der eifrigsten Mitarbeiter. Als der damalige Chef festgenommen wurde, habe ich das in die Hand genommen und geleitet. Es gab eine feste Kerngruppe, mit der ich eng zusammenarbeitet habe — vielleicht sechs oder sieben Leute — und dann gab es dutzende Unterstützer, die immer mal wieder mitgearbeitet haben.

WIRED: Manche Experten hielten die GIMF-Aktivisten für „Sessel-Dschihadisten“, andere schätzten die Seite als ernstzunehmende Radikalisierungsplattform ein. Wie bedrohlich war das Umfeld tatsächlich?
Peci: Anfangs war das Ziel reine Propaganda. Es ging um Übersetzungsarbeit, um die neuesten Videos, darum, das ganze Material auf den deutschsprachigen Raum zurechtzuschneiden. Später sind wir dazu übergegangen, eigene Drohvideos zu produzieren. Irgendwann wurde es ernster, wir haben den Leuten Ausreisen vermittelt, damals noch nach Afghanistan, nicht nach Syrien. Man steigert sich immer mehr hinein und irgendwann ist einem Propaganda zu wenig und man geht zu realen Taten über. Ich hatte auch einen Plan, aber ich wurde festgenommen — sonst wäre ich auch ausgereist.

WIRED: Undercover-Ermittler verschiedener Geheimdienste hatten die GIMF unterwandert, wie ein verdeckter Mitarbeiter der US-Sicherheitsfirma SITE, die auch für das FBI arbeitet. Er hat GIMF etwa einen Server in Malaysia und Softwarelizenzen zur Verfügung gestellt. Kann man sagen, dass Agenten die Terror-Propaganda mit aufgebaut haben?
Peci: Ja. Das war mir auch gar nicht bewusst damals und wurde alles mit der Zeit erst aufgedeckt. Man kann schon sagen, dass wir maßgeblich unterstützt wurden — ohne die Server hätte es kein Forum gegeben, ohne das Forum wäre die Propaganda sehr eingeschränkt gewesen.

WIRED: Im GIMF-Forum waren auch deutsche Ermittler aktiv. War es ein Schock, als sie gesehen haben, wie sehr das BKA die ganze Zeit involviert war?
Peci: Auf jeden Fall. Man vermutet ja immer, dass sie ermitteln und Bescheid wissen, aber solange man nichts sieht, hat man immer diese naive Hoffnung, dass sie nichts mitbekommen. Oder man denkt: Sie sind nicht schlauer als wir. Klar war es dann ein Schock, als ich auf einmal 20 Aktenordner bekommen habe, in denen alles detailliert beschrieben war.

Ich hab dann immer mehr Gefallen an dem Leben gefunden, das mir der Verfassungsschutz ermöglicht hat.

Irfan Peci, ehemaliger Chef des Dschihadisten-Netzwerks GIMF

WIRED: Sie waren überzeugter Dschihadist, wurden aber 2009 vom Verfassungsschutz als V-Mann angeworben. Warum haben Sie die Seiten gewechselt?
Peci: Das fing im Gefängnis an. Mir wurde Hafterleichterung angeboten für den Fall, dass ich mit den Behörden kooperiere. Und als ich schließlich in Freiheit war, wollten sie die Kooperation mit mir fortsetzen. Es war ein langer Prozess, bei dem ich Zweifel und Bedenken hatte, meine Brüder zu verraten. Ich hab dann immer mehr Gefallen am Leben gefunden, das mir der Verfassungsschutz ermöglicht hat: ein spannender Job und eine gute Bezahlung.

WIRED: Man bekommt das Gefühl, dass sich auf der GIMF-Plattform fast nur noch Ermittler nationaler und internationaler Behörden herumgetrieben haben. Wie sehen Sie als ehemaliger V-Mann die Problematik der Konkurrenz all dieser Undercover-Ermittler der verschiedenen Dienste?
Peci: Man bekommt zwar den Eindruck, dass überall nur Geheimdienste im Hintergrund stehen, die alles inszenieren. Aber so ist es nicht, das täuscht. Die Präsenz so vieler Dienste ist nur ein Beweis, dass die Behörden gut arbeiten und aufmerksam sind. Verdeckt zu ermitteln, zählt zu den legitimen Methoden, mit denen Geheimdienste arbeiten müssen, denn in gewissen Bereichen kommt man nicht anders an Informationen. Aber man muss klären, wo die Grenzen sind.

WIRED: In ihre Zeit als V-Mann fallen zwei Skandale: Es wurde vertuscht, dass Sie einen US-Soldaten brutal zusammengeschlagen haben, damit Sie nicht auffliegen. Und Sie haben in Rücksprache mit dem Verfassungsschutz Spenden — Steuergelder — an Al-Qaida-Vertreter übergeben. Ist das ihrer Meinung nach gerechtfertigt?
Peci: Es ist schwierig. Klar kann man es rechtfertigen, aber andererseits ist es wohl nicht ganz legal. Ich habe ja schon in meinem Buch kritisiert, dass ich die Steuergelder an Al-Qaida-Kontaktleute übergeben habe — da ist eine Grenze überschritten worden. Mittlerweile sind die Geheimdienste dabei, festzulegen, was V-Leute dürfen, was tragbar ist. Man kann nicht alles zulassen und V-Männern einen Freifahrtschein ausstellen, andererseits kann man nicht alles verbieten oder V-Männer ganz abschaffen. Man muss irgendeinen Mittelweg finden. Ich finde, dass die Öffentlichkeit Bescheid wissen muss, was der Verfassungsschutz macht, aber meine Geschichte ist trotz der beiden Skandale kein Argument, die ganze Behörde abzuschaffen. Wir haben Ausreisen verhindert, Angriffe verhindert, wichtige Informationen gesammelt, etwa über Terrorfinanzierung und es gab dann später lange Haftstrafen für einige radikale Salafisten.

WIRED: Inwieweit sind V-Männer überhaupt kontrollierbar? Sie sind ja auch heimlich in ein Terrorcamp in Bosnien gereist, wurden dort an der Kalaschnikow ausgebildet.
Peci: Es ist schwierig. Wobei ich klarstellen will: Es war bei mir nicht so, dass ich noch radikal war und etwas plante, es war eher ein Abenteuer für mich. Die Leute vom Verfassungsschutz testen V-Männer und prüfen am Anfang die Qualität der Informationen, aber sie konnten mich nicht 24 Stunden beobachten. V-Leute müssen Informationen sammeln und eben auch mit oft zwielichtigen Leuten zusammenarbeiten. Ich glaube, manche wissen selbst nicht so genau, wem gegenüber sie loyal sind oder ob sie das nur wegen dem Geld machen. Fehler passieren immer, aber da kann man nicht die ganze Behörde verantwortlichen machen.

Aber es gibt Fanatiker, die überzeugt, bewaffnet, und zu allem bereit sind.

Irfan Peci, ehemaliger Chef des Dschihadisten-Netzwerks GIMF

WIRED: Als V-Mann haben Sie die Szene ausspioniert, brisante Fotos auf einen USB-Stick kopiert, während der Computerbesitzer daneben saß oder bei Versammlungen Kontakte aufs Handys abgetippt. Wie gefährlich waren die Einsätze für Sie?
Peci: Nicht alle Islamisten sind brandgefährlich, manche sind auch Kinder, die nicht wissen, was sie machen. Aber es gibt Fanatiker, die überzeugt, bewaffnet, und zu allem bereit sind. Inzwischen ist meine Tätigkeit als V-Mann aufgeflogen und ich lebe ständig mit der Bedrohung — auch durch den IS. Es gibt anscheinend Pläne, mich umzubringen. Wenn man den IS kritisiert, ist man ein Abtrünniger und gilt als vogelfrei.

WIRED: Haben Sie heute noch Kontakt in die Szene?
Peci: Der Kontakt ist eigentlich komplett abgebrochen. Wenn ich aber Jugendliche treffe, die ich früher beeinflusst habe, versuche ich ihnen zu erklären, warum es falsch ist, was wir damals machten und geglaubt haben.

WIRED: Welche konkrete Bedrohung stellt Al-Qaida immer noch für Deutschland dar?
Peci: Es ist alles eskaliert. Die Szene ist gewachsen, der Kampf ist härter geworden. Früher gab es noch einen gewissen Respekt vor dem Staat. Wir haben zwar gedroht, aber wir hätten niemals einen deutschen Polizisten angegriffen — jetzt gab es die Salafisten-Demonstration mit dem Messerangriff auf Polizisten. Heute, auch durch den Einfluss des IS, ist alles brutaler geworden. Der Kampf von beiden Seiten wird rücksichtsloser geführt, auch bei den Behörden. Der einzige Grund, warum Deutschland nicht wirklich Opfer von Anschlägen geworden ist, ist, dass die Behörden sehr gut sind und alles im Griff haben, soweit man das im Griff haben kann. Wenn großangelegte Angriffe geplant werden, bekommen die Behörden das schnell mit und verhindern es — was zur Zeit gefährlicher wird, sind die Einzeltäter, die sehr isoliert leben. Bei denen spielt sich alles im Kopf ab, bis irgendwann alle Sicherungen durchbrennen. Die einzige Möglichkeit wäre, dass die ganze Bevölkerung überwacht wird, aber das geht ja nicht.

WIRED: Einzeltäter werden oft durch Onlinepropaganda radikalisiert. Wie sollte man dagegen angehen? Bringt es etwas, Material zu löschen, das in der nächsten Sekunde an anderer Stelle erneut verbreitet wird?
Peci: Auf jeden Fall bringt das etwas. Behörden machen das ja eher weniger. Es gibt nur ein paar private Organisationen, die etwa islamistische Twitter-Accounts aufspüren und den Betreibern wie Facebook, Twitter, YouTube Druck machen, dass diese Accounts gelöscht werden und solchen Leuten überhaupt keine Plattform geboten wird. Da muss dringend etwas passieren. Es ist eine Katastrophe, wenn monatelang IS-Mitglieder über offizielle Accounts Botschaften und Propaganda verbreiten. Es dauert viel zu lange, bis da etwas gemacht wird. Löschen ist auf jeden Fall sinnvoll — aber das kann nicht die einzige Methode sein.

Mehr dazu, wie Soziale Medien gegen die Propaganda von Dschihadisten kämpfen in der WIRED Story: Team Batman gegen den Islamischen Staat

Es gibt fast überall Gemeinschaften von Dschihadisten — selbst bei mir in der bayerischen Kleinstadt mit 40.000 Einwohnern.

Irfan Peci, ehemaliger Chef des Dschihadisten-Netzwerks GIMF

WIRED: Prävention?
Peci: Der eine Aspekt ist die Bekämpfung durch Behörden, das Löschen von Propaganda. Aber man muss gefährdeten Jugendlichen eine Alternative bieten. Man müsste auch eine Art Propaganda für die richtige Sache machen — mit Büchern, Videos und Artikeln, die zum Gegenteil aufrufen, die Propaganda der Dschihadisten aufdecken. Ich habe mir Seiten vom IS-angesehen und Seiten, die der Prävention dienen sollen. Da wundert es nicht, dass viele Jugendliche IS spannender finden. Der IS arbeitet mit Videos und anderen Formaten, die auf Action setzen — auf der anderen Seite sehen die Sachen total langweilig aus, Texte mit viel zu vielen Fremdwörtern, die Jugendliche gar nicht verstehen. Es ist nicht auf das Publikum zugeschnitten, während der IS mit ganz einfachen und klaren Botschaften vieles leichter vermittelt.

Ich werde auf jeden Fall etwas im Präventionsbereich machen. Der Staat macht zu wenig, die Leute, die sich in der Prävention und Beratung engagieren, sind total überfordert. Die Berliner Beratungsstelle Hayat macht zum Beispiel sehr gute Arbeit, aber es gibt nur zwei oder drei Beratungsstellen in ganz Deutschland. Auf der anderen Seite gibt es fast überall Gemeinschaften von Dschihadisten, die auch Propaganda betreiben — selbst bei mir in der bayerischen Kleinstadt mit 40.000 Einwohnern.