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Wie das World Food Programme mit Tech bis 2050 den Hunger besiegen will

Dirk Peitz 31.03.2017 Lesezeit 9 Min

Wird die Menschheit im Jahr 2050 genug zu essen haben? Ertharin Cousin, die ehemalige Chefin des Welternährungsprogramms, glaubt ja. Wenn wir neue Technologien einsetzen.

Dieses Interview erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe des WIRED Magazins im März 2017. Wenn ihr die Ersten sein wollt, die einen WIRED-Artikel lesen, bevor er online geht: Hier könnt ihr das WIRED Magazin testen.

Update 24. April 2017: Als wir mit Cousin sprachen, war sie noch einige Wochen im Amt. Mittlerweile ist David Beasley neuer WFP-Chef. Er ist gemäß der üblichen Vorgehensweise bei der Besetzung des Postens von der amerikanischen UN-Botschafterin vorgeschlagen und dann vom UN-Generalsekretär ernannt worden. Die USA haben eine Art Gewohnheitsrecht, unter anderem, weil sie traditionell der größte Spender sind. Der Republikaner Beasly war in den 90ern Gouverneur von South Carolina.

Bevor Ertharin Cousin 2012 die Leitung des Welternährungsprogramms übernommen hatte, hatte sie schon 15 Jahre im Bereich Hunger­bekämpfung gearbeitet.

Ein Februarsonntag in München. Ertharin Cousin, Chefin des Welternährungsprogramms (WFP) der Vereinten Nationen, besucht noch mal die Räume des WFP-Accelerators, dessen Gründung 2016 sie vorangetrieben hat. Von hier aus sollen Tech-Lösungen gefördert werden, die den Hunger auf der Welt bekämpfen. Cousin, die 2012 für den UN-Posten von der Obama-Administration vorgeschlagen wurde, gibt ihr Amt im April auf. Zum Zeitpunkt des Interviews steht ihr Nachfolger noch nicht fest, erst im März nominiert die neue US-Regierung den republikanischen Ex-Gouverneur David Beasley. Doch da ist nicht mal klar, inwieweit die USA das Welternährungsprogramm weiter fördern werden – Zahlungen ans WFP sind freiwillig.

WIRED: Ms. Cousin, wie ist derzeit die Nahrungssituation der Welt?
Ertharin Cousin: Es gibt aktuell 795 Millionen Menschen, die nicht ausreichend zu essen haben. Vier Staaten befinden sich am Rande einer Hungersnot, bei dreien hat das unmittelbar mit bewaffneten Konflikten zu tun: Nigeria, Süd-Sudan und Jemen. In Somalia, dem vierten betroffenen Land, liegen die Gründe dafür einerseits in kriegerischen Auseinandersetzungen, andererseits aber auch an Folgen des Klimawandels. Vor 20 Jahren wurden 80 Prozent der Hungerkrisen durch Naturkatastrophen ausgelöst, durch Phasen extremer Trockenheit etwa, nur 20 Prozent hatten menschgemachte Hintergründe. Dies Zahlenverhältnis hat sich umgekehrt: 80 Prozent der Ernährungsunsicherheit auf der Welt ist heute direkt auf bewaffnete Konflikte zurückzuführen.

WIRED: Wie genau hängen Hunger und Krieg zusammen?
Cousin: Einerseits produziert ein bewaffneter Konflikt immer Nahrungsknappheit, andererseits löst eine Hungerkrise in jedem betroffenen Gebiet Spannungen innerhalb der Bevölkerung aus. Das eine führt potenziell zum anderen oder verschärft es. Frieden lässt sich nicht herstellen oder verteidigen, wenn Hunger herrscht. Und derzeit haben wir 
es auf der Welt mit einer Vielzahl von innerstaatlichen Konflikten zu tun, die gleichzeitig eine nahezu beispiellose Anzahl von Menschen betreffen.

Unsere Verbindungen zu Internetfirmen wie Facebook helfen uns dabei, Informationen über die Lage vor Ort zu bekommen

Ertharin Cousin

WIRED: In Europa nehmen wir vor allem die Menschen wahr, die vor Konflikten zu uns geflüchtet sind. Wie aber ist die Ernährungssituation in deren Herkunftsländern?
Cousin: Die Zahl von 65 bis 68 Millionen Flüchtlingen, von denen wir derzeit weltweit sprechen, umfasst auch Binnenvertriebene. Studien besagen, dass bei Konflikten bis zu 90 Prozent der Menschen ihr Heimatland nicht verlassen, sondern dort in anderen Regionen Schutz suchen. Es ist richtig, wir nehmen eher die Minderheit derer wahr, die aus den Ländern fliehen, doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Ein Beispiel: In Syrien versorgen wir derzeit vier Millionen Menschen mit Ernährungshilfe, außerhalb des Landes sind es nur 1,7 Millionen, und die Versorgungs­lage der vier Millionen innerhalb Syriens ist weitaus gefährdeter. Wir kommen nur schwer an Menschen heran, wenn sie sich in umkämpften oder besetzten Gebieten aufhalten. Das gilt nicht nur für Syrien, ähnliche Probleme haben wir auch im Nordosten Nigerias und im Süden Sudans, wo humanitäre Helfer oft keinen Zugang haben. Die Menschen dort hungern.

WIRED: Können neue Technologien in einer solchen Situation Abhilfe schaffen?
Cousin: Das können sie. Zunächst mal besitzen wir dank des Einsatzes von zivilen Aufklärungsdrohnen heute mehr Daten als je zuvor über Gebiete, zu denen wir keinen direkten Zugang auf dem Boden haben. Wir benutzen ebenso Satelliten und Google Earth, auch unsere Verbindungen zu Internetfirmen wie Facebook helfen uns dabei, Informationen über die Lage vor Ort zu bekommen. Und wenn wir es schaffen, Lieferungen in diese Regionen zu bringen, können wir über diese Kanäle sicherstellen, dass die Hilfen auch wirklich bei den Betroffenen eintreffen. 

WIRED: Drohnen sind eine zweischneidige Sache, im Jemen fliegen die USA mit der militärischen Sorte Angriffe. Welche Funktion können zivile Drohnen über die Beobachtung hinaus haben bei humanitären Einsätzen?
Cousin: Mit manchen zivilen Drohnen kann man heute schon leichte Dinge transportieren. Aber eben keine schweren, zu denen Nahrungsmittel gehören. Das Rote Kreuz hat mit Drohnen bereits erfolgreich Blutkonserven in unzugängliche Regionen geliefert, doch die Hilfsgüter, die wir transportieren, wiegen oft Tonnen. Trotzdem beobachten wir die technologische Entwicklung in dem Bereich sehr genau.

In Orten wie Aleppo, in die man nicht mit gutem Gewissen eine Lastwagenbesatzung hineinschicken kann, wären selbstfahrende LKWs eine echte Alternative

Ertharin Cousin

WIRED: Bei welcher Art von Einsätzen?
Cousin: In Orten wie Aleppo, in die man nicht mit gutem Gewissen eine Lastwagenbesatzung hineinschicken kann, wären Drohnen eine echte Alternative. Eine weitere wären selbstfahrende LKWs. Ich habe bereits mit allen Herstellern Gespräche geführt, doch die Aussage ist meist: Autonome LKWs lassen sich bisher nur auf ebenen Fahrbahnen sicher bewegen. Die Orte, in die wir hineinmüssen, besitzen in der Regel aber keine intakten Straßensys­teme. Wir sind jedoch weiter im Kontakt mit den Herstellern, um zu verstehen, ob und wie wir potenzielle neue autonome Modelle für humanitäre Zwecke umrüsten können.

WIRED: Gibt es weitere Technologien, deren Verwendung das WFP forciert?
Cousin: Wir testen die Blockchain-Technologie für bargeldlose Transaktionen an Hilfsempfänger per Mobiltelefon. Denn wir arbeiten auch an Orten, an denen Nahrungsmittel durchaus vorhanden sind, Menschen aber das Geld fehlt, welche zu kaufen. Darüber hinaus hoffen wir, über die Blockchain die Menschen besser zu identifizieren, denen wir helfen. Und zwar auf effizientere Weise, als wir das bislang tun, wenn wir vor Ort Bargeld verteilen.

Keine Träumerin: Ertharin Cousin nennt sich selbst eine „Zweckoptimistin“. Bevor sie 2012 die Leitung des Welternährungsprogramms übernahm, hatte sie schon 15 Jahre im Bereich Hunger­bekämpfung gearbeitet. Nun gibt sie das UN-Amt ab. 

WIRED: Welche Langfriststrategien verbinden Sie mit Biotech-Innovationen?
Cousin: Wir arbeiten unter anderem an der Fortentwicklung des Hydrokulturanbaus in der Landwirtschaft. Außerdem unterstützen wir die Forschung an Saatgut, das widerstandsfähig genug ist, um in Dürregebieten benutzt zu werden. So könnten Hungersnöte vermieden werden. Zukunftstechnologien spielen in unseren Planungen also nicht nur eine Rolle, wenn wir in Krisengebieten kurzfristig tätig werden. Sondern auch in der langfristigen Verbesserung der Ernährungssicherheit an Orten, die in klimatisch schwierigen Weltregionen liegen. 80 Prozent der Menschen, denen wir helfen, leben in solchen Gebieten. Unsere Unterstützung zielt darauf ab, dass dort selbst während Dürreperioden ausreichend große Ernten möglich werden.

WIRED: Nun fürchten nicht nur in Deutschland Leute, die genetische Veränderung von Saatgut berge Gesundheitsrisiken. Müssen wir, um das Ziel zu erreichen, die Menschheit zu ernähren, diese Ängste ablegen?
Cousin: Es gibt nun schon seit einer Weile genetisch verändertes Saatgut, es ist weitreichend erforscht, und die Befürchtungen ihm gegenüber haben sich bislang als grundlos herausgestellt. Doch wir tragen auch eine Verantwortung dafür, dass jede Form von neuer Technologie absolut sicher ist. Ich würde niemals einen Vorschlag mittragen, an hungernden Menschen Experimente durchzuführen. Wir als WFP respektieren natürlich die Bestimmungen und Gesetze der Geber- wie Empfängerländer in Bezug auf gentechnisch veränderte Nahrungsmittel. Regierungen entscheiden selbst, ob sie die Einfuhr oder den Anbau solcher Nahrungsmittel akzeptieren. Wenn jedoch sowohl die Sicherheit der Menschen als auch der Landwirtschaft an sich gewährleistet ist und man durch das Anpflanzen neuen Saatguts mehr Menschen Zugang zu gesunder Nahrung ermöglichen kann – dann, glaube ich, müssen wir Ängste beiseite schieben. Wir sollten uns in unseren Entscheidungen von wissenschaftlichen Erkenntnissen leiten lassen, und die sprechen für den Einsatz solchen Saatguts.

WIRED: Auch weil die Zahl der Menschen auf der Erde weiter anwachsen wird? Was sind in der Hinsicht die größten Herausforderungen der Zukunft?
Cousin: Im Jahr 2050 werden 9,6 Milliarden Menschen auf der Erde leben, bis dahin muss die globale Agrarproduktion verdoppelt werden. Also kann man die Möglichkeiten zur Fortentwicklung der Landwirtschaft in Afrika, Südamerika und Südostasien gar nicht ignorieren. Afrika etwa verfügt über die größten unbewirtschafteten Flächen des Planeten, Investitionen in die dortige Agrarwirtschaft und in die nötige Infrastruktur um sie herum könnten dafür sorgen, dass dieser Kontinent sich in Zukunft nicht nur selbst versorgen könnte, sondern gar einen Überschuss produzieren. Heute wiederum lebt die Mehrheit der 795 Millionen Menschen, die hungern, nicht in Afrika, sondern in Südostasien, Indien und China. Teil des Problems in dieser Region ist, dass die Ärmeren dort vielfach keinen Zugang zu gesundem, ausgewogenem Essen haben. Was es nun braucht, ist die Bereitschaft der Weltgemeinschaft, über viele Jahre hinweg gemeinsam an der Fortentwicklung der Nahrungsmittelkette insbesondere in von Hunger betroffenen Gebieten zu arbeiten. Es geht dort nicht nur darum, die Produktivität der Landwirtschaft zu steigern, sondern auch die Logistik der Nahrungsverteilung zu verbessern und regionale Agrarmärkte zum Florieren zu bringen. Tun wir das nicht, werden wir immer nur weiter versuchen, Menschen vorm Verhungern zu bewahren. Das ist kein Fortschritt, und schon gar nicht einer, den es in Richtung des Jahres 2050 braucht.

Was Technologie nicht kann, ist Frieden auf der Erde zu schaffen. Das müssen schon wir Menschen machen

Ertharin Cousin

WIRED: Wie wird die Erde dann aussehen?
Cousin: Angesichts der Tatsache, dass die technologische Entwicklung sich exponentiell beschleunigt, angesichts auch der möglichen neuen Arten von Nahrungsmitteln und Anbaumethoden, die entstehen könnten, werden wir auf einem Planeten leben, dessen Bewohner alle ausreichend ernährt sein werden. Neue Technologien können uns also bei der Bewältigung aller Herausforderungen helfen. Was Technologie aber nicht kann, ist Frieden auf der Erde zu schaffen. Das müssen schon wir Menschen machen. Dafür gilt es die Ungleichheit zu bekämpfen, die heute noch in vieler Hinsicht auf der Erde herrscht.

WIRED: Ansonsten gäbe es ja noch andere Planeten. Elon Musk zum Beispiel schlägt vor, wir sollten das ganze Sonnensystem kolonisieren. Schon für den Fall, dass die Erde uns Menschen nicht überstehen sollte.
Cousin: Ich bin zuversichtlich, dass die Kolonisierung des Sonnensystems nicht nötig sein wird. Abgesehen davon, dass bis 2050 nicht die Technologie zur Verfügung stehen wird, die Weltbevölkerung oder auch nur einen größeren Teil von ihr umzusiedeln auf andere Planeten. Diese Lösung wäre nur eine für diejenigen, die sie sich leisten könnten. Die Schwachen würden zurückgelassen. Womit wir wieder bei Ungleichheit wären, in dem Fall ökonomischer und technologischer Ungleichheit. Wollen wir wirklich den Weg weiter beschreiten, auf dem es für Menschen unterschiedlicher Herkunft unterschiedlich gute Zugänge zu Nahrung, Bildung, letztlich Lebenschancen gibt? Und wollen wir diese Ungerechtigkeit auch noch exportieren, dann sogar von unserem Planeten ins ganze Sonnensystem? Dagegen würde ich ankämpfen. Wenn wir uns aber dazu entscheiden, eine gerechtere, fairere Welt schaffen zu wollen, bedeutet das in der Konsequenz: Wir werden in stabileren Gesellschaften mit einer größeren Aussicht auf Frieden leben. Und damit wäre auch die Notwendigkeit nicht mehr so groß, dass ausgewählte Menschen eine Rakete besteigen.

WIRED: Elon Musk soll schön hierbleiben?
Cousin: Ich fände es jedenfalls begrüßenswert, wenn es keinen Grund dafür gäbe, von der Erde abhauen zu wollen.