„Halo 5: Guardians“ schickt euch als Supersoldat in die E-Sport-Zukunft

Benedikt Plass-Fleßenkämper 26.10.2015 Lesezeit 6 Min

Der Master Chief ist seit 2002 das Aushängeschild der Xbox-Konsolen — und Hersteller Microsoft braucht ihn in diesen Tagen mehr denn je: Die Xbox One schwächelt und liegt bei den Verkaufszahlen weit hinter der Playstation 4. „Halo 5: Guardians“ soll nun die Massen begeistern, vor allem im Online-Modus. WIRED hat den Ego-Shooter getestet und erklärt, warum er sich vor allem als E-Sport etablieren könnte.

Wie sieht die Zukunft der Kriegsführung aus? In der Science-Fiction-Welt des „Halo“-Universums dominieren nicht etwa unbemannte Drohnen das Schlachtfeld, sondern genmanipulierte Supersoldaten, die die Zukunft der Menschheit sichern sollen: Der Master Chief alias John-117 entsprang dem im Jahr 2517 gegründeten SPARTAN-II-Programm und musste schon als Kind brutales Training und kybernetische Veränderungen über sich ergehen lassen. Der MJOLNIR-Kampfanzug gibt ihm seine Kraft. Das grüne Exoskelett verstärkt sämtliche Bewegungen, lässt ihn höher springen und härter zuschlagen.

Doch die Vision des zukünftigen Supersoldaten ist plötzlich gar nicht mehr so weit entfernt. Was im Xbox-One-exklusiven Ego-Shooter „Halo 5: Guardians“ noch Fiktion ist, bahnt sich in der Realität bereits an: Panasonic und Activelink erleichtern ihren Lagerarbeitern mit Exoskeletten das Tragen schwerer Lasten, das US-Militär forscht seit Längerem an einem Hightech-Anzug für den Kampfeinsatz.

Neueinsteiger werden mit Fakten und Informationen überrollt.

In „Halo 5: Guardians“ treffen solche Supersoldaten aufeinander. Nachdem der Master Chief Befehle der United Nations Space Command (UNSC) verweigert hat, gilt er als Deserteur und wird von Jameson Locke und dessen Team Osiris gejagt. Der Master Chief und sein blaues Team sind ihrerseits auf der Suche nach der künstlichen Intelligenz Cortana (dem Vorbild für die gleichnamige Sprachassistentin aus Microsofts Betriebssystem Windows). Die durch das Hologramm einer jungen Frau dargestellte KI war jahrelang ein treuer Begleiter des Chiefs, entwickelte aber mit der Zeit einen eigenen Willen und wurde dadurch zu einer potenziellen Gefahr.

„Halo 5: Guardians“ zeigt nun, was mit Cortana und dem Master Chief passiert und welche Rolle die ewigen Wächter — uralte Kriegsmaschinen — dabei spielen. Das Problem: Das Spiel verpasst es, die Vorgeschichte der „Halo“-Reihe ausreichend gut zu beleuchten. Wer mit „Halo 5: Guardians“ einsteigt, wird förmlich mit Fakten und Informationen überrollt. Wir empfehlen Neulingen deshalb, mit der „Master Chief Collection“ für Xbox One in den „Halo“-Kosmos einzusteigen. Darin sind alle vier bisherigen Teile der Serie in einer überarbeiteten Fassung enthalten.

Und wie ist „Halo 5: Guardians“ nun? Zuerst einmal ist es eine konsequente Fortsetzung der bisherigen Serienteile und erweitert den Zukunftsshooter um einen Vierspieler-Online-Modus und zahlreiche Gadgets. In der 15 Kapitel umfassenden Story-Kampagne kontrollieren wir sowohl Jameson Locke als auch den Master Chief. An unserer Seite sind stets die Mitglieder des Feuerteams Osiris oder des blauen Teams. Wahlweise übernehmen entweder Freunde oder andere Spieler die Rolle der Kollegen. Im Offline-Modus springt dagegen die KI ein und lässt sich mithilfe einfacher Befehle wie „Gegner angreifen“, „Sammelt diese Waffe auf“ oder „Bewegt euch zu dieser Position“ befehligen.

Diese Kommandos sind aber nur optional — hat man keine Lust darauf, den Anführer zu spielen, lässt man die KI autark agieren, was sie größtenteils auch gut macht. Geht die eigene Spielfigur im Kugelhagel der Alien-Angreifer zu Boden, hilft einem dann etwa ein Kamerad wieder auf die Beine. Unsterblich ist der Spieler dadurch gerade auf den höheren der vier Schwierigkeitsgrade zwar nicht, dem Spielfluss tut das neue System aber gut.

Kein Innovationswunder in Sachen Spielmechanik

Die Entwickler von 343 Industries rüsten die Spielmechanik durch zusätzliche Fertigkeiten auf: Mit Schubdüsen springen die Krieger zur Seite weg, bei Luftattacken entsenden sie mit dem sogenannten Ground Pound Schockwellen und erledigen so Feinde im Umkreis.

In Sachen Spielmechanik ist „Halo 5: Guardians“ dennoch kein Innovationswunder. Die knapp achtstündige Kampagne spielt sich zwar dank intuitiver Steuerung und erstklassigem Gunplay sehr gut und bietet einige frische Elemente, die es in den Vorgängertiteln nicht gab. Zum Beispiel versteckte Datenpads, die dem Spieler Hintergrundinfos liefern, oder Abschnitte wie auf dem Kolonieplaneten Meridian, wo man frei herumlaufen und sich mit Überlebenden unterhalten kann. Letztendlich ist „Halo 5: Guardians“ aber „Halo“, wie man es kennt und liebt. Oder eben auch nicht: Ein Schusswechsel gegen allerlei Alien-Widersacher jagt den nächsten, gelegentlich sind Fahrzeugpassagen eingestreut.

Dafür ist das neue „Halo“ eines der schönsten Spiele für die Xbox One. Vor allem die Außenareale sind äußerst detailliert dargestellt und beeindrucken immer wieder mit imposanten Aussichten, die Feuergefechte laufen stets schön flüssig. Die rasanten Zwischensequenzen erinnern an Hollywood-Actionfilme und treiben den Plot stimmig voran. Ein besonderes Lob verdient das Spiel darüber hinaus für seine gelungene deutsche Übersetzung: Die Dialoge sind absolut lippensynchron und äußerst professionell umgesetzt.

Eines der schönsten Spiele für die Xbox One

Der eigentliche Kern von „Halo 5: Guardians“ ist aber ohnehin der umfangreiche Online-Modus, wie Executive Producer Josh Holmes im Interview erklärt: „Wir haben das gesamte Spiel von Grund auf neu aufgebaut und speziell auf E-Sport ausgerichtet“, sagt der Entwickler. „Aber auch weniger erfahrene Spieler werden Spaß daran haben.“

Der Shooter bietet eine Fülle von Multiplayer-Varianten, darunter Klassiker wie „Jeder gegen Jeden“-Deathmatches oder die Flaggeneroberung. Die Online-Modi splitten sich in zwei grundlegende Bereiche: In „Arena“ geht es in Vier-gegen-Vier-Duellen auf vergleichsweise kleinen Karten zur Sache. Hier steht der direkte Wettbewerb mit anderen Spielern im Mittelpunkt. Entsprechend sind schnelle Reaktionen und kontrollierte Fähigkeiten an den Analog-Sticks des Xbox-Controllers gefragt. Gerade die neuen Schubdüsen erlauben vielfältigere Attacken und Ausweichmanöver.

„Kriegsgebiet“ dagegen lässt dem Spieler mehr Freiheiten: Auf großen Arealen kämpfen zwei Zwölfer-Teams um die Vorherrschaft. Dabei gilt es nicht nur, drei Flaggenpunkte auf der Karte zu erobern, es tauchen auch Alien-Feinde der Allianz auf. Josh Holmes erklärt den Spielmodus so: „Unser Punktesystem ist hier vollkommen anders. Plötzlich müssen die Spieler entscheiden: Greife ich die Computergegner an oder konzentriere ich mich auf die gegnerische Basis?“ Dadurch werden die Schlachten vielschichtiger und chaotischer als in den vorherigen „Halo“-Teilen.

Erst im Online-Modus in Höchstform

Schön für Vielzocker: „Halo 5: Guardians“ belohnt Erfolge mit seinem Erfahrungssystem. Nach jeder Runde liefert das Spiel eine umfangreiche Statistik. Nicht nur Abschüsse zählen, sondern auch Ablenkungsmanöver und die Unterstützung des Teams. Motivierendes Kernelement im Multiplayer sind außerdem die sogenannten Requirierungen — kurz REQs. Spieler kaufen diese Kartenpacks mit den in „Arena“ und „Kriegsgebiet“ erspielten Punkten. Die Pakete enthalten Waffen, Rüstungsgegenstände und Bauteile zur Individualisierung des eigenen Charakters, darunter Farbmuster für Gewehre oder komplette Skins.

Im laufenden Spiel können die REQ-Karten dann entweder an Terminals oder zwischen den Respawns eingesetzt werden. So ruft man sich zum Beispiel kurzerhand einen Mantis-Kampfroboter oder einen Warthog zur Unterstützung. Aber auch ohne Fahrzeuge sind die Supersoldaten gut gerüstet. So gibt es Booster, die alles aus dem MJOLNIR-Kampfanzug herausholen. Scharfschützen können sich tarnen und nahezu unsichtbar werden. Offensiver eingestellte Hitzköpfe verstärken dagegen ihren Energieschild oder erhöhen den Waffenschaden.

Das WIRED-Fazit: Im Einzelspieler-Modus ist „Halo 5: Guardians“ sehr gute, klassische Shooter-Unterhaltung. Doch erst im Online-Part läuft es zur Höchstform auf und dürfte die Spieler für Monate motivieren.

„Halo 5: Guardians“ ist ab dem 27. Oktober 2015 exklusiv für Xbox One erhältlich und kostet in der Standard-Edition etwa 70 Euro.