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Eine Woche #BuyTwitter-Experiment: Johnny Haeusler zieht Bilanz

Johnny Haeusler 17.10.2016

Vor einer Woche klinkte sich unser Kolumnist in die Diskussion um einen möglichen Kauf von Twitter durch die Nutzerinnen und Nutzer ein. Nun stellt er fest: Vieles von dem, was er in diesem Prozess gelernt hat, lässt sich auf unser gesamtes gesellschaftliches und politisches System anwenden.

Es war eine spannende Woche. Als ich am vergangenen Montag an dieser Stelle auf den Guardian-Artikel von Nathan Schneider einging, der vorschlug, den angeschlagenen und für Unternehmen als Käufer offenbar nicht sonderlich interessanten Dienst Twitter von der Gemeinschaft kaufen zu lassen, ahnte ich nicht, wie sehr mich das Thema noch beschäftigen sollte.

Nachdem ich ein Google Doc für gemeinsame Überlegungen zur genossenschaftlichen Twitter-Übernahme eröffnet hatte, beteiligten sich einige Dutzend Menschen daran. Parallel und vorher, so erfuhr ich von Nathan Schneider, wurde jedoch relativ international via Loomio und Slack schon an detaillierten Geschäftsmodellen und Kommunikationsstrategien gearbeitet. Und schon steckte ich mittendrin in diesem Projekt, das im Lauf dieser Woche mit einer Petition startet, die sich an Twitter-Nutzer*innen, die Gründer und auch die Aktionäre wenden wird. Außerdem werden wir das Thema mit einigen der Beteiligten und dem Publikum auf der re:publica in Dublin diskutieren.

High-Speed Entscheidungsfindung
Es waren eine spannende Tage, weil ich miterleben durfte, welche Geschwindigkeit, welches Momentum erreicht werden kann, wenn viele Dutzend Menschen mit unterschiedlichen Expertisen auf ein gemeinschaftliches Ziel hinarbeiten.

In „unserem“ Google Doc waren wir in erster Linie mit Fragen beschäftigt wie: Sollte die Twitter-API wieder geöffnet werden? (Ja!) Wollen wir mehr als 140 Zeichen? (Nein!) Wäre es nicht sinnvoller, Twitter nachzubauen, statt es zu kaufen? (Nein, denn es geht nicht um die Technik, sondern um die vorhandene User Base.) Sind Hashtags noch relevant? (Ja!) Welches Geschäftsmodell gefällt uns am besten? (Freemium, wahrscheinlich.)

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Es stellte sich heraus, dass ein Google Doc nur sehr beschränkt zur gemeinsamen Diskussion taugt. Da waren die Kolleginnen und Kollegen auf Loomio schon etwas weiter. Loomio funktioniert wie eine Mischung aus Forum und Blog und fügt Abstimmungen hinzu: Zu jedem einzelnen zu debattierenden Thema wird ein Thread eröffnet, den alle Interessierten kommentieren können. Ist die Diskussion abgeschlossen, wird ein Proposal formuliert, ein Vorschlag, über den alle in einem bestimmten Zeitraum abstimmen können. Danach ist die Sache beschlossen.

Details werden parallel oder danach via Slack besprochen. Die Fülle an Themen (geschäftliche Abläufe, Text der Petition, Übersetzungen, Management der Website, Pressespiegel, Kommunikation) lässt es nicht zu, dass sich Einzelne um alles kümmern, weshalb ich mich selbst in erster Linie bei Formulierungen und Kommunikationsthemen eingebracht habe und das – mit vielen anderen – auch weiterhin tue. Wenn jeder ein bisschen was tut, gelingt schließlich auch das Gesamte.

Jeder ein bisschen für das Gesamte
Dieses Gesamte dennoch im Auge zu behalten, ist gar nicht so leicht. Schließlich kennt man niemanden der anderen Beteiligten (lernt die aktivsten aber schnell kennen), die auch nicht alle gleich ticken. Da sind die eher hippieesk ausgerichteten Aktivist*innen, die neben Twitter gleich die ganze Online-Welt retten und revolutionieren wollen. Andere kommen aus der Finanzwelt und gehen die Sache äußerst pragmatisch an. Andere interessieren sich eher für Twitter als Kulturgut. Und wieder Andere arbeiten an vielen Stellen ehrenamtlich an ähnlichen Überlegungen und bringen ihre Erfahrung aus diesen anderen Projekten mit in die Gruppe.

Auch wenn sich nicht immer alle einig sind: Das gemeinsame Ziel und die nötige Geschwindigkeit verbieten Eitelkeiten und Kompetenzstreitigkeiten. Ein so basisdemokratischer Prozess, wie ich ihn in den letzten Tagen erleben konnte, ist eine intellektuelle Leistung, die den Willen und die Fähigkeit zur rein inhaltlichen Auseinandersetzung braucht. Wer sich darauf nicht einlassen kann oder will, wird es schwer haben, am Prozess teilzuhaben.

Demokratie wie im echten Leben
Das ist eine Erkenntnis, die man ganz genauso so auch für unsere bestehende Demokratie gelten lassen kann. Wer es, aus welchen Gründen auch immer, nicht schafft, sich mit den vielen Themen, Meinungen und Texten auseinanderzusetzen und sich auf ähnlichem Niveau einzubringen – der oder die ist raus. Und sucht sich dann vielleicht notgedrungen eine andere Meinungsheimat, die ihm oder ihr Beteiligung auf anderen Ebenen leichter macht.

Demokratien weltweit müssen deswegen einerseits ausreichend Bildung für alle garantieren, um die Beteiligung an den Prozessen möglich zu machen, andererseits aber trotzdem und zusätzlich auch über niedrigschwellige Partizipationsmöglichkeiten nachdenken. Keine Demokratie kann es sich leisten, Menschen aus diesen Prozessen auszuschließen – was einfacher gesagt als zu verhindern ist. Wenn Menschen die Teilnahme an diesen Prozessen aktiv verweigern, hilft auch die noch so einfache Möglichkeit der Beteiligung nicht mehr.

Jetzt geht’s los
Es war eine spannende Woche, denn ich habe eine Menge über kollaboratives Arbeiten gelernt, und ich bin inzwischen sicherer als zuvor, dass der Plan, die Idee, der Vorschlag, dass die User Twitter kaufen, nicht so unmöglich umzusetzen ist, wie es scheinen mag. Ich bin sicher, dass im Verlauf der nächsten Wochen noch reichlich Fahrt in die Sache kommen kann.

Und auch wenn Twitter nicht von den Nutzerinnen und Nutzern übernommen werden sollte, bin ich sicher, dass allein der Versuch die Debatte um die Besitzstrukturen von Plattformen, die die Kommunikation von Millionen von Menschen beeinflussen, neu anfachen wird. Allein damit wäre viel erreicht.

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