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„Der Tod ist nicht grausam, nur schrecklich gut in seinem Job“ — ein Nachruf auf Terry Pratchett

Michael Förtsch 13.03.2015

Die Welt ist nun etwas weniger magisch, das Jenseits aber wohl umso spaßiger: Am 12. März 2015 ist Terry Pratchett im Alter von 66 Jahren gestorben. Der britische Autor hat mit der „Scheibenwelt“ ein faszinierend absurdes Universum erschaffen und gleichzeitig für Wissenschaft und Aufklärung gekämpft. Vor allem aber führte Pratchett in seinen über 70 Büchern dem Fantasy-Genre, seinen Fans und den Menschen an sich ihre Macken und Attitüden vor Augen.

Sein erstes Buch veröffentlichte Terry Pratchett im Jahr 1971. „Die Teppichvölker“ verkaufte sich damals nicht gut — heute hingegen sind Originale des Werks nur noch schwer zu bekommen. Laut Pratchett selbst war der Roman über kleine Menschlein, die in einem Teppich leben, zwar nicht unbedingt schlecht, aber mit vielen Mängeln behaftet. Pratchett begründete das damit, dass er die „Die Teppichvölker“ mit 17 Jahren zu schreiben begann, eine Zeit, in der er noch unerfahren und dumm gewesen sei. „Damals habe ich noch geglaubt, bei Fantasy ginge es um Schlachten und Könige“, schrieb er im Vorwort einer später veröffentlichten Neuauflage. „Heute neige ich zu der Ansicht, dass sich gute Fantasy damit befassen sollte, wie man Schlachten vermeidet und ohne Könige zurechtkommt.“

Pratchetts Romane sind kleine Weltenlabore.

Genau diese hinterfragend-scharfsinnige Ader war es, die den am 28. April 1948 geborenen Terry Pratchett so besonders machte. Die Werke des Mannes, der stets einen Filzhut trug, sind nicht einfach nur Romane, sondern kleine Weltenlabore, in denen er Themen, die ihn interessierten, sezierte und auf ihre Absurdität abklopfte. In seinem Science-Fiction-Frühwerk „Strata“ amüsierte er sich über bizarre kreationistische Theorien. Pratchett spielte darin mit dem Gedanken, was wohl wäre, wenn das Universum ein riesiger Schwindel wäre; wenn Konstrukteure gezielt Planeten erschaffen und mit falschen Dinosaurierskeletten präparieren, um die eigentlich jungen Himmelskörper älter erscheinen zu lassen — aber auch schon mal einen Turnschuh neben einem T-Rex platzieren. Pratchett wusste um die Macht des Wortes und der Schwindelei, hatte er doch zuvor als Pressesprecher des britischen Stromkonzerns Central Electricity Generating Board gearbeitet.

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Doch wirklich bekannt wurde Pratchett erst mit seiner „Scheibenwelt“-Reihe, die 1983 mit „Die Farben der Magie“ startete und mittlerweile 40 Bücher umfasst: Eine fantastische Mittelalterwelt voller Magie, die auf den Rücken von vier Elefanten ruht, die wiederum auf dem Panzer der gigantischen Schildkröte Groß-A'Tuin stehen und so durch den Kosmos treiben. Sie ist die Heimat von skurrilen Helden, die Pratchett Dinge erleben lässt, die einem irgendwie bekannt vorkommen, aber gerade deswegen faszinierend sind. Fantasy ist das Vergrößerungsglas, mit dem er den Irrsinn des Alltags enttarnt. Hollywood, der Watergate-Skandal, die Post, Tourismus, Technologie, das Versicherungswesen, Shakespeare, Goethe, Mode, die Finazkrise und natürlich Filme und Romane — Pratchett nahm sich allem mit Wonne an.

Egal, wie fantastisch seine Figuren ausfielen, er zeichnete sie stets als Menschen.

Mit Satire half er, unsere Welt zu erklären — auch ihre verworrenen Teile, zum Beispiel die Wissenschaft. Mit „Darwin und die Götter der Scheibenwelt“ und „Die Philosophen der Rundwelt“ verfasste Pratchett Sachbücher zu den Themen Evolution und Philosophie. Dabei erwies er sich über die Jahre in seinem humorigen Texten selbst als Philosoph; als einer, der nicht zuletzt den Ursprung und die Macht von Religion und Glauben kritisch hinterfragte. „Die Göttlichkeit liegt in dem, was du tust“, sagte Pratchett einst. „Nicht im dem, worum du betest.“

Am wichtigsten jedoch waren ihm seine Figuren. Egal, wie fantastisch sie ausfielen, welche Kreatur sie darstellten, Pratchett zeichnete sie im Kern stets als Menschen. Menschen mit Allüren, Unvollkommenheiten, Macken, Zoten und Voreingenommenheiten, die wir alle kennen: Der Sensenmann gibt den Pflichtbewussten, der nur seinen Job macht aber sich auch gerne mal ein scharfes Curry gönnt. Der talentlose Zauberer Rincewind ist ein Möchtegern und Feigling, der sich mit viel Glück durchs Leben schummelt. Die Hexen der Scheibenwelt sind durchgeknallte, aber eigentlich total nette Mädels. Und auch ein magisches Schwert kann ein plappernder Nervtöter sein. Pratchett zeigt uns, wie Menschen nun einmal sind: unvollkommen, verschieden, gern mal doof — aber irgendwie doch ganz okay.

Ich würde den Hintern eines toten Maulwurfs essen, wenn mir das helfen würde!

Terry Pratchett über seine Alzheimer-Erkrankung

In den letzten Jahre kämpfte Terry Pratchett allerdings mit seinem Werk. 2007 diagnostizierten die Ärzte bei ihm Alzheimer. Er konnte nicht mehr tippen und sich keine Handlungen mehr merken. „Ich würde den Hintern eines toten Maulwurfs essen, wenn mir das helfen würde“, schnaubte er. Mit dem Schreiben aufhören wollte er aber nicht. Mithilfe seiner Tochter, eines Assistenten und jeder Menge Merkzettel, gelang es ihm, seine Gedanken weiter in Buchform zu gießen. „Es kommt mir vor, als hätte ich zwei Krankheiten“, sagte Pratchett einmal. „Die eine ist Alzheimer, die andere ist, dass ich weiß, dass ich Alzheimer habe.“ Den so intelligenten und geistreichen Autor ärgerte die Aussicht, erleben zu müssen, wie sein Erinnerung, sein Verstand, seine geistige Beweglichkeit und seine Persönlichkeit schwinden. Auch seiner Familie wollte er das ersparen.

Seit seinem Alzheimer-Befund setzte sich Terry Pratchett vehement für Sterbehilfe ein. Ein Recht, das ihm nur logisch schien: Wer sonst, wenn nicht er selbst, solle über seinen Tod entscheiden. Sein eigenes Ableben ängstige ihn dabei nicht. „Es wird oft gesagt: Bevor du stirbst, siehst du dein Leben vor den Augen vorbeiziehen. Das ist wahr. Das nennt sich Leben“, scherzte Pratchett sogar. Laut seinem Verleger starb Pratchett zwar nicht selbstbestimmt, aber immerhin „zu Hause, während seine Katze auf seinem Bett schlief, umgeben von seiner Familie“. Pratchett hätte der Welt noch viele Lacher und scharfsinnige Weisheiten geben können. Doch er hinterlässt auch so Unmengen an kreativen Geschichten, die noch Generationen begeistern werden. Und letztlich wusste Pratchett selbst: „DER TOD IST NICHT GRAUSAM, EHER SCHRECKLICH, SCHRECKLICH GUT IN SEINEM JOB.“ 

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