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Digital ist besser / Spielekiller?

Johnny Haeusler 25.07.2016

Müssen „Killerspiele“ verboten werden? Unser Kolumnist kann das Bedürfnis nach irgendeiner durchgreifenden Reaktion auf den Amoklauf von München zwar nachvollziehen. Aber: Sie ist keine Antwort auf den Schrecken, egal wie sehr wir uns eine wünschen.

Wir hoffen auf Antworten, denn sie helfen uns, Geschehenes einzuordnen. Wir hoffen auf Antworten, weil wir wissen wollen, wie wir es in Zukunft verhindern können, dass Irrsinnige mit einem LKW durch Menschenmengen rasen, sich selbst und Unbeteiligte während einer friedlichen Demonstration in die Luft sprengen, jemand mit einer Axt um sich schlägt oder ein junger Mann mit einer Schusswaffe Morde begeht.

Und wenn es keine schnellen Antworten gibt, dann sind wir hilflos, was ein unerträglicher Zustand sein kann. Weshalb wir fieberhaft nach Antworten suchen und sogar welche erfinden, um handeln zu können. Und um Forderungen aufzustellen. Wir fordern mehr Überwachung. Mehr Polizei und Militär. Oder Verbote von Videospielen, in denen Gewalt eine Rolle spielt.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Die bittere, traurige und uns allen bekannte Wahrheit ist aber: Auf manche Dinge gibt es keine Antworten, zumindest keine schnellen und sofort befriedigenden. Keine, die es mit völliger Sicherheit verhindern können, dass in schlimmen Momenten alles Falsche und Grausame und Schlechte des Lebens auf einmal passiert und Menschen ihr Leben verlieren.

Die längst erledigt geglaubte Debatte um so genannte „Killerspiele“, womit meist Ego-Shooter gemeint sind, bekommt nach dem Amoklauf in München neuen Aufwind. Wie so oft. Dabei fehlt es an statistischen Zusammenhängen. Trotz großer Verbreitung dieser Spiele konnte in den letzten Jahren kein Anstieg von Gewaltverbrechen nachgewiesen werden, Experten und Studien schätzen den Einfluss von brutalen Spielen auf die Gewaltbereitschaft der allermeisten Jugendlichen als gering bis nicht existent ein. Die plumpe Formel „Ego-Shooter-Spieler = potenzieller Amokläufer“ darf als Blödsinn bezeichnet werden.

Nun gilt gerade die letztgenannte Erkenntnis aber in erster Linie für Jugendliche aus stabilen familiären Verhältnissen, mit relativ guter Schulbildung und einem funktionierenden sozialen Umfeld. Dass täglich mehrstündige CS:GO-Sessions vielleicht nicht die beruhigendste Beschäftigung für einen einsamen, psychisch labilen Menschen sein könnten – das vermuten selbst Hardcore-Gamer.

Stundenlanges Geballer und der Anblick und die Schreie von virtuellen Gegnern und Opfern – auch das sind Erkenntnisse einiger Studien – können durchaus desensibilisierende Wirkung auf das Verhalten von Menschen haben, auch in der Kohlenstoffwelt. Und vor allem können virtuelle Welten eine Zuflucht bieten für diejenigen, die sich in ihrem Offline-Leben überhaupt nicht mehr zurechtfinden, die an der Welt scheitern.

In der Regel macht also nicht das Spiel jemanden psychisch krank. Sondern eine psychisch kranke Person kann – stärker und wirkungsvoller, als jede andere Person auch – in einem Spiel Zuflucht und eben auch Bestärkung finden. Das wiederum muss nicht immer schlecht sein, schließlich können Videogames auch therapeutisch wirken. Aber während ein Spiel mit gewalttätigen Inhalten dem Einen der entladenden Entspannung dient, verstärkt es beim Anderen Gewaltfantasien.

Es ist also komplex, und auch wenn „Killerspiele“ nach dem aktuellen Kenntnisstand nicht der ausschlaggebende Faktor für die Durchführung einer Gewalttat sind, darf eine sachlich geführte Debatte um die Inhalte von Videogames und deren Wirkung durchaus geführt werden. Das passiert meiner Erfahrung nach aber in solch sachlicher Form nur in intellektuelleren Gamer-Magazinen und -Foren und in spezialisierten akademischen Kreisen, die sich schon länger mit der Thematik befassen.

Dort, von wo aus mit langweiliger Regelmäßigkeit Verbote von Gewalt zeigenden Spielen gefordert werden (in der Hoffnung, so spielende Killer zu verhindern), nämlich in Teilen der Politik und auf dem Markt der populistischen Schwarzweiß-Literatur, findet eine echte Debatte nicht statt. Auch deshalb nicht, weil die nötige Sachkenntnis fehlt und vergessen wird, dass die Inhalte von Games ebenso wie die von Filmen vorab durch meist sehr gewissenhaft arbeitende Prüfstellen gesichtet werden. Das Gros der Videogames, die auf dem freien Markt erhältlich sind, durchläuft also zumindest eine Sichtung, der Marktfreigabe und Altersempfehlung folgen (dass sich gerade Jugendliche ungern an letztere halten, dürfte dabei keinen überraschen, der selbst einmal jugendlich war).

Erneute politische Forderungen nach Verboten von bestimmten und bisher als legal beurteilten Games sind deswegen nichts anderes als populistische Nebelkerzen. Und leider keine Antwort.

Letztes Mal bei „Digital ist besser“: Der blanke Horror, live im Netz 

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