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Ein Ex-Mitarbeiter erklärt, was bei WikiLeaks falsch läuft

Elisabeth Oberndorfer 09.01.2017

Eine WikiLeaks-nahe Gruppe sorgt für Aufregung auf Twitter: Ist die Enthüllungsplattform außer Kontrolle geraten oder sind die Vorschläge der „Task Force“ nur eine Drohgebärde? Der ehemalige WikiLeaks-Mitarbeiter und heutige Kritiker Daniel Domscheit-Berg sagt: Die Whistleblower-Organisation war nie transparent – und könnte sich zur politischen Kampagnenplattform entwickeln.

Sechs Jahre lang galt WikiLeaks mit seinem Gründer Julian Assange als Plattform für Transparenz und Sprachrohr der Whistleblower. Doch in den vergangenen Monaten sorgte die Organisation mit ihren E-Mail-Leaks in der Türkei und im US-Wahlkampf immer mehr für Verwunderung. Zahlreiche Unterstützer wurden zu Kritikern. Und jetzt will die Enthüllungsplattform auch noch eine Datenbank mit persönlichen Informationen aller verifizierten Twitter-Nutzer erstellen.

Oder doch nicht? Der Vorschlag kam am Freitag jedenfalls nicht von WikiLeaks selbst, sondern vom Twitter-Account WikiLeaks Task Force. Dabei handelt es sich nicht um eine offizielle Vertretung der Organisation, sondern um einen Zusammenschluss von Freiwilligen, die die Plattform unterstützen und gegen Kritik verteidigen. Die Task Force hat den fraglichen Tweet mittlerweile wieder gelöscht, der offizielle Auftritt von WikiLeaks hat den Vorschlag bislang weder bestätigt noch sich davon distanziert.

Viele fragen sich deswegen: Ist WikiLeaks außer Kontrolle geraten? Diese Frage stellte WIRED dem ehemaligen Mitarbeiter der Plattform Daniel Domscheit-Berg, der über seine Zeit in der Organisation das Buch Inside WikiLeaks geschrieben hat. Seine Antwort: WikiLeaks habe sich nicht erst seit Kurzem verändert. „Transparenz gab es eigentlich nie. Diese Diskussionen sind für mich sechs Jahre alt“, sagt Domscheit-Berg über das Bild, das WikiLeaks derzeit in den Medien abgibt.

Als Organ der Community kann die Task Force Vorschläge äußern. Kommen diese nicht gut an, kann sich WikiLeaks offiziell gut davon distanzieren

Daniel Domscheit-Berg

Entscheidend in der aktuellen Diskussion ist für ihn, dass die Forderung nach einer Datenbank mit persönlichen Informationen nicht von WikiLeaks selbst kam. Die Task Force sieht der frühere Sprecher der Organisation als Testballon: „Als Organ der Community kann sie Vorschläge äußern. Kommen diese nicht gut an, kann sich WikiLeaks offiziell gut davon distanzieren.“ So könne die Plattform sich in die Opferrolle zurückziehen und das angebliche Missverständnis der Medien für sich nutzen: „Wenn es Zweifel gibt, dann ist das eine Munition für die Organisation.“ Denn dann würden die Unterstützer das Netzwerk erst recht verteidigen. Die Forderung der Task Force habe zwar für Negativschlagzeilen gesorgt, den Schaden hält Domscheit-Berg aber für gering: „Die, die WikiLeaks jetzt gut finden, werden das auch weiterhin tun.“

Daniel Domscheit-Berg

Vielmehr sei zu hinterfragen, was die Plattform mit einer Datenbank aller verifizierten Twitter-Nutzer überhaupt vorhabe. In einem Folge-Tweet erklärte die WikiLeaks Task Force, dass man sich einen Social Graph vorstelle, ähnlich wie Facebook oder LinkedIn ihn mit Informationen ihrer Nutzer erstellen. „In Deutschland sind wahrscheinlich ein Großteil der verifizierten Profile Journalisten. Was würde so ein Graph hier bringen?“, fragt Domscheit-Berg. „Das könnte sogar die Arbeit der Journalisten gefährden.“

Die Entscheidungen, die WikiLeaks in den vergangenen Monaten getroffen hat, sind laut Domscheit-Berg schwer zu beurteilen, wenn man die Arbeitsgrundlage der Enthüller nicht kennt: „Die Frage ist, ob sie zum Beispiel sowohl von den Demokraten als auch von den Republikanern E-Mails hatten, oder nur von den Demokraten“, gibt er im Bezug auf den US-Wahlkampf zu bedenken. Habe man Material von beiden Seiten, sei es fragwürdig, nur die von einer Seite zu veröffentlichen.

Es braucht mehr Plattformen für Whistleblower, Monopole sind auch im digitalen Zeitalter nicht gut

Daniel Domscheit-Berg

Die fehlende Transparenz war für Domscheit-Berg auch der Grund, warum er die Organisation im September 2010 verließ: „Eine Organisation wie diese braucht einen Arbeitskodex, ähnlich wie Medien, um nachvollziehbar zu sein.“ Ein solcher Kodex fehle WikiLeaks jedoch, um als seriöse Quelle zu funktionieren. Dass es von Beginn an keine Strategie gab, mache sich erst jetzt durch die Ereignisse der vergangenen Monate in der Öffentlichkeit bemerkbar: „Als ich WikiLeaks verlassen habe, konnten das viele nicht nachvollziehen“, sagt Domscheit-Berg. Mittlerweile habe sich das geändert.

Einen weiteren Grund, warum WikiLeaks außer Kontrolle zu geraten scheint, sieht Domscheit-Berg im Mangel an Konkurrenz: „Es braucht mehr Plattformen für Whistleblower. Derzeit gibt es keine Alternative, und Monopole sind auch im digitalen Zeitalter nicht gut.“ WikiLeaks sei vergleichbar mit einer Schweizer Bank, deren Offshore-Insel das Internet ist: „Dort fordern sie Transparenz ein, die sie selbst nicht liefern.“ Die Zukunft des Projekts sieht Domscheit-Berg als politische Kampagnenplattform: „WikiLeaks hat genug Ressourcen und Reichweite, um umfangreiche Kampagnen durchzusetzen.“

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