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Du hast Verantwortung, stell dich ihr! Ein Offener Brief an PewDiePie

Johnny Haeusler 21.02.2017

Diese Woche schreibt unser Kolumnist einen Brief an einen der größten YouTube-Stars der Welt. PewDiePie wurde Antisemitismus vorgeworfen – und er ist leider nicht sehr gut mit der Kritik umgegangen, findet Johnny Haeusler.

(Englische Version / english version)

Lieber PewDiePie,

Meine Teenager-Söhne lieben dich. Nun ja, sagen wir, sie liebten dich. Sie haben sich ein bisschen entfernt von dir, du weißt, wie das ist auf YouTube: Man mag einen Kanal eine Zeitlang, dann lernt man einen anderen kennen und zieht weiter. Manchmal schauen sie noch deine Clips. Ich mag dich auch. Ich finde dich (manchmal) lustig. Du arbeitest hart, Du bist ein Profi, und wenn man sich deinen Erfolg auf YouTube anschaut und das Geld, das du damit machst: Du warst zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und du hast immer das geliefert, was deine Fans erwarteten. Okay. Bis zu einem gewissen Punkt.

Mit der derzeitigen Aufregung um dich und deine Arbeit und deinen Reaktionen auf den Vorwurf des Antisemitismus bist du mit einer Herausforderung konfrontiert, die aus meiner Sicht immer mehr große YouTuber erleben: Ihr müsst erkennen, dass YouTube nicht die Welt ist und dass die restliche Welt anders funktioniert als YouTube. YouTube mag dein Universum sein, das verstehe und respektiere ich, aber es ist nur ein kleiner Teil der vielschichtigen Realität, in der wir alle leben.

Lass mich klarstellen, dass ich nicht glaube, dass du ein Nazi oder Antisemit bist. Ich glaube auch nicht, dass du ein schlechter Mensch bist. Aber wenn ich mir deine Clips (und die vieler anderer YouTuber) der vergangenen Monate ansehe, merke ich, dass viel zu viel YouTube-Inhalte sich immer nur um das Eine drehen: YouTube. Es geht dann um die Rolle der YouTuber darin, die Rolle der anderen, die Clips oder Kommentare der anderen und so weiter. Das ist alles viel zu Ich-bezogen. Ich komme mir manchmal vor wie in einer Seifenoper.

Wer sich zu sehr auf YouTube als Thema konzentriert, verliert den Blick für das, worum es in der Debatte geht

Johnny Haeusler

Bis zu einem gewissen Grad ergibt es Sinn, sich um YouTube zu drehen. Letztlich ist YouTube der Ort, an dem ihr arbeitet und kommuniziert und auf eine Art sogar lebt. Und es passt auch, die YouTube-Welt so zu behandeln, als sei es die einzig Existierende, wenn es um Spaß und Spiele geht. Aber die Gefahr beim Konzentrieren auf YouTube als einzigem Thema ist bei dem zu sehen, worum es in der Debatte gerade geht: Man beginnt Probleme zu unterschätzen und vermittelt den Eindruck, als hätten alle diejenigen Unrecht, die nicht der eigenen Meinung sind. Ja, diese Macht hast du. Ich muss nicht extra betonen, was Spiderman über so eine Art von Macht denkt.

Um auch den Lesern deutlich zu machen, worum es geht, die deine Geschichte nicht so verfolgt haben, gebe ich sie hier kurz wieder: Du bist in den Medien scharf kritisiert worden für einige Videos, die du gepostet hast: Dort sind u.a. Menschen zu sehen, die du bei Fiverr angeworben hattest. Sie tanzen und halten Schilder mit der Aufschrift „Death to all jews“, weil du sie damit beauftragt hattest. Die Inder, die diesen Job übernahmen, sagen, sie hätten keine Ahnung gehabt, was auf den Schildern stehe. Sie entschuldigten sich später – und du sorgtest dafür, dass sie ihren Job nicht verlieren. Deine Begründung für die Aktion: Du hättest lediglich zeigen wollen, wie weit man gehen kann. Viel zu weit offensichtlich.

Das Wall Street Journal beschuldigte dich anschließend, antisemitische Botschaften zu unterstützen, auf Nazi-Seiten wurdest du als neuer Star der Szene gefeiert. So weit, so schlecht. Disney beendete seine Zusammenarbeit mit dir. Auch ziemlich negativ.

Du reagiertest mit einem kurzen Text und einem Video. Damit machtest du allerdings alles noch schlimmer, fürchte ich. Ja, du sagtest, dass es dir leid tue. Und ja, du sagtest, du hättest begriffen, dass du die Dinge „zu weit getrieben“ hättest. Aber dann beschuldigtest du umgehend die Medien, deinen Clip aus dem Kontext gerissen zu haben und dich unfair zu behandeln. Es sei halt als Witz gemeint gewesen. Anders gesagt: Es ging – wieder – nur um dich. Darum, dass du unfair behandelt worden seist, dass du das eigentliche Opfer seist und dass die Alten Medien dich, deine Arbeit und YouTube generell einfach nicht verstünden.

Du bist in dieser Angelegenheit nicht das Opfer

Johnny Haeusler

Die Medien zu beschuldigen, einen unfair behandelt zu haben und alles irgendwie falsch zu verstehen, klingt verdammt bekannt. Es erinnert an die Art zu handeln und zu reden von Donald Trump. Und wenn man etwas tut, was an Trump erinnert, läuft etwas wirklich schief. Natürlich ist er in wichtigerer Position als du – allerdings nur für einige Menschen. Für andere, vor allem dein (oft junges) Publikum und andere Menschen, denen deine Worte mehr bedeuten als das, was Politiker so sabbeln, ist deine Stimme weit wichtiger.

Deshalb bist du auch nicht „nur ein weiterer YouTuber, der sein Ding macht“, wie du es selbst von dir behauptest. Und deshalb bist du in dieser Angelegenheit auch nicht das Opfer. Du bist ein Star mit einer einflussreichen Stimme. Ob du das nun magst oder nicht. Du hast Verantwortung! Und du wirst genauer beobachtet, kritisiert und härter behandelt als andere Leute. Damit musst du umzugehen lernen.

Hast du ja auch, auf gewisse Weise. Aber du hast dich nicht ausreichend von Nazi-Seiten distanziert. Du hast dich nicht bei der jüdischen Community entschuldigt. Du hast dem Wall Street Journal den Mittelfinger gezeigt, aber nicht den Nazis, die dich feiern. Du hast nicht erklärt warum du plötzlich begriffen hattest, dass manches nicht als Witz funktioniert. Das hätte aber deinem Publikum vielleicht mehr bedeutet als die ständige Wiederholung, dass manche Menschen einfach keine Witze verstehen. Und du hast rechtsgerichtete Organisationen total unterschätzt, als du sagtest, du unterstütztest „keine sich auf Hass gründenden Gruppen“.

Es reicht nicht, Rechte nicht zu unterstützen. Du musst dich abgrenzen, ihnen widersprechen

Johnny Haeusler

Darum geht es: Nazis und ihre rechtsgerichteten Sympathisanten sind nicht nur lediglich eine weitere „Gruppe, die sich auf Hass gründet“. Sie sind nicht nur ein weiterer YouTube-Kanal oder eine weitere Website, die man ignorieren kann. Du weißt, dass Nazis in der Vergangenheit Millionen von Menschen ermordet haben, darunter sechs Millionen Juden. Der aktuelle Zuspruch für Nazis kommt von vielen, die die neuen Rechten unterschätzen und vielen, die ihnen sogar mehr Macht wünschen. Genau solche Leute könnten dann aber dafür sorgen, dass keiner mehr so frei Videos veröffentlichen kann wie du es jetzt tust. Kein PewDiePie mehr unter einem rechten Regime, vertrau mir. Weil künstlerische Freiheit und Meinungsfreiheit genau das sind, was Nazis als erstes abschaffen.

Du als Künstler, der auf Redefreiheit angewiesen bist, kannst dich nicht darauf zurückziehen, Rechte nicht zu unterstützen. Du musst dich klar von ihnen abgrenzen und dich dagegen wehren, dass sie mit oder in deinem Namen agieren. Sonst glaubt dir bald keiner mehr außerhalb des YouTube-Universums. Dann wirst du wieder und wieder kritisiert werden – und wirst dich wieder und wieder unfair behandelt fühlen.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED Germany geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen noch mehr Software in unserem Leben brauchen.

Guck dir noch mal ganz genau die Kommentare unter deinem Antwort-Video an. Bringt es dich nicht zum Nachdenken, wie viele Leute dort angeben, deinen Kanal abonniert zu haben genau wegen des Nazi-Vorwurfs des WSJ? Diese Leute sagen sogar, sie würden sich gar nicht für deine Videos interessieren. Fühlt es sich nicht komisch an, wenn Menschen dich in einem Kampf gegen „FAKE NEWS and the ENTIRE mainstream media“, welche die Welt angeblich auf ihre ganz eigene Weise regieren würden, und dich da als Verbündeten sehen, obwohl du das nie so gesagt hast? Machst du dir keine Sorgen, wenn dich plötzlich Leute unterstützen, welche die großen Medien als „shit fascists“ beschimpfen? Kümmern dich wirklich Menschen nicht, die den Holocaust „als Witz“ in „Pewdiecaust“ umbenennen? Fragst du dich nicht, warum deine Kommentatoren immer wieder „SWJ“ erwähnen, die Social Justice Warriors (im übertragenen Sinne: Gutmenschen), einen Begriff, den Rechte nutzen, um Menschen zu beleidigen, die die Welt zu einem besseren Ort machen wollen?

Das ist doch ein ganz klassisches Kapermanöver, das die Rechten da derzeit mit deinen Kommentarspalten veranstalten. Ich fürchte echt, dass das deine Arbeit und deinen Ruf komplett ruinieren könnte. Ich glaube nämlich noch immer daran, dass dir wichtig ist, wie junge Menschen auf all das reagieren.

Ich finde den WJS-Artikel ziemlich schlecht. Das passiert, und, ja, es könnte mit den „Alten Medien“ zu tun haben, die die „Neuen Medien“ noch immer nicht verstehen. Aber zum Teil geht es auch darum, dass die Neuen Medien die alten zu wenig begreifen. Das Leben ist keine Einbahnstraße.

Die Welt außerhalb von YouTube ist deutlich komplexer als die innerhalb. Ich weiß, dass du es hasst, wenn dir jemand sagt, was du zu tun hast. Ich hasse das auch. Deshalb kann ich nur hoffen, dass du diese Worte überhaupt liest und wenn, dann sogar ein paar Minuten darüber nachdenkst. Du kannst der Verantwortung für deine Worte und Taten nicht ganz entfliehen, wenn du so bekannt bist. Und ich fürchte, dass es nicht damit getan ist, etwas einen Witz zu nennen. Aber ich bin mir sicher, dass deine Arbeit und dein Verhalten einen positiven Einfluss auf dein Publikum haben können, vielleicht sogar auf die Welt, mindestens jedenfalls die YouTube-Welt. Ohne dass du dabei darauf verzichten müsstest, lustig, unterhaltsam, ja pewdiepie-typisch provokant zu sein.

Danke, dass du das hier gelesen hast. Stay aweseome. And become even awesomer.

Dein Johnny

P.S.: Nach der Veröffentlichung dieses Briefes hatte ich ein paar interessante und gute Diskussionen mit Pewdiepie-Fans. Abgesehen  vom „es war doch nur ein Witz“-Argument, das ich etwas anders sehe, wie man oben lesen kann, halte ich ein anderes Argument für ziemlich wichtig. Dieses sagt: Der Zuspruch und Applaus aus der rechten Ecke für Pewdiepie wäre gar nicht erst passƒiert, hätte das WSJ den YouTuber nicht als quasi-Nazi portraitiert.

Obwohl ich die Punkte in meinem Brief für valide halte und mir wünschte, Pewdiepie hätte auf die Rechten genauso harsch reagiert wie auf das WSJ, halte ich das Argument für durchaus beachtenswert. Und möchte daher einen weiteren offenen Brief, diesmal ans WSJ, hinterhersenden:

Sehr geehrtes Wall Street Journal,

ich schätze ihre Arbeit sehr. Aber ihr Zusammenschnitt der Pewdiepie-Videos war Mist.

Viele Grüße, Johnny

(Englische Version / english version)

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