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Digital ist besser: Warum das Internet of Things Regulierung braucht

Johnny Haeusler 13.02.2017

Das Internet der Dinge braucht Regulierung, findet unser Kolumnist Johnny Haeusler. Und schlägt dafür eine Zusammenarbeit von staatlichen Behörden und gemeinnützigen Organisationen vor.

Als ich im vergangenen Jahr einen Fernseher kaufen wollte, dachte ich eigentlich nur an einen größeren Monitor, an den ich wahlweise kleine Streaming-Kistchen oder Game-Konsolen hängen würde. Lineares Fernsehen wird in unserem Haushalt kaum noch genutzt.

Reine Monitore in wohnzimmertauglicher Größe gibt es jedoch nicht zu erschwinglichen Preisen, heutzutage muss es ein Smart-TV sein, ein Fernseher mit (meist Android-)Betriebssystem. Seitdem wir ein solches Gerät gekauft haben, fährt unser Fernseher also minutenlang hoch, stürzt hin und wieder ab und installiert mitten in der Nacht Updates, die regelmäßig dazu führen, dass am Tag danach bestimmte vorinstallierte Apps nicht mehr funktionieren. Wie gesagt: Ursprünglich wollte ich nur einen Monitor und kein weiteres mit dem Internet verbundenes Gerät in unserem Haushalt. Aber den gab es nicht.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Ein Netz voller Sicherheitslücken
Aus Spaß und Interesse habe ich vor ein paar Monaten auch mal ein paar „intelligente” Glühbirnen bei uns installiert, inspiriert wurde ich dazu von einem Gespräch mit Ix, der seine Erfahrungen mit dem Internet der Dinge und Heimautomatisierung oft in seinem Blog dokumentiert. Allerdings wage ich es nicht, das Glühbirnen-System über unser WLAN hinaus „nach außen” zu öffnen, denn erstens sehe ich äußerst wenig Sinn darin, vom Büro aus Lampen zuhause an- oder ausschalten zu können, zweitens gibt es wenig Anlass zur Vermutung, dass Sicherheitslücken nicht erneut auftreten können. Und außerdem haben wir im Oktober 2016 gesehen, wie vernetzte Haushaltstechnologien mal eben ganze Teile des Internet lahmlegen können. Da will ich mal lieber nicht dran beteiligt sein!

Ich bin, vielleicht zum ersten Mal in meinem Online-Leben, extrem vorsichtig geworden, was vernetzte Technologien angeht. Geräte wie Amazons Alexa, die potentiell alles mithören, übertragen und speichern können, was in ihrem Umfeld gesprochen wird, kommen mir nicht ins Haus, solange sie unreguliert ihre Dienste verrichten.

Richtig gelesen. Ich befürworte die Regulierung des Internets der Dinge, kurz: des gesamten Internets. Die zu beantwortende Frage ist, wer dafür zuständig sein sollte, und ich denke, dass es eine Mischung aus politischen Regulationsbehörden und gemeinnützigen Organisationen sein muss.

Ein Roboter von der Größe der Welt
Der Sicherheitsexperte Bruce Schneier spricht in seinem Artikel zum gleichen Thema von einem „World-size robot”, einem Roboter von der Größe der Welt, und er meint damit das „neue” Internet, das Internet der Dinge, das alles und jeden miteinander verbindet. Denn die Zeiten, in denen „Internet” die Vernetzung vieler als solche erkennbare Computer und Server bedeutete, sind vorbei.

Technisch gesehen sind es natürlich immer noch Computer und Server, die miteinander verbunden sind, doch sind diese inzwischen als Atomkraftwerke, Autos, Konten, Armbanduhren, Heizungsthermostate und Glühlampen verkleidet. Oder als Herzschrittmacher. Diese Geräte verrichten ihre Arbeit nicht selten ohne jede Transparenz, ohne unsere explizite Kenntnis und Zustimmung, vor allem aber ohne bestimmte Regeln. Und da sich viele dieser Technologien am Markt orientieren, der vor allem niedrige Produktions- und Abgabepreise fordert, was geringe Investitionen in Sicherheitsaspekte bedeutet, können sie enorme Sicherheitsrisiken darstellen. Die im Fall von Autos oder Herzschrittmachern auch über Leben und Tod entscheiden könnten.

Im Fall von Autos oder Herzschrittmachern könnte fehlende Sicherheit auch über Leben und Tod entscheiden.

Johnny Haeusler

​Schneier glaubt an die nötige Errichtung neuer Regulierungsbehörden und fordert IT-Fachleute zurecht auf, sich auch politisch auszubilden, damit diese Behörden eben nicht weiterhin allein von professionellen Politikerinnen und Politikern ohne jede technische Sachkenntnis besetzt werden. Er wünscht sich dafür neue Berufsfelder, „IT-Politiker” sozusagen, deren Karrieren vielleicht nicht ganz so glamourös wie in einem Startup verlaufen würden, aber immerhin eine berufliche Perspektive über das Ehrenamt oder den beratenden Nebenjob hinaus bieten könnten.

Ich stimme Schneier in vielen Punkten zu. Die Akzeptanz der Politik durch die IT-Welt, durch Expertinnen und Experten, braucht mehr als die ständige und oft berechtigte Kritik an ihr, sie braucht aktive Beteiligung mit positiver Vision. Denn eingreifen wird die Politik sowieso, auch, weil es ihre Aufgabe ist. Dafür zu sorgen, dass politische Eingriffe in Internet-Technologien aber möglichst transparent, weitsichtig und fundiert geschehen, sollte dabei Aufgabe derer sein, die sich gut auskennen – und die sich dafür ihrerseits zusätzlich politisches Fachwissen aneignen müssten.

Im Gegensatz zu Schneier halte ich allerdings die alleinige Einrichtung von neuen Regierungsstellen für nicht ausreichend. Ohne die Begleitung nicht-staatlicher Organisationen entstünden Entscheidungssilos, in denen letztendlich doch wieder nur staatliche Interesse durchgesetzt werden könnten. Ein Internet der Dinge ohne Regeln ist vielleicht nicht das, was ich mir wünsche. Ein „world sized robot”, in dessen Steuerzentrale ein oder mehrere Verrückte sitzen, aber sicher auch nicht.

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